Zehn Jahre Karmann-Insolvenz Gewerkschafter: Wulff sollte Ehrenbürger von Osnabrück werden

800 Karmänner  zogen am 24. Februar 2009 zum Wohnsitz der Karmann-Gesellschafter auf den Westerberg. Foto: Archiv/Michael Hehmann800 Karmänner zogen am 24. Februar 2009 zum Wohnsitz der Karmann-Gesellschafter auf den Westerberg. Foto: Archiv/Michael Hehmann

Osnabrück. Das langsame Sterben des einst stolzen Autobauers Karmann hat die Menschen in Osnabrück vor zehn Jahren zusammenrücken lassen. Auch Menschen, die sich politisch eigentlich fern stehen: "Christian Wulff sollte Ehrenbürger von Osnabrück werden", sagt – ein Gewerkschafter.

Wolfram Smolinski ist heute Betriebsratsvorsitzender bei VW Osnabrück und stand damals an der Seite von Harald Klausing an der Spitze des Karmann-Betriebsrates. Smolinski hat viele Höhen und Tiefen des Autobauers erlebt, immer aus der Perspektive der Menschen, die machtlos dem Spiel der wirtschaftlichen Kräfte zuschauen mussten. Wulff, so sagt Smolinski, habe in den schwierigen Zeiten immer sehr engen Kontakt zu den Arbeitnehmervertretern gehalten. "Wir haben uns an den unmöglichsten Orten getroffen, auf Autobahn-Raststätten beim Kaffee gesprochen oder mitten in der Nacht telefoniert." Der häufigste Satz des damaligen CDU-Ministerpräsidenten: "Vertrauen Sie mir."

Hartmut Riemann. Foto: Gert Westdörp


Wir sitzen im Büro von Stephan Soldanski, des 1. Bevollmächtigten der IG Metall Osnabrück-Emsland. Als Karmann ums Überleben kämpfte, stand dessen Vorgänger Hartmut Riemann in der ersten Kampfreihe. "Ich habe mich immer gefragt, woher Hartmut die Kraft nahm, wie der gekämpft hat", sagt Soldanski. Gewerkschaft und Betriebsrat konnten die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen nicht ändern, die das Geschäftsmodell von Karmann zum Auslaufmodell machten. Sie konnten nur öffentliche Aufmerksamkeit und damit politischen Druck erzeugen, um so viele Arbeitsplätze wie möglich zu retten.

Kerzen für Karmann beim Katholikentag 2008. Foto: Michael Hehmann


Wie oft demonstriert wurde? "Ich weiß es nicht mehr", sagt Soldanski. Auf dem Marktplatz, vor dem VfL-Spiel, vor dem Arbeitsamt, beim Katholikentag – keine Gelegenheit ließen die Metaller aus, den Slogan "Arbeit für Karmann – die Region muss leben" in die Welt zu tragen. Sie hatten es ausrechnen lassen: Von jedem Karmann-Arbeitsplatz hingen statistisch gesehen 2,7 Arbeitsplätze in der Region ab.

Marsch der Wütenden zum Westerberg

An eine Demo kann sich Soldanski besonders gut erinnern: den spontanen Aufbruch der Karmann-Belegschaft zum Wohnsitz von Wilhelm Dietrich Karmann auf dem Westerberg. Die Männer und Frauen waren wütend, weil die Gesellschafterfamilien wenig Neigung zeigten, den Autobauer mit dem Geld zu stützen, das ihnen in den vergangenen Jahrzehnten soliden Reichtum beschert hatte. 

Soldanski sagt heute, die Lage sei durchaus kritisch, die Wut der Leute unberechenbar gewesen. Es hätten auch Steine fliegen können. Soldanski ist auch heute noch der Überzeugung, dass sich die Eigentümerfamilien "aus der Verantwortung gestohlen" haben. In der vor drei Jahren veröffentlichten Festschrift zum 125. Geburtstag der IG Metall steht, die "Entnahme von Finanzmitteln in Millionenhöhe" habe Karmann in die Insolvenz getrieben. Die "hunderte Millionen schweren Eigentümer" hätten ihren Reichtum gesichert, während dem Unternehmen nicht einmal Mittel für Abfindungen verblieben seien.

Wolfram Smolinski. Foto: Gert Westdörp


Das Schlimmste, so sagen die beiden Gewerkschafter, seien die geplatzten Hoffnungen gewesen. BMW stellte in Aussicht, das Modell Colorado bei Karmann bauen zu lassen. Soldanski erinnert sich, dass Hartmut Riemann in Erwägung gezogen habe, die gute Nachricht bei einer Jubilarehrung an einem Freitagabend in der Stadthalle zu verkündigen. Er tat es nicht – und musste am Montag die katastrophale Nachricht verarbeiten, dass Karmann-Konkurrent Magna den Auftrag bekommen hatte. "Ich habe einen gebrochenen Mann gesehen", sagt Soldanski über den inzwischen verstorbenen Riemann. "So etwas möchte ich nicht noch mal erleben."

Auch für Wolfram Smolinski brach in dem Moment etwas zusammen. Die regionalen Arbeitnehmervertreter hatten sich bundesweit bei den Betriebsräten und der IG Metall Rückendeckung für einen Tarifvorschlag geholt, der an Lohndumping grenzte und Wirkungen auf alle Autohersteller in Deutschland gehabt hätte. "Das Paket wäre tragfähig gewesen, wir sind ganz weit entgegengekommen", sagt Smolinski. Und dann kam die Absage.

Keiner weiß, wie viele ehemalige Karmänner in die Arbeitslosigkeit gerutscht und dort hängen geblieben sind. Es habe "etliche Verlierer" gegeben, sagt Smolinski. Aber es gibt eben auch die positive Seite: 2450 Menschen arbeiten heute für Volkswagen. Etwa die Hälfte der VW-Belegschaft besteht heute aus ehemaligen Karmännern. 

Der VW-Konzern brauchte den Standort Osnabrück nicht. Davon sind die beiden Gewerkschafter überzeugt. Dass Wolfsburg Karmann trotzdem kaufte, sei das Verdienst von Christian Wulff und des Insolvenzverwalters Ottmar Hermann gewesen, der "immer mit Herzblut" für der Erhalt des Automobilstandortes gekämpft habe. Soldanski: "Der Insolvenzverwalter war ein Glücksfall."


Stephan Soldanski. Foto: André Havergo


Aber auch ohne Mitwirkung der Gewerkschaft wäre es nicht zum VW-Deal gekommen. Die IG Metall akzeptierte einen Ergänzungstarifvertrag, der die VW-Beschäftigten in Osnabrück für fünf Jahre schlechter stellte als die Kollegen an anderen Standorten. Bis 2015 lagen die Löhne um fünf Prozent unter dem VW-Niveau, es wurde kein Weihnachts- und Urlaubsgeld gezahlt. Der Verzicht habe geholfen, den Standort Osnabrück auf den Weg zu bringen.

"Klar, bei der Auslastung ist noch Luft nach oben", sagt Smolinski. Aber: Im März erhielten die Osnabrücker eine Bonuszahlung von 2400 Euro. "Das zeigt: Wir sind profitabel." 


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