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Das Nummernschild eines Rechtsanwalts Abzocke im Internet: Über 4000 Anzeigen gegen Olaf Tank

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Tanks Nummernschild: Verbrechen lohnt sich doch!Tanks Nummernschild: Verbrechen lohnt sich doch!

Osnabrück. Sinn für Humor hat er ja, der Osnabrücker Skandal-Anwalt Olaf Tank. Unter dem Nummernschild seines aufgemotzten Luxus-Mercedes steht: „Verbrechen lohnt sich doch!“ Jede Ironie enthält ein Körnchen Wahrheit. Und so scheint es auch hier.

3800 Strafanzeigen gegen Olaf Tank liegen der Staatsanwaltschaft Osnabrück vor. In Worten: Dreitausendachthundert! Wegen Betruges, Beihilfe zum Betrug, Erpressung, Nötigung. Alexander Retemeyer, Pressesprecher der Staatsanwaltschaft, kann die Zahl aus dem Stand nennen. Kein Wunder: Olaf Tank hat inzwischen eine gewisse Berühmtheit erlangt. Er ist der Rechtsanwalt, der für die abgebrühten Abzocker aus der Internetwelt das Geld eintreibt. Er ist der Handlanger in einer gewissenlosen Branche, die sich an arglosen Internetnutzern bereichert. Und er verdient offenbar gut dabei. Der Daimler mit dem kecken Spruch auf dem Nummernschildverstärker ist von AMG getunt, hat sechs Liter Hubraum und schafft 300 km/h in der Spitze.

Nur er selbst bleibt unsichtbar. „Herr Tank gibt keinen Kommentar ab“, lässt eine Kanzlei-Mitarbeiterin am Telefon wissen. Der Besuch seiner unscheinbaren Kanzlei in einem Gewerbegebiet am Stadtrand endet an der Gegensprechanlage. Bei Verhandlungen vor den Zivilkammern des Amtsgerichts Osnabrück lässt er sich von einem Kollegen vertreten.

Vor wenigen Wochen allerdings musste er die Türen öffnen: Die Staatsanwaltschaft Landshut ließ die Kanzlei durchsuchen. Die Beamten beschlagnahmten „einen Haufen Unterlagen“, wie der Sprecher der Anklagebehörde sagt. Auch die Landshuter werfen Olaf Tank Betrug und Beihilfe zum Betrug „in zahlreichen Fällen“ vor. Wie zahlreich die Fälle genau sind, kann der Staatsanwalt nicht sagen: „Es sind sehr viele.“ Ein weiterer Schwerpunkt der Ermittlungen liegt in Darmstadt. Als der Sprecher der dortigen Staatsanwaltschaft den Namen Olaf Tank in den Computer eingibt, stürzt der Rechner ab. Die Anzeige ende bei „500 plus X“, sagt der Sprecher.

Nutzlos-Branche

Die Internet-Betrüger werfen ihr Netz bundesweit aus. Die Masche ist immer gleich, nur die Namen und nutzlosen Dienstleistungen variieren. Die peppig aufgemachten Internetseiten versprechen Antworten auf alle Fragen: Wie hole ich ein höheres Gehalt heraus, wo finde ich einen Partner, wie gelange ich als Quizkandidat ins Fernsehen, wo gibt’s die schönsten Tattoos? Hunderte dieser Seiten aus der Nutzlos-Branche schwirren im Netz umher. Werden sie von Verbraucherschützern als Abzockerseiten entlarvt, kostet es die Macher nur ein paar Mausklicks, den Seiten einen neuen Tarnumhang zu verpassen.

Besonders erfolgreich im Sinne der Abzocker waren Hausaufgaben-Angebote, die vor allem auf Minderjährige zielten, und Portale zum Herunterladen von Programmen. Das Perfide: Weil die Hersteller ihre Software im Netz prinzipiell kostenlos bieten, erwartet ein Nutzer keine Kostenschranke. Das machen sich die Trickser zunutze. Das Kleingedruckte am Seitenrand über Abogebühren von 96 Euro pro Jahr ist leicht zu übersehen. Wer seine persönlichen Daten eingibt, so behaupten die Anbieter, habe einen Abo-Vertrag für zwei Jahre abgeschlossen. Unkündbar. Die Rechnung folgt per E-Mail auf dem Fuße. Später schickt Inkasso-Anwalt Olaf Tank eine deutliche Mahnung.

Die Einschüchterung wirkt. Nach Schätzungen der Verbraucherzentralen zahlt etwa ein Viertel der Angeschriebenen, nur um Ärger zu vermeiden. Wer nicht zahlt, hat aber nichts zu befürchten, wie Verbraucherzentralen bestätigen. Olaf Tank verfolgt die Forderung nicht weiter, weil er die öffentliche Aufmerksamkeit vermeiden will.

Zivilrechtlich scheint Olaf Tank allerdings in die Defensive zu geraten. Immer mehr Betroffene, die einen Anwalt zurate zogen, fordern von Tank ihre Anwaltskosten von 46 Euro zurück. Mehrere Amtsgerichte – darunter auch das Amtsgericht Osnabrück in einer Entscheidung am gestrigen Freitag – erkennen diese Rückzahlungsforderung an. Tank muss demnach die Gebühren erstatten. Die Osnabrücker Zivilkammer wirft Tank „Beihilfe zum versuchten Betrug“ vor. Die Urteile sind noch nicht rechtskräftig.

Ohne Konto

Ein schwerer Schlag für die Nutzlos-Branche war die Kündigung von Konten. Banken wollten sich nicht mitschuldig machen, auch die Sparkasse Osnabrück nicht. Das Oberverwaltungsgericht Lüneburg gab der Sparkasse recht: Sie kann Tank ein Konto verweigern. Eine Tätigkeit für Tank wäre rufschädigend für die Sparkasse, stellten die Richter fest.

Die Anwaltskammer schaut dem Geschäftsgebaren des Kollegen murrend, aber machtlos zu. Die Standesorganisation könnte nur eingreifen, wenn Tank einer Straftat überführt würde. Doch das ist schwierig. Tank müsste nachgewiesen werden, dass er vorsätzlich unberechtigte Forderungen erhebt. In der Grauzone des Internet-Geschäftes ist dieser Nachweis schwer zu führen.

Immerhin: Der Gesetzgeber hat das Problem endlich erkannt. Das Bundesjustizministerium legte jetzt einen Gesetzentwurf vor, in dem eine sogenannte Button-Lösung vorgeschlagen wird. Verbraucher sollen per Mausklick ausdrücklich bestätigen, dass sie die Abo-Gebühren akzeptieren.

Den Abzockern wird es egal sein. Sie haben ihre Millionen schon in Sicherheit gebracht oder in teure Autos umgesetzt.


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