Alleinerziehend mit vier Kindern Keine Chance bei Vermietern: Osnabrücker Familie sitzt im Frauenhaus fest

Sabine C. und ihre Kinder wünschen sich nichts sehnlicher als eine eigene Wohnung. Foto: Michael GründelSabine C. und ihre Kinder wünschen sich nichts sehnlicher als eine eigene Wohnung. Foto: Michael Gründel

Osnabrück. Die Hoffnung, in Osnabrück eine Wohnung zu finden, hat Sabine C. schon aufgegeben. Seit sie vor anderthalb Jahren Schutz vor ihrem Mann gesucht hatte, lebt sie mit ihren vier Kindern im Frauenhaus. Weil andere Bewohnerinnen dort ebenfalls festhängen, musste das Frauenhaus 2018 so viele Frauen abweisen wie noch nie.

Sabine C. hatte also noch Glück. An einem Samstagabend im September 2017 packte sie nach einem Streit mit ihrem Mann ihre Sachen und verließ ihn zusammen mit den vier Kindern. Am Dienstag schon konnte die Familie im Osnabrücker Frauenhaus einziehen, weil zufällig gerade ein Zimmer frei war: Circa 15 Quadratmeter mit zwei Stockbetten und einem normalen Bett für die Mutter und ihre vier Kinder. Bad und Küche teilten sie sich in den ersten Monaten mit zwei anderen Müttern und ihren Kindern. "Das war morgens witzig", sagt Sabine C. "Die standen Schlange vor dem Bad – aber es hat sich vertragen."  

Die zierliche 38-Jährige beschwert sich nicht; ihr Leben im Frauenhaus ist immer noch besser als das mit ihrem Ex, sie fühlt sich dort gut unterstützt. Doch aus der Notlösung wurde eine Dauerlösung. Seit einem Jahr schon sucht sie für sich und die Kinder eine eigene Wohnung. "Ich weiß nicht, wie viele Vermieter ich schon angeschrieben habe", sagt Sabine C. "Ich habe nicht nachgezählt." Zur Besichtigung wurde sie bislang nur ein einziges Mal eingeladen, und das war eine Sammelbesichtigung zusammen mit vielen anderen Bewerbern. 

Ansonsten bekomme sie oft zu hören: "Damit wollen wir nichts zu tun haben, das ist uns zu heikel." Mal sagt sie direkt, dass sie gerade im Frauenhaus lebt, weil sie hofft, dass vielleicht ein Vermieter Mitleid hat, mal sagt sie es nicht. Es reichen schon die übrigen Kriterien: alleinerziehend, vier Kinder, Hartz IV. Ihre Schlussfolgerung: 

"Da wird dann doch das solvente Pärchen bevorzugt."

Es klingt nicht verbittert, es klingt wie eine einfache Tatsache, wenn sie das sagt. In ihrem Fall würde das Jobcenter eine Wohnung bis 95 Quadratmeter zahlen. Kosten darf die Grundmiete maximal 760 Euro plus bis zu 129,20 Euro Nebenkosten, plus Heizung.

Aber die Mutter bekommt stets die Antwortvarianten: "Wir bevorzugen Paare", oder: "Wir vermieten lieber an Studenten in einer WG", oder: "Es sind ältere Menschen in der Nachbarschaft, die es gerne ruhig haben." Einmal sei sie sogar gefragt worden, ob sie vorhabe, sich einen neuen Partner zu suchen. 

Foto: Michael Gründel

Zu ihrem Ex sagt Sabine C. nur so viel: Er sei drogen-, alkohol- und spielsüchtig, "und wenn er sein Geld, seinen Alkohol und seine Drogen nicht bekommt, wird er aggressiv." Die Scheidung läuft. Als sie ihn verließ, lebten sie im Ruhrgebiet, C. wollte aber nach Osnabrück, weil ihre Eltern in der Region wohnen. Durch Zufall fand ihr Ex heraus, dass sie im Osnabrücker Frauenhaus untergeschlüpft ist, mittlerweile lebt er auch in der Stadt. 

Zahl der abgewiesenen Frauen auf Rekordniveau

Ihre Kinder sind fünf, neun, zwölf und dreizehn Jahre alt. Die beiden Großen haben mittlerweile eigene Zimmer. "Das war uns so wichtig", sagt Frauenhaus-Mitarbeiterin Marion Kuhlmann, "weil es einfach nicht mehr ging mit nur einem Zimmer." Aber dadurch blockiert die Familie drei Zimmer im Frauenhaus – und das muss immer häufiger Frauen in Notlagen abweisen.

308 Frauen mit 225 Kindern fragten im vergangenen Jahr vergeblich nach einem Zimmer – denn die waren alle voll. Damit hat das Osnabrücker Frauenhaus 2018 so viele Schutzsuchende abweisen müssen wie noch nie:

"Es ist bitter", sagt Frauenhaus-Mitarbeiterin Marion Wenzel. Andere Frauen leben teilweise auch schon seit vielen Monaten im Frauenhaus und finden keine Wohnung. Immerhin: Zu einer Immobilienverwalterin hat das Frauenhaus Kontakt, die ihnen immer mal wieder eine freie Wohnung vermittele. "Davon bräuchten wir mehr", sagt Wenzels Kollegin Marion Kuhlmann.

Der fünfjährige Sohn und die neunjährige Tochter von Sabine C. haben gut Anschluss gefunden in Kindergarten und Grundschule, deshalb möchte sie in Osnabrück bleiben. Ihr zwölfjähriger Sohn und die 13-jährige Tochter tun sich noch schwer. Freunde nach Hause einladen, wie es für Kinder selbstverständlich ist, ist im Frauenhaus unmöglich. "Das musste ich dem Kleinen jetzt beibringen", sagt die 38-Jährige.

Foto: Michael Gründel

Der Standort des Frauenhauses ist geheim und soll es auch bleiben. Und den beiden Großen sei ihre Wohnsituation unangenehm – übrigens der Hauptgrund, warum ihre Mutter lieber anonym bleiben möchten. Wenn die Großen sich mit Freunden verabreden, dann möglichst draußen, damit gar nicht erst die Frage aufkommt, ob die anderen sie nicht auch zu Hause besuchen dürfen.  

"Seit über einem Jahr fragen die Kinder ständig, wann wir endlich eine eigene Wohnung haben", sagt die 38-Jährige. Viele Bastelarbeiten haben sie schon zur Seite gelegt, weil sie sie irgendwann aufhängen wollen. "Ich wünsche mir einfach, einen Vermieter mit Herz zu finden."

Hilfe für Frauen in Osnabrück

Das Osnabrücker Frauenhaus ist rund um die Uhr unter der Notrufnummer 0541 65400 erreichbar und im Internet über die Seite www.frauenhaus-os.de, E-Mail info@frauenhaus-os.de.
Beratung bei Stalking, häuslicher und sexueller Gewalt bietet die Osnabrücker Frauenberatungsstelle (www.frauenberatung-os.de). Der Frauennotruf, Tel. 0541 8601626, ist erreichbar montags bis freitags von 9 bis 12 Uhr sowie samstags, sonn- und feiertags von 10 bis 11 Uhr.


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