Zu wenige Plätze Wie Elterninitiativen das Osnabrücker Kita-Chaos lösen wollen

Die Kita Kindervilla in der Katharinenstraße ist eine von neun Elterninitiativen, die in Osnabrück im Dachverband "Deos" organisiert sind. Foto: Michael GründelDie Kita Kindervilla in der Katharinenstraße ist eine von neun Elterninitiativen, die in Osnabrück im Dachverband "Deos" organisiert sind. Foto: Michael Gründel

Osnabrück. Julia Meyer traut sich fast nicht mehr ans Telefon zu gehen. Ständig rufen bei der Leiterin der Kita "Kindervilla" in der Osnabrücker Katharinenstraße panische Eltern an, die von ihren Wunschkitas bislang nur Absagen bekommen haben.

Die Kindervilla ist eine von neun Kitas, die als Elterninitiativen im Dachverband "Deos" organisiert sind. Deos stand dem neuen Online-Anmeldeverfahren von Anfang an kritisch gegenüber. "Wir sehen uns leider bestätigt", sagt Meyer (Foto).

Foto: Michael Gründel

In diesem Jahr scheint die Unsicherheit der Eltern, ob sie nun ab August einen Betreuungsplatz für ihren Nachwuchs haben, größer zu sein als üblich. Tagesmütter und Kita-Leiterinnen wie Julia Meyer merken das daran, dass noch mehr Eltern bei ihnen anrufen als sonst, die noch keinen Platz gefunden haben. Waren es laut Meyer jährlich rund 50 bis 70, seien es in diesem Jahr erheblich mehr. 

"Die Kita-Leitungen sind momentan schon fast Familienberater", sagt sie. Weil sie mit den Eltern besprechen, welche Optionen es noch gibt, ob etwa die Großeltern eingespannt werden könnten, ob nicht für den Anfang ein Halbtagsplatz reiche, ob eine Tagesmutter oder ein Tagesvater vielleicht eine passende Alternative wäre, und, und, und. Bei jeder Familie ist die Betreuungssituation eine andere – und die Kita-Leiter kennen sich bestens aus in der Kita-Landschaft vor Ort. 

"Ich vermute, dass den Eltern durch die Online-Anmeldung suggeriert wurde, dass sie eine Platzsicherheit hätten", sagt Julia Meyer. Vier Wunscheinrichtungen durften sie in diesem Jahr erstmals online angeben, die Auswahl treffen die Einrichtungen autonom. Die Stadt erhoffte sich von dem neuen Verfahren einen besseren Überblick und wollte Zehnfachanmeldungen einzelner Eltern vermeiden. Einen Überblick wird die Stadtverwaltung allerdings erst haben, wenn das Nachrückverfahren am 18. April abgeschlossen sein wird.

Plätze reichen nicht 

Doch schon jetzt ist klar, dass die Plätze in diesem Jahr nicht reichen. Bis Anfang April waren 680 Kinder noch ohne Platz. Die Stadt plant derzeit, ab August übergangsweise Container an acht Kita-Standorten aufzustellen, um dem Mangel Herr zu werden. Berücksichtigt werden sollen zunächst nur die Eltern, die sich nach vier Absagen ans Kinder- und Familienservicebüro wenden. Bis vergangenen Freitag war das bei 233 Kindern der Fall, sagt der zuständige Fachbereichsleiter Hermann Schwab, 29 davon hätten mittlerweile einen Platz. 

Erzieherin Julia Meyer, die Osnabrücks Nachbargemeinde Wallenhorst lebt, hat selbst keinen Krippenplatz für ihr Kind bekommen. Sie weiß, wie sich die Eltern fühlen. Doch beim Online-Anmeldeverfahren würden sie bei einer Absage kein automatisches Feedback und damit auch keine Beratung bekommen, gibt die Kindervilla-Leiterin zu bedenken. 

Musterbeispiel Hamburg

Deos habe schon vor sechs Jahren eine tatsächliche Bedarfsabfrage bei den Eltern gefordert. Diejenigen, die berufstätig sind und eine wirkliche Betreuungsnot hätten, sollten zunächst berücksichtigt werden, findet Meyer.  Sie verweist auf das Beispiel Hamburg: Dort erhalten Eltern sogenannte Betreuungsgutscheine. Sie müssen nachweisen, wie viel sie arbeiten und wie viele Betreuungsstunden sie benötigen. Am Ende erhalten sie eine Karte, den Gutschein, mit dem sie zu den einzelnen Kitas gehen. Die sagen dann: Passt oder passt nicht.

So eine tatsächliche Bedarfsabfrage ließe sich durchaus auch in Osnabrück zentralisieren, findet Meyer. Unverzichtbar sei es, dass die Eltern sich im Vorfeld bei den Kitas informieren, betont die Erzieherin. Für die Elterninitiativen gilt das noch mehr als für Kitas, die von einer Kirchengemeinde oder von der Stadt getragen sind. Meyers Vorgesetzte sind die Eltern – und wer sein Kind zur Kindervilla schickt, verpflichtet sich zu regelmäßiger Mitarbeit, etwa im Garten. 

Meyer rät Osnabrücker Eltern, die in diesem Jahr leer ausgehen, die Gründung einer eigenen Initiative in Erwägung zu ziehen. Zwar müssten mindestens ein Jahr Vorbereitungszeit eingeplant und Räume gefunden werden, aber Deos als Dachverband berate gerne, so Meyer.


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