Wohnungen sind Mangelware Warme Platte hilft Osnabrücker Obdachlosen nur im Winter

Warme Platte: Obdachlose haben die Möglichkeit in einer Wohnung des SKM (Katholischer Verein für soziale Dienste) zu übernachten, bis sie eine eigene Wohnung gefunden haben. Foto: Michael GründelWarme Platte: Obdachlose haben die Möglichkeit in einer Wohnung des SKM (Katholischer Verein für soziale Dienste) zu übernachten, bis sie eine eigene Wohnung gefunden haben. Foto: Michael Gründel
Michael Gründel

Osnabrück . Wie jedes Jahr hat der katholische Verein für soziale Dienste (SKM) auch im Winter 2018/19 ehrenamtlich die „warme Platte“ organisiert, eine Unterkunft für Obdachlose in der kalten Jahreszeit.

Abends nach Hause ins Warme gehen und im eigenen Bett schlafen: Davon können viele Obdachlose nur träumen. Maximal zehn Obdachlose konnten bis Mitte April nachts die „warmen Platte“ nutzen. In diesem Jahr stellte die Stadt Osnabrück dem Verein für soziale Dienste (SKM) dafür eine ehemalige Notunterkunft der Stadt zur Verfügung. Der SKM ist in Osnabrück zuständig für die Wohnungslosenhilfe.

Abends in der Wohnung der "Warme Platte" einer Übernachtungsmöglichkeit für Obdachlose des SKM (Katholischer Verein für soziale Dienste) : Heinz (rechts) spielt mit Vasile-Neculai (Mitte) eine Partie Schach. Alfredo schaut zu. Foto: Michael Gründel

Ab 17 Uhr konnten die Übernachtungsgäste der „Warmen Platte“ eintrudeln. An einem Dienstagabend gegen 18 Uhr saßen unter anderem Heinz, Vasile-Neculai, Alfredo und „M!Jay“ am Küchentisch, darauf lag ein Schach- und ein Dame-/Mühlespiel. Heinz – von den anderen Heinzi genannt – spielte erst gegen Alfredo Schach und dann gegen Vasile-Neculai Dame. Heinz und Vasile-Neculai waren sich einig: Dame ist ihr Lieblingsspiel. Diesmal gewann Vasile-Neculai, der Heinz zwischendurch aufzog, indem er ihn „Opa“ nannte. Dieser ließ das gutmütig zu, hatte aber irgendwann keine Lust mehr. Er verlor. Vasile-Neculai rief beim letzten Zug grinsend: „Hasta la vista, baby!“  

Heinz spielt mit Alfredo eine Partie Mühle.Foto: Michael Gründel

Mehr oder weniger den ganzen Winter haben Heinz, Vasile-Neculai und Alfredo in der Wohnung der „warmen Platte“ Unterschlupf gefunden. „Das ist eine normale Wohnung, doch für die Jungs ist das schon Luxus“, erklärte SKM-Sozialarbeiter Heinz Hermann Flint, und sein Kollege Thomas Kater bedauerte: „Leider gibt es das Angebot aktuell nur für Männer, weil wir für Frauen nichts abteilen können.“ Frauen können jedoch im Laurentiushaus, der stationären Einrichtung des SKM unterkommen. 

Wer möchte, kann bei der "Warmen Platte" seine Sachen tagsüber im Haus lasse und muss nicht immer alles mitnehmen. Foto: Michael Gründel

„Insgesamt 18 Männer haben die warme Platte in diesem Jahr genutzt, das waren schon alