Rotarier spenden Bücher Wie eine Osnabrücker Lehrerin Kinder fürs Lesen begeistert

Von Barbara Rama

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Osnabrück. Eintauchen in die Welt der Fantasie und lernen für das Leben: Im Zeitalter von Social Media, Netflix & Co sind Bücher für Kinder wichtiger denn je, sagt Birgit Kaiser. Doch wie lassen sich digital vernetzte Kinder für altmodische Bücher begeistern?




Alle, wie sie da auf den bunt zusammengestellten Sesseln und Stühlen sitzen, sind aufgeweckt: Armin, Julios, Josephine aus der 5a. Emma, Leon, Jace aus der 5b. Paul, Fabio, Paula aus der 6b und Bobby aus der 7. Klasse. Die 10- bis 13-jährigen Schüler sind gespannt, neugierig, aufmerksam. Keiner redet durcheinander. Wie im Unterricht schnellt die Hand in die Luft, wenn sie etwas sagen möchten. Das könnte allerdings auch daran liegen, dass Direktorin Birgit Kaiser beim Treffen in der Bibliothek in der Erich-Maria-Remarque Realschule mit dabei ist. Es geht um ein Thema, für das sie sich seit Jahren stark macht: Dass Kinder mehr lesen und (wieder) häufiger Bücher in die Hand nehmen.

Die Schülerinnen und Schüler von Birgit Kaiser lieben das Lesen.

„Die Lesekompetenz wird immer weniger“, stellt die Schuldirektorin schnörkellos fest. Und das beunruhigt die Pädagogin seit Jahren. Schon zu ihrer Zeit als Schulleiterin der Grundschule Dissen, wo sie war, bevor sie im vergangenen Jahr nach Osnabrück wechselte, hat Kaiser diese Entwicklung registriert. Kinder sind viel „digital unterwegs“. Für sie ist es „viel zu viel“.

Wahrgenommen hat sie auch, dass immer weniger Eltern ihren Kindern aus Büchern vorlesen oder ihnen Bücher schenken. Dagegen sei Technik im Überfluss überall vorhanden. In Wohnzimmern und in Kinderzimmern. Auch in den Schulklassen. Tablets, Handys oder Computer und die permanente Berieselung durch Klicks, Googeln und Spiele ersetzen in den Augen der Pädagogin nicht das, was das Lesen eines Buches bewirkt.

Die 54-Jährige hat ihrem Sohn einst die kompletten Harry Potter-Bände vorgelesen. „Ein Buch aufzuschlagen ist so etwas, wie eine Tür in eine andere Welt zu öffnen“,sagt Birgit Kaiser. „Und eigentlich“, ergänzt sie, „beginnt es sogar schon weit vorher - beim bloßen Berühren: Ein Buch nur in den Händen zu halten, ist bereits etwas ganz anderes, als ein Tablet zu bedienen oder am PC zu lesen. Außerdem kann man in einem Buch Textstellen markieren, vor- und zurückblättern und man kann seinen Namen hineinschreiben. Ein Buch ist einfach etwas sehr Persönliches!“, sagt sie. "Wer ein Buch liest, bleibt dabei, kann es nicht einfach wegklicken." Lesen erweitere den Horizont, öffne Welten der Fantasie, sei Kino im Kopf. 

Um möglichst vielen Kinder die Chance zu öffnen, in eine Welt der Fantasie einzutauchen und sich von den Sorgen des Alltags wegzuträumen, hat Birgit Kaiser den Rotary-Club kontaktiert. Die Rotarier unterhalten seit über 15 Jahren deutschlandweit das Projekt „Lesen lernen - Leben lernen“. 

Im Klartext: Rotary verschenkt Bücher an Schüler. Den Anstoß hatte die Pisa-Studie im Jahr 2000 gegeben, bei der deutsche Schüler in der Lesekompetenz jämmerlich abschnitten. Das wollten die Rotarier ändern. Bis heute haben sie annähernd 900 000 Kindern zu einem eigenen Buch verholfen. 

Darunter befinden sich nun auch Schüler der 5. bis 7. Klassen der Osnabrücker Erich-Maria-Remarque-Schule. Die drei Jahrgänge erhielten drei verschiedene Bücher: „Florentine oder wie man ein Schwein in den Fahrstuhl kriegt“, „Voll Horst“ und „Gefährten der Magie“. 

Zugegeben: Es ist eine gemeine Frage: Haben Josie, Paul, Emma, Bobby und die anderen die Geschichten schon gelesen? Beim kleinen Tohuwabohu kommt auf jeden Fall heraus, dass alle Bücher auch im Deutschunterricht behandelt werden. Auch das gehört natürlich zum Plan der Lehrerin.

Armin gibt offen zu: „Ich lese nicht so oft, das macht mir nicht so viel Spaß“. Auch der 11-jährige Paul geht nach dem Essen „ehrlich“ lieber nach draußen, um sich auszutoben, statt ein Buch anzufassen. Und Emma gesteht (leise), dass sie gern am Computer Spiele spielt. Okay.

Aber: Fabio sagt, dass er wirklich gerne liest. „Meine Mutter hat mir früher immer Pixi-Bücher vorgelesen“, erzählt er. Daran erinnert er sich noch gut. Julios hat sofort Titel parat: „Asterix und Obelix“ und „Harry Potter“. Auch Josie liest: „Vor allem gern im Flieger“. Und Jace verrät, dass er zuhause mal einen Karton mit Büchern vom Geisterjäger John Sinclair gefunden hat. Die hat er gleich „einkassiert“ und findet sie spannend. Bobby hat ein paar wunderbare Tanten, die ihn mit Lesestoff versorgen und ihm erklärt haben: „Wenn du mal Stress hast, dann leg dich aufs Bett und lies. Das entspannt.“ 

Die Erich-Maria-Remarque-Schule wird ab August eine offene Ganztagsschule. Für viele Kinder, die nach der Schule oft allein zu Hause sind, bedeutet das, dass sie nach Schulschluss bis 15.30 Uhr dort bleiben können, zusammen in der Mensa Mittag essen und anschließend in einer Betreuung ihre Hausaufgaben erledigen. Natürlich werden Arbeitsgemeinschaften angeboten: Chor, Band, Ski, Kunst, Fußball. Und natürlich: Lesen.





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