„Tanzlokal südamerikanischen Stils“ Vor 60 Jahren eröffnete der Ocambo-Club am Osnabrücker Haarmannsbrunnen

Der Ocambo-Club in der Osnabrücker Herrenteichsstraße in den 1960er-Jahren. Archiv Horst Wodowos/Gisbert Wegener.Der Ocambo-Club in der Osnabrücker Herrenteichsstraße in den 1960er-Jahren. Archiv Horst Wodowos/Gisbert Wegener.

Osnabrück. Der Ocambo-Club an der Herrenteichsstraße direkt neben dem Haarmannsbrunnen gilt als Osnabrücks erste Diskothek. Vor 60 Jahren begann damit eine neue Ära in der Abendunterhaltung.

Bevor es das Ocambo gab, tanzte man zu live aufspielenden Kapellen. Doch die Gagen wurden vielen Wirten zu teuer, nachdem Gäste nicht mehr bereit waren, einen „Musikaufschlag“ zu den Getränken zu bezahlen. Der Osnabrücker Medienwissenschaftler Gisbert Wegener kennt noch einen anderen Grund: „Viele Musiker waren um Mitternacht schon so betrunken, dass die Gäste sich über die Darbietungen beschwerten und vorzeitig nach Hause gingen.“

Aus "Mocambo" wird "Ocambo"

Horst Wodowos, ein staatenloses Multitalent mit Berufserfahrungen auf vielen Feldern, lernte in Hannover den „Mocambo Club“ kennen, in dem einfach nur Schallplatten abgespielt wurden und trotzdem die Tanzfläche immer voll war. Das Konzept gefiel ihm. Er sah Vorteile in der breiteren Musikauswahl und in der verlässlichen Qualität. So beschloss er, das Konzept für Osnabrück zu kopieren. „Mocambo“ bedeutet im brasilianischen Portugiesisch „Strohhütte“ - so hieß lange vor der Gründung in Hannover auch schon ein bekannter Nachtclub in Hollywood. Wodowos und sein anfänglicher Kompagnon Ferdi Brendgen wollten nun den Namen nicht einfach klauen. Also ließen sie einfach den ersten Buchstaben weg. Der Fantasiename „Ocambo“ war geboren.

Das Original-Logo des Ocambo-Clubs. Repro: Gisbert Wegener.

Den Musikenthusiasten bot sich die Gelegenheit, das etwas in die Jahre gekommene „Wiener Café“ am Haarmannsbrunnen zu übernehmen. Für das altbackene Mobiliar hatten die Neuwirte keine Verwendung. Aber dafür besaß das „Wiener Café“ einen anderen Vorzug: eine Konzessionierung bis 4 Uhr morgens. Das neue Interieur sollte wie das Vorbild in Hannover ganz auf Südamerika getrimmt werden. Wodowos schnappte sich den Bühnenbildner Munz vom Osnabrücker Theater und fuhr mit ihm in die Landeshauptstadt. Im „Mocambo Club“ schaute Munz sich gründlich um und fertigte im Anschluss Skizzen, die er dann in den Gestaltungsentwurf für die Osnabrücker Örtlichkeit umsetzte.

Eröffnung im Mai 1959

Am 15. Mai 1959 eröffnete der Ocambo-Club. Die Presse war angetan. Die „Neue Tagespost“ schrieb: „Der ‚Ocambo Club‘ ist […] so eingerichtet, wie im Film und auf der Bühne südamerikanische Lokale dargestellt werden. […] Markisen, Kokosmatten, Palmen, Netze, Bambuslauben, in deren Gitterwerk Maiskolben, Apfelsinen, Limonen, Blumenkästen und Chiantiflaschen hängen.“ 

Die Neueröffnung am 15. Mai 1959 wurde im Veranstaltungsheft des Verkehrsvereins angekündigt. Archiv Gisbert Wegener.

