Für „Herren mit eigenem Hausstand“ In der Osnabrücker Hakenstraße war einst der "Klub der Harmonie"

Der Klub der Harmonie im vormaligen Adelshof von Morsay-Picard in der Hakenstraße 14, um 1914. Der Blick geht in Richtung Krahnstraße. Foto: Rudolf Lichtenberg, Fotografische Sammlung des Museumsquartiers OsnabrückDer Klub der Harmonie im vormaligen Adelshof von Morsay-Picard in der Hakenstraße 14, um 1914. Der Blick geht in Richtung Krahnstraße. Foto: Rudolf Lichtenberg, Fotografische Sammlung des Museumsquartiers Osnabrück

Osnabrück. In der Osnabrücker Hakenstraße wird häufig gestritten. Schließlich ist dort das Arbeits-, das Sozial- und das Verwaltungsgericht beheimatet. Früher hingegen herrschten am selben Ort mehr als 130 Jahre Freude, Frohsinn und geselliger Austausch – im "Klub der Harmonie".

Die Gründung des Klubs am 1. März 1807 fiel in eine Zeit, in der das Bürgertum an Ansehen und Bedeutung gewann. Mitglieder kamen aus dem „gehobenen Mittelstand“, wie man heute sagen würde, sie waren Kaufleute, mittlere Beamte, Rentiers und wohlhabende Handwerker.

In der sozialen Schichtung war der "Klub der Harmonie" etwas unterhalb des bereits 1793 gegründeten Großen Clubs angesiedelt, in dem Adel, höhere Beamte und Militärs sowie Fabrikanten den Ton angaben. Die Vereinssatzung des Harmonieklubs drückt noch 1928 klare Abgrenzungen aus: Ordentliche Mitglieder dürfen nur Herren werden, „welche in selbständiger Stellung sind oder einen eigenen Hausstand haben. Herren in nicht selbständiger Lebensstellung sowie Damen können nur außerordentliche Mitglieder werden.“ Letzteres betraf Witwen, deren Gatten bis zu ihrem Tode ordentliche Mitglieder gewesen waren und alle Beiträge entrichtet hatten. Während des Trauerjahres brauchten die Witwen keinen Beitrag zu bezahlen.

Zweck des Vereins war die „Beförderung des Gemeinsinns, der Genuß gesellschaftlicher Unterhaltung und die vertrauliche und freundschaftliche Annäherung ihrer Mitglieder“, wie es 1937 in einer Werbeanzeige im Osnabrücker Adressbuch heißt.

Zu den Gründungsmitgliedern 1807 gehörten der Tuchhändler und Senator Gerhard Friedrich Wagner, dem Osnabrück den Bürgerpark auf dem Gertrudenberg verdankt, und der Weinhändler Ehmbsen. Bei Ehmbsen in der Krahnstraße 17/18 fanden zunächst auch die Zusammenkünfte statt. Nach zehn Jahren tat sich die Gelegenheit auf, den alten Adelshof des Freiherrn von Morsay-Picard an der Hakenstraße 14 zu mieten. Heinrich von Morsey gehörte die Krebsburg bei Ostercappeln. Wie es sich für eine Familie von Stand gehörte, suchte man aber auch einen Wintersitz in der Nähe des fürstbischöflichen Schlosses. Den fand man in der Hakenstraße. 

Das Behördenhaus von 1955 steht heute an gleicher Stelle. Das Nikolaizentrum im Hintergrund teilt als Querriegel die Hakenstraße und verhindert den Durchblick in ihren nördlichen Abschnitt bis zur Krahnstraße. Foto: Joachim Dierks

An die Geschichte des Hauses erinnerte das Adelswappen über dem Eingang mit der Freitreppe, das dort auch verblieb, nachdem der Harmonieklub das Haus 1838 käuflich erwarb. Es war ein Allianzwappen, das die verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen von Morsey-Picard und Familie von Twickel auf Havixbeck im Münsterland zeigte.

