Situation in Osnabrück Ein Teufelskreis: Was Langzeitarbeitslosigkeit mit den Menschen macht

Der Osnabrücker Markus beschreibt die Arbeitslosigkeit als Teufelskreis, aus dem er aus eigener Kraft nicht herauskommt. Foto: Michael GründelDer Osnabrücker Markus beschreibt die Arbeitslosigkeit als Teufelskreis, aus dem er aus eigener Kraft nicht herauskommt. Foto: Michael Gründel

Osnabrück. 2315 Menschen in Osnabrück sind seit mehr als einem Jahr arbeitslos, und insgesamt 6457 Hartz-IV-Empfänger befinden sich in irgendwelchen Maßnahmen. Seit Jahren bleibt die Zahl der Langzeitarbeitslosen auf diesem hohen Niveau. Treffen kann es jeden, wieder herauszukommen ist schwierig.

"Man bewirbt sich anfangs ganz viel", sagt Hubert Thole von der Osnabrücker Arbeitslosenselbsthilfe. Doch nach einer gewissen Zeit der Arbeitslosigkeit im Lebenslauf würden Arbeitgeber denken, es müsse ja Gründe haben, dass der Bewerber schon länger arbeitslos sei. Das kann Akademikern genauso passieren wie Geringqualifizierten. Am Ende stehe bei den Betroffenen, die zu ihm in die Beratung kommen, eine hohe Frustration. "Das Selbstwertgefühl ist völlig am Ende", sagt Thole. Das Geld ebenfalls und damit steigt die Gefahr der Isolation, denn einen Kinobesuch können sich die Betroffenen nicht mehr leisten. Thole ist überzeugt: 

"Kein Mensch lebt freiwillig lange von Hartz IV."

Doch das Osnabrücker Jobcenter und die Arbeitsagentur haben es inzwischen mit einer Sockelarbeitslosigkeit zu tun, die sich verfestigt hat – historisch niedrige Arbeitslosenquote hin oder her. Gesucht würden vor allem Fachkräfte und Spezialisten, sagt Jobcenter-Geschäftsführerin Nicole Anell. Und so bewegt sich die Zahl der Langzeitarbeitslosen fast gar nicht: 

Warum ist das so? "Es ist wie nach langer Krankheit", sagt Jobcenter-Pressesprecher Stefan Wellmann über eine Vielzahl, derjenigen, die nur noch schwer vermittelbar sind. "Man kommt raus." 

Oder man war noch nie wirklich drin, so wie der Osnabrücker Markus. Seinen Nachnamen will er nicht in der Zeitung lesen. Unsere Redaktion hat versucht, einen Betroffenen zu finden, der offen und nicht anonym über seine Arbeitslosigkeit spricht – vergebens. 

Markus hat 1999 eine Ausbildung als Papiermacher abgeschlossen, doch die Firma geriet in eine Krise und er und seine Kollegen wurden entlassen. Er hatte vorher schon ein Alkoholproblem und griff dann erst recht zur Flasche. Die Gänge zum Amt und die vielen Formulare überforderten ihn, und dann ging er gar nicht mehr hin. Ein halbes Jahr lebte er ohne Geld, dann verlor er seine Wohnung. Ein halbes Jahr lang arbeitete er bei McDonald's, bis sie ihm kündigten. 

Foto: Michael Gründel

Das Jobcenter steckte ihn in eine Maßnahme, bei der er täglich fünf bis sechs Stunden am Computer Bewerbungen schreiben sollte. "So eine stupide Arbeit ist nicht förderlich", findet der 41-Jährige. Jobcenter-Geschäftsführerin Anell sieht das etwas differenzierter. "Der Vermittler will vielleicht wissen: Ist er pünktlich, schafft er das?" Denn bei vielen Langzeitarbeitslosen sei genau das ein Problem, weil zu lange schon die Tagesstruktur fehle. 

Wie die Arbeitslosenstatistik mit den Zahlen trickst

Wer in einer Maßnahme ist, in geförderter Selbstständigkeit oder in Altersteilzeit, fliegt aus der Arbeitslosenstatistik heraus. Das gilt auch für Betroffene, die nach ihrem 58. Geburtstag für mindestens zwölf Monate Hartz IV bezogen haben. So will es der Gesetzgeber. Doch sie alle sind weiterhin auf Hilfe vom Staat angewiesen und werden in der Statistik als "Unterbeschäftigte" geführt. Deren Zahl ist dreimal so hoch wie die der mehr als 2000 Langzeitarbeitslosen. In Osnabrück gibt es aktuell 6457 Unterbeschäftigte, die Hartz IV beziehen. 