Um das exotische Flair zu vervollständigen, tat im Eingangsbereich ein dunkelhäutiger Portier Dienst. Es war der aus Britisch-Guayana stammende Berufsboxer Hugh Mackie, den man in eine Fantasieuniform gesteckt hatte. Im Veranstaltungsheft „Stadt und Land Osnabrück“ des Verkehrsvereins hieß es: „Durch eine Speziallautsprecheranlage wird die Illusion erweckt, als spiele ein großes Orchester im Raum selbst, obwohl ausschließlich Schallplattenmusik gemacht wird – neuesten Datums natürlich und von den besten Ensembles.“ 

Clubbesitzer Horst Wodowos an seiner Plattenbar. Archiv Horst Wodowos/Gisbert Wegener.

Die Eröffnungsanzeige im „Osnabrücker Tageblatt“ versprach: „Ein Tanzlokal südamerikanischen Stils – Sie tanzen nach den bekanntesten Orchestern der Welt“. Die für heutige Discogänger eher kuriosen Öffnungszeiten lauteten: täglich ab 19 Uhr, samstags und sonntags um 16 Uhr Tanztee.

Jopie Heesters blieb über Nacht

Das Konzept kam an. In seinen besten Zeiten verzeichnete der Ocambo-Club 60.000 Gäste im Jahr. Das Publikum war vom Alter und seiner sozialen Herkunft her gemischt. Osnabrücker Unternehmer gehörten lange Jahre genauso zu den Stammgästen wie Nachtschwärmer jeglicher Couleur. Im hinteren Bereich des Lokals, wo Bambuswände die einzelnen Sitznischen abtrennten, herrschte Weinzwang.

Die Cocktailbar im Ocambo-Club. Archiv Horst Wodowos/Gisbert Wegener.

In der Mitte, der sogenannten „Terrasse“, servierte man Longdrinks, und am Eingang drängten sich die jüngeren Besucher, die sich meist kaum mehr als eine Limo leisten konnten. Wenn Johannes „Jopie“ Heesters einen Gastauftritt am Theater hatte, kam er nach der Vorstellung gern in den Ocambo-Club, wo er seine Osnabrücker Freundin traf. Verschiedentlich nächtigten die beiden in Wodowos‘ Wohnung oberhalb des Clubs, so hat es Wegener von Wodowos selbst erfahren.

Die Showband „Los Cid“ aus Spanien. Archiv Horst Wodowos/Gisbert Wegener.

Gisbert Wegener, der seine eingehenden Recherchen zum Ocambo-Club in dem von Harald Keller und Reiner Wolf herausgegebenen Ausstellungskatalog „The Beat Goes On“ (Isensee-Verlag, 2013) niedergelegt hat, hält den Ocambo-Club für die zweitälteste Diskothek Deutschlands – nach dem besagten „Mocambo“ in Hannover. „Jedenfalls ist die Aussage des Deutschen Diskothekenverbandes, dass der ‚Scotch Club‘ in Aachen Deutschlands älteste Diskothek sei, klar widerlegt, denn der ‚Scotch Club‘ eröffnete erst am 19. Oktober 1959“, unterstreicht Wegener. 

"Old Apple" und "Village" 

Mitte der 1960er-Jahre schossen weitere Diskotheken aus dem Boden. Wodowos begegnete der neuen Konkurrenz, indem er zeitweise zur Live-Musik zurückkehrte. Die italienische Tanzkapelle Bruno Noli oder „Los Cid“ aus Spanien waren häufig zu hören, aber auch Einzelauftritte bekannter Größen wie Peter Orloff, Erik Silvester oder Chris Howland zogen Publikum an den Herrenteichswall. 

Das China-Restaurant „Goldener Drache“ nimmt heute den traditionsreichen Gastro-Standort ein. Foto: Joachim Dierks.

1969 hatte Horst Wodowos einen schweren Autounfall, in dessen Folge er den Ocambo-Club in andere Hände gab. Als Musikkneipe lebte er unter Namen wie „Old Apple“ und „Village“ fort, die jedoch alle nicht an die einstige Bedeutung anknüpfen konnten. Gegenwärtig wird die Lokalität neben dem Haarmannsbrunnen als China-Restaurant „Goldener Drache“ geführt.


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