Tanz der Plastiktüten Wall Street Theatre im Piesberger Gesellschaftshaus

Zweierkiste: Herr Schultze und Herr Schröder vom Kölner Wall Street Theatre präsentieren ihr neues Programm „All inclusive“ im Piesberger Gesellschaftshaus.  Foto: André HavergoZweierkiste: Herr Schultze und Herr Schröder vom Kölner Wall Street Theatre präsentieren ihr neues Programm „All inclusive“ im Piesberger Gesellschaftshaus. Foto: André Havergo

Osnabrück. Die Zuschauer wurden zu Passagieren: Das Duo Schultze & Schröder vom Wall Street Theatre spielte im Piesberger Gesellschaftshaus eine unterhaltsame „All inclusive“-Kreuzfahrt.

Zwei feine englische Herren jonglieren im Zeitlupentempo und zu tranceartigen Trip-Hop-Klängen aufgeblasene Plastiktüten durch die Luft. Im Stile eines anklagenden Tanztheaters ist es einer der seltenen ruhigen und nachdenklichen Momente des neuen Wall-Street-Theatre-Programms, das die Zuschauer im gut besuchten Saal des Piesberger Gesellschaftshauses zu Passagieren einer Kreuzfahrt mit der „MS Arthrosa“ macht. Der Titel „All inclusive“ ist dabei auch in kleinkünstlerischer Hinsicht Programm. Denn neben gespielten Szenen serviert das Kölner Zwei-Mann-Theater akrobatische bis elegante Tanzeinlagen, fein in die Handlung integriertes Puppentheater, Zaubertricks und eben Jonglage. 


Jonglierten nicht nur mit Worten: Schultze & Schröder vom Wall Street Theatre im Piesberger Gesellschaftshaus. Foto: André Havergo


 

"Rattige" Wortwitze

Um die Geschichte von Herrn Schultze und Herrn Schröder zu erzählen, die als Bord-Entertainer angeheuert und verheizt werden, reichen zwei große Kisten auf der Bühne als Utensilien aus. Variabel kommen sie als Tisch, als Etagenbett, als Fluchtboot oder hochkant als Rednerpult zum Einsatz. Zur Einstimmung auf ihre Landgänge erfahren die Passagiere etwas über den „ruinenhaften“ Aufstieg Athens, das mafiöse Neapel, wo man „kein Trinkgeld, sondern Schutzgeld“ gibt, und die vermeintlichen Sehenswürdigkeiten Barcelonas. Zwei Ratten in der Kabine werden zu Kommentatoren und lassen dabei kaum einen „rattigen“ Wortwitz aus. Nicht nur als unzufrieden murrende Schiffsschornsteine, denen Kritiker ihr dreckiges Leben zunehmend erschweren, schwimmen die beiden sich quasi selbst spielenden Entertainer auf der derzeit hoch tobenden Welle des Kreuzfahrt-Bashings mit. Sondern eben auch als mutige Schiffsschraubensäuberer, die mit dem ins Meer verklappten Plastikmüll zu tanzen haben.

Nicht untergegangen: Das Wall Street Theatre spielt Engländer im "Ostfriesennerz" im Piesberger Gesellschaftshaus . Foto: André Havergo


Ohne Abstimmungsprobleme

Am Ende wird auch der Brexit von den beiden falschen Engländern thematisch angesteuert. Als es beim abschließenden „Captain´s Dinner“ darum geht, ob man tatsächlich den „unmöglichen Tischtuch-Zurückzieh-Trick“ wagen sollte, sagen sie „very british“: „Wir stimmen einfach noch mal ab“ und richten an das „Unterhaus“ im Saal die Frage, wem es alles „scheißegal“ ist, ob sie es schaffen oder nicht. Dramaturgische Abstimmungsprobleme sind den beiden vielseitigen Kleinkünstlern indes nicht vorzuwerfen. Auch als zum wiederholten Male die Musik nicht einsetzt oder ein Bart ungeplant klebenbleibt, wissen Andreas Wiegels und Christian Klömpken gekonnt zu improvisieren. Ihr Wall Street Theatre feierte im vergangenen Jahr seinen 25. Geburtstag. Ebenso lang gibt es in diesem Jahr das Piesberger Gesellschaftshaus in seiner jetzigen Form als Kulturzentrum - und die beiden rheinischen „Briten“ waren von Beginn an regelmäßig mit an Bord.


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