Miriam Toews las in Osnabrück Lesung über Vergewaltigungen unter Mennoniten

Aus ihrem Roman "Die Aussprache" las Miriam Toews in den künftigen Räumen der Buchhandlung zur Heide. Foto: Jörn MartensAus ihrem Roman "Die Aussprache" las Miriam Toews in den künftigen Räumen der Buchhandlung zur Heide. Foto: Jörn Martens

Osnabrück . Ihren jüngsten Roman „Die Aussprache“ hat Miriam Toews in Osnabrück bei der Buchhandlung zur Heide vorgestellt.

14 Tage bevor die Buchhandlung zur Heide ihr neues Domizil bezieht, haben die Inhaber zur ersten Lesung eingeladen. Bücherregale stehen hier noch nicht, dafür jede Menge Stühle. Gut 80 Gäste sind gekommen, um Miriam Toews zuzuhören, als sie ihren Roman vorstellt. Der erzeugt Spannung, obwohl das Ereignis, um das es geht, in der Vergangenheit liegt, und obwohl sie ihre Protagonisten zumeist reden lässt: Es gibt kaum Handlung in dem Buch, dass sich auf fiktive Weise einem wahren Ereignis nähert.

Vergewaltigungen

Zwischen 2005 und 2009 haben acht mennonitische Männer mehr als 100 Mädchen und Frauen ihrer Gemeinde vergewaltigt. Die Täter sind nachts in die Häuser ihrer fünf bis 65 Jahre alten Opfer eingedrungen und haben sie betäubt. Die Mädchen und Frauen sind danach blutend und mit Schmerzen aufgewacht und konnten sich an nichts erinnern. Erst als eine Frau frühzeitig aus der Betäubung erwachte und Alarm schlug, konnten die Taten aufgeklärt werden.

Miriam Toews greift dieses Verbrechen auf. Acht fiktive mennonitische Frauen diskutieren in dem Roman im ukrainischen Molotschna zwei Tage lang, um nach der Aufklärung der Taten eine Entscheidung zu treffen: Nichts tun, bleiben und kämpfen, verzeihen oder weggehen?

Glaube ist angegriffen

Die Entscheidung ist nicht einfach, denn mit den Vergewaltigungen ist auch ihr Glaube angegriffen worden: Mennonitinnen sollen jungfräulich heiraten, was einigen Opfern nicht mehr möglich ist. Zum anderen steht ihnen das Paradies nur offen, wenn sie verzeihen. Und auch nur dann dürfen sie in ihrer orthodoxen Gemeinschaft bleiben.

Drei Sequenzen werden aus dem Buch gelesen. Die erste übernimmt die Autorin selbst und trägt auf Englisch vor. Michaela Keck von der Universität Osnabrück übersetzt ins Deutsche und moderiert die Veranstaltung, in der die Schauspielerin Lieko Schulze zwei weitere Textpassagen vorträgt.

Tiefe Einblicke

Tief sind die Einblicke, die Miriam Toews in das Leben der Mennoniten gibt, zu denen sie sich selbst immer noch zählt, auch wenn sie mit 18 Jahren ihre Gemeinde verlassen hat. Nach vielen Fragen verteidigt sie die Mennoniten. Es sei auch viel Gutes an diesem Glauben, in diesen Menschen, betont sie, als manche Gäste zu vergessen scheinen, dass es in Europa ähnliche Vorfälle gibt: Nicht nur in der katholischen, sondern auch in der evangelischen Kirche.

Miriam Toews: Die Aussprache. Roman. Verlag Hoffmann und Campe, 2019, 251 Seiten, 22 


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