"Wild Grammar" Thema EMAF 2019 in Osnabrück: Möglichkeiten und Gefahren der Sprache

Das EMAF-Team vor der Lagerhalle mit den Festivalleitern Hermann Nöhring (2. v. links), Katrin Mundt (4. von links) und Alfred Rotert (5. von links)  Foto: Gert WestdörpDas EMAF-Team vor der Lagerhalle mit den Festivalleitern Hermann Nöhring (2. v. links), Katrin Mundt (4. von links) und Alfred Rotert (5. von links) Foto: Gert Westdörp

Osnabrück . "Wild Grammar" lautet der Titel des 32. "European Media Art Festival" in Osnabrück. Es beleuchtet die positiven und negativen Aspekte der Sprache als Mittel der Verständigung, der Gesellschaftskritik und als Instrument der Manipulation. Das Festival startet am 24. April und geht bis zum 28. April.

Mit "Wild Grammar" ist das 32. "European Media Art Festival" (EMAF) in diesem Jahr überschrieben. Das Motto prangt in wildem Typografie-Mix auf Plakaten und Programmen und deutet so auch optisch an, worum es gehen soll: Um die Sprache als Verständigungsmittel und (grammatisches) System mit  Wirkung auf das Denken und die Wahrnehmung. Katrin Mundt, neue Leiterin der Filmprogramme für den ausgeschiedenen Ralf Sausmikat, benannte bei einer Pressekonferenz in der Lagerhalle aber auch die wilde und chaotische Seite von Sprache, wenn sie gegen jede Norm anarbeitet, wie es oft in künstlerischen Positionen geschieht.

Kritik an der Wirklichkeit

"Wilde Grammatik" und damit ist auch die Sprache der Bilder gemeint, enthält also auch Kritik an unserer sprachnormierten Wirklichkeit Dafür kann sie sich einerseits auf die geschichtliche Tradition des Dadaismus, des Fluxus oder des Surrealimus mit ihren Sprachexperimenten berufen. Das EMAF nimmt sich aber auch die politische Dimension von Sprache vor: Wenn in einem hohen Lebenstempo wie jetzt alle gleichzeitig reden und Sprache flüchtig wird, dann entstehen Fake Facts, gefühlte Realitäten mit gravierenden Konsequenzen für die Politik. Werte und Bekenntnisse, die früher klar politisch links oder rechts zugeordnet waren, würden nun von der Gegenseite vereinnahmt und in ihrer Bedeutung umgedreht. Damit kennzeichnete Katrin Mundt eine Kehrseite der so kreativen "wilden Grammatik". Das Festival unter Leitung von Mundt, Hermann Nöring und Alfred Rotert will nun versuchen, die verschiedenen Seiten in seinen fünf Abteilungen zusammenzubringen.

Sprache der Hooligans

In der großen Ausstellung in der Osnabrücker Kunsthalle kreieren internationale Künstler eigene "wilde Grammatiken". So wurden bei der Pressekonferenz Ausschnitte der Installation "4. Halbzeit" von Wermke/Leinkauf" gezeigt, die das ganz Kirchenschiff bespielt und sehr laut wird. Gänsehaut stellt sich ein, wenn das Feuerwerk, das Hooligans in Fußballstadien entzünden, den Explosionen in aktuellen Kriegsgebieten ähnelt. Am 9. Mai, nach dem Festival also, gibt es eine Podiumsdiskussion zum Thema Sprache der Hooligans, einer weltweiten Jugendkulturbewegung, die anarchisch versuche, so Katrin Mundt, sich der Einordnung und Berechenbarkeit zu entziehen. Laut kommt auch die "Flexible Erwartungsauffälligkeit" von Catharina Szonn in der Kunsthalle daher. An rotierenden Fleischerhaken wird gemächlich Müll aller Art geschreddert.

Das Filmprogramm schickt 51 kurze und lange Filme aus mehr als 20 Ländern in den Wettbewerb für die drei Festival-Preise, neben dem üblichen Nordamerika nun auch mit Südamerika als Schwerpunkt. Die Pressevertreter bekamen einen Ausschnitt aus Vincent Meesens "Ultramarine" zu Gesicht, der die koloniale Geschichte der Farbe Blau thematisiert zum treibenden Rhythmus des Schlagzeugs von Lander Gyselinck und Worten des Dichters Kain.  Außerhalb des Wettbewerbs bietet das Kuratorenduo Gabriela Monroy und Caspar Stracke aus Berlin ein fünfteiliges Programm zur "Wilde Grammar" an und umkreist etwa Fragen danach, wie ein Film ohne Sprache erzählen oder ob man einen Film mit geschlossenen Augen sehen kann. Dabei sind aktuelle Beiträge, aber auch Klassiker aus Videokunst und Experimentalfilm. Den Abschluss macht Jean-Luc Godards englisch untertitelter Film "Bildbuch". 

Im Media Campus Init werden neben fünf Filmprogrammen noch mehr studentische Arbeiten präsentiert als im Vorjahr. Im Kunstraum Hase29 und im BBK-Kunstquartier der Uni stellen Studierende ihre Arbeiten aus, die sich nicht direkt, aber hier und da indirekt auf das Festivalthema beziehen. Kunsthochschulklassen aus Gent, Enschede, Köln und Bremen sind im Haus der Jugend  und in einem Ladenlokal in der Heger Straße präsent.

Die Konferenz heißt dieses Jahr "EMAF Talks" und will Schnittmengen schaffen im Programm. Als Schwerpunkt nennt Kuratorin Sabine Maria Schmidt eine neue Sprache der Kunstformen, auch von Tieren und Pflanzen. Diskutiert wird über das neue Alphabet des Algorithmus wie über die Sprache der Rapper. Hellhörig macht Claudio Agosti mit seinem Beitrag "Algorithmen steuern unsere informative Erfahrung: die Geschichte unseres Widerstands". Darin geht es um die Analyse von Facebook-Aktivitäten und ihrer Manipulationsversuche, die unter anderem für den Brexit verantwortlich gemacht werden. Kurator Alfred Rotert hofft, dass eine entsprechende Internetseite pünktlich zum EMAF an den Start geht, die kurz vor der Europawahl präventiv aufdecken hilft, wo politische Manipulation über soziale Medien gerade versucht wird. Ein hochbrisantes Thema. 

Das EMAF startet am Mittwoch, 24. April und geht bis zum 28. April. Weitere Informationen auf emaf.de


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