Letzte Lieder - Zum Sterben schön Hospiz-Kunstprojekt in der Heilig-Kreuz-Kirche

Vorleser werden zu Zuhörern beim Konzert mit „letzten Liedern“ und Geschichten aus dem Hospiz in der Osnabrücker Heilig-Kreuz-Kirche.  Foto: André HavergoVorleser werden zu Zuhörern beim Konzert mit „letzten Liedern“ und Geschichten aus dem Hospiz in der Osnabrücker Heilig-Kreuz-Kirche. Foto: André Havergo

Osnabrück. Ein Themenabend zum Sterben wird zur Feier des Lebens: Keinesfalls ein Widerspruch, wie das Erzähl- und Konzertprojekt „Letzte Lieder“ in der Heilig-Kreuz-Kirche im Osnabrücker Stadtteil Schinkel facettenreich gezeigt hat.

Sichtlich ergriffen von der Musik versinken Birgitta Assheuer und Christoph Maria Herbst in ihren Sesseln. Sie lesen prononciert und im Wechsel Texte vor, die Initiator und Regisseur Stefan Weiller aus seinen Treffen mit zwei Dutzend Hospiz-Gästen kunst- und liebevoll herausgefiltert hat. Zwischendurch werden aber auch die Vortragenden zu Zuhörern. Denn es ist ein Abend, bei dem es um die „letzten Lieder“ von im Sterben begriffenen Menschen geht – mitunter sogar um nicht weniger als den Soundtrack ihres Lebens. Und so unterschiedlich ihr jeweiliger Blick auf das Leben ist, so vielfältig ist auch die Musik, die sie dafür ausgewählt haben.

Ein Leben als Schlagzeugsolo

Es sind mehrheitlich alles andere als traurige Stücke, die ein Streicherquartett, eine fünfköpfige Band und sechs Solisten im Auftrag von Weillers Gesprächspartnern und unter der musikalischen Gesamtleitung von Ralf Sach spielen. Da entdeckt etwa eine Dame auf ihre alten Tage Ben Zucker und dessen Lobgesang auf eine „geile Zeit“, mit dem sie zufrieden auf ihr Leben zurückblickt. Eine andere fragt ihren Pfleger als ihren nunmehr wichtigsten Mann in ihrem Leben nach dessen Lieblingsliedern – und entscheidet sich für eines von der Band Nirvana, weil deren Name „so friedlich klingt“. Mit „Smells Like Teen Spirit“ wird die Kirche dann aber ganz schön wild gerockt. Abbas „Dancing Queen“ startet dagegen in einer zart besaiteten Harfenvariante, bevor es in den Partymodus übergeht. Ein selbsternannter „König des schlechten Geschmacks“ lässt die Trash-Hits sämtlicher vergangener Sommer Revue passieren – und landet bei „Guten Morgen Sonnenschein“ als Erinnerung an seine Mutter. Ein ganzes Leben wird zu einem zweieinhalbminütigem Schlagzeugsolo verdichtet und die Hoffnung auf eines nach dem Tode mit einer Art Mini-Oper zu „Paradiso“ vertont – für einen Jungen, dem seine ins Poesiealbum geschrieben wurde, dass das Leben wie eine Stradivari-Geige ist: Spielt man es nicht, ist es nur ein Stück Holz. Und der aus seinem Spiel die Erkenntnis gewonnen hat, dass solange wir leben „Hölle ein Ort in uns selbst“ ist – der Himmel aber auch. 

Ein Lied als schützende Haut

Sopranistin Christina Schmid gibt überdreht die „Christel von der Post“ und Mezzosopranistin Mareike Bender singt fast atemlos Whitney Houstons „I Will Always Love You“, während Tenor Max Coolen inbrünstig „alle Wälder“ ruhen lässt für eine Dame, die den Mai und die Natur liebt. Der unsterbliche Holzmichel-Schlager ist ebenso dabei wie die Beatles-Hymne „Let It Be“, ein russisches Schlaflied, eine barocke Arie, ein Walzer oder ein leibhaftiger Bauchtanz zu einem türkischen Stück Euro-Pop, das Grenzen überschreiten und Kulturen verbinden soll. Mit Filmmusik aus „Amelié“ bahnt sich ein Akkordeon den Weg durch das Kirchenschiff und immer wieder ist es der eigens für diesen Abend zusammengestellte Projektchor unter der Leitung von Annika Dintinger, der für vielstimmig feierliche Töne sorgt. So manches „letzte Lied“ entpuppt sich als das allererste – etwa, wenn Kindheitserinnerungen damit verknüpft werden, oder in einem besonders ergreifenden Moment die Geschichte eines sterbenden Kindes erzählt wird, das sich den Himmel selbst ausmalt und dem das Lied „Weißt du wie viel Sternlein stehen?“ wie eine schützende Haut angesungen wird. Und dann ist da noch der Mann, dem die Begegnung mit Menschen und die „schöne Stille“ zeitlebens wichtiger war als Musik. Auch sie findet sechzig Sekunden lang Platz im großen, offenen Rahmen der „letzten Lieder“.  

So bunt wie das Leben

Dramaturgisch klug zusammengebunden wird all das mit einem Gang durch die Jahreszeiten und die Zimmer, in denen die Hospiz-Bewohner ihre Musik gewordenen Lebens- und Sterbensgeschichten erzählen. Überschrieben ist die musikalische Lesung mit den Worten „und die Welt steht still“. Am Ende aber wird das Leben zu „Let´s Twist Again“ auch tanzend gefeiert. Auf das Publikum regnet es rote Rosen und niemand steht mehr still. Ein ebenso ergreifender wie ermutigender Abend, der so bunt geriet wie das Leben – und der vielfältig verdeutlichte, dass dazu eben auch das Sterben gehört.

Ausstellung

Eine Ausstellung zum Projekt „Letzte Lieder“ wird von Mittwoch, 10., bis Montag, 22. April, in der Kapelle der Heilig-Kreuz-Kirche zu sehen sein. Täglich von 9 bis 12 und 15 bis 18 Uhr.



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