1852 ließ der Verein in die Tiefe des Grundstücks hinein einen Festsaal anbauen, 1895 folgte eine Kegelbahn im Klubgarten. Insbesondere der Festsaal wurde bald zu einem Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens in der Stadt. Häufig traten namhafte Künstler bei Konzerten oder Gastspielen auf, die die Menschen „von ihrer täglichen Sorge um die Existenz ablenken, aufbauen oder auch nur unterhalten, häufig aber beglücken“. Private Clubs und Vereinshäuser boten diesen Veranstaltungen eine Bühne, bevor im Jahr 1900 das Vereinshaus (Stadthalle) am Kollegienwall fertig wurde und insbesondere Großveranstaltungen an sich zog.

Der Saal des Harmonieklubs blieb aber weiterhin gut ausgelastet. 1909 las darin Hermann Hesse aus seinen Werken. Er kam auf Einladung seines Freundes, des „Dichters und Richters“ Amtsgerichtsrat Bernard Wieman. Die Lesung hinterließ anhaltende Wirkung: Danach bildete sich ein Osnabrücker Hesse-Freundeskreis, der mehr als 53 Jahre steten Briefkontakt zu Hesse hielt. 1913 feierte die Osnabrücker Sektion des Alpenvereins ganz groß ihr 25. Stiftungsfest. Der Aufforderung des Vorstandes folgend, waren sämtliche Damen und Herren, 250 an der Zahl, „in Älplertracht oder im Bergsteiger-Lodenrock“ erschienen. Malermeister Niebaum hatte großflächige Bilder mit Bergmotiven an die Wände gebracht, von denen das größte das Kärntner Elendtal mit der Osnabrücker Hütte wiedergab. Pastor Mielke aus Venne entbot in voller Bergsteigertracht einen Willkommensgruß in launigen Reimen.

1914 hatte der Heimatschutzbund eine Ausstellung im Harmoniesaal organisiert, in dem es um menschenfreundlichen Städtebau und gegen „Mietskasernen“ ging, in dem aber auch beispielhaft möblierte Innenräume aufgebaut waren. Der Hausfrauenbund karrte die Dienstmädchen der Damen massenweise dorthin, um ihnen „Anregungen für die Wohnungsfrage“ zu geben. Er wollte „auch den zukünftigen Frauen des Kleinbürgertums einen Einblick in die Anforderungen der Gegenwart für das Wohnen im eigenen kleinen Heim geben“.

Nur wenig später ist es mit öffentlichen Veranstaltungen vorbei, für die Dauer des Ersten Weltkriegs wird der Harmonieklub zum Reservelazarett umfunktioniert.

Die Bomben des Zweiten Weltkriegs bereiten dem Verein und dem Gebäude 1944 ein Ende. Die Hakenstraße gehört zu den am stärksten in Mitleidenschaft gezogenen Straßenzügen der Innenstadt.


Das ließ der Bombenkrieg von der Hakenstraße übrig. Foto: Karl Ordelheide, aus: Spratte Osnabrück 1945 – 1955, Verlag Wenner, 2005


Wenn man einen Vorkriegs-Osnabrücker unvermittelt in der heutigen Hakenstraße absetzte, würde er am südlichen Ende die Katharinenkirche, die Poggenburg und vielleicht noch die Möser-Mittelschule wiedererkennen, nördlich davon aber nichts mehr. 



1955 nimmt der Neubau des Behördenhauses den Platz des alten "Klubs der Harmonie" ein. Das Staatshochbauamt wird Hauptnutzer des von Werner Hermann entworfenen Baus, dem eine hohe architektonische Qualität bescheinigt wird und der inzwischen unter Denkmalschutz steht. 2012 zieht das Staatliche Baumanagement aus und die Fachgerichte für Verwaltung, Arbeit und Soziales werden die Hauptmieter.


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