Markus versuchte, eine Ausbildung als Altenpfleger zu machen, der Alkohol ließ ihn scheitern. Er machte eine Therapie, arbeitete zehn Jahre lang als Hilfsarbeiter bei Zeitarbeitsfirmen. "Ich war mir für nichts zu schade", sagt er. Das Problem: "Der Lohn ist fast unter Hartz IV." 


Langzeitleistungsbezieher

8220 erwerbsfähige Osnabrücker bezogen 2018 seit mindestens 21 Monaten Hartz IV. Selbst, wenn sie einen Job hatten, reichte das Einkommen nicht aus, um finanziell über die Runden zu kommen. Die Zahl der Langzeitleistungsbezieher ist seit 2009 um fast 15 Prozent gestiegen. "Diese Entwicklung gefällt mir gar nicht", sagt Jobcenter-Chefin Nicole Anell. Denn das bedeute in diesen Fällen: "Arbeit lohnt sich nicht."


Vergangenes Jahr war Markus für elf Monate als Tellerwäscher in einem Osnabrücker Restaurant angestellt, aber auch das klappte nicht. "Ich kam mit dem Stress nicht klar." 

Nicole Anell spricht von "Drehtüreffekten": Die Betroffenen finden einen Job, schaffen es aber nicht, darin Fuß zu fassen, und melden sich bald darauf wieder beim Jobcenter. 

Vermittlungshemmnisse

Markus ist einer derjenigen, bei denen gleich mehrere Vermittlungshemmnisse, wie das Jobcenter sie nennt, zusammenkommen: psychische Probleme, Sucht und ein veralteter Ausbildungsabschluss. Als weitere zählt Jobcenter-Pressesprecher Stefan Wellmann auf: mangelnde Gesundheit, fehlende Ausbildung beziehungsweise fehlender Schulabschluss.

Das Jobcenter will bei ihnen mehr in Richtung Coaching gehen. "Unsere Arbeit ist immer mehr Sozialarbeit", sagt Nicole Anell. "Es gibt aber auch Arbeitgeber, die sagen, ich will gar keinen Langzeitarbeitslosen einstellen", sagt Anell. "Oft wird denen keine Chance gegeben." Und Hubert Thole von der Arbeitslosenselbsthilfe kennt Fälle von hochqualifizierten Arbeitnehmern, die nach 30 Jahren die betriebsbedingte Kündigung erhalten und mit Ende 50 keine Chance mehr haben auf dem Arbeitsmarkt.

Viele Betroffene sind zudem Alleinerziehende. Sie haben das Problem, dass sich bei vielen Jobs die Arbeitszeiten nicht mit den Kinderbetreuungszeiten vereinbaren lassen. Hinzu kommen mittlerweile auch Geflüchtete. 

Das Vorurteil, Langzeitarbeitslose seien faul, sei falsch, betont Jobcenter-Pressesprecher Stefan Wellmann. "Das betrifft vielleicht ein bis zwei Prozent." 

Auch Markus will arbeiten. Zurzeit verkauft er die Straßenzeitung Abseits, ist aktiv im Abseitschor und arbeitet ehrenamtlich in der Küche bei der Tageswohnung des katholischen Vereins für soziale Dienste Osnabrück (SKM), einer Anlaufstelle für Wohnungslose. Jetzt will er eine mehrmonatige Suchttherapie machen und dann endlich durchstarten. 

Vier Milliarden Euro mehr für Langzeitarbeitslose

Zum 1. Januar 2019 ist das Teilhabechancengesetz des Bundes in Kraft getreten. Es soll Menschen wie Markus helfen, im Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Vier Millionen Euro fließen bis 2022 hinein. In Osnabrück profitieren davon allerdings nur rund 100 Betroffene. 60 Plätze gibt es im Programm "Eingliederung von Langzeitarbeitslosen" und 46 Plätze im Programm "Teilhabe am Arbeitsmarkt". Dabei zahlt der Bund kommunalen Arbeitgebern die kompletten Lohnkosten und begleitet die Arbeitslosen intensiv. Fest verplant sind in Osnabrück derzeit 27 Stellen. 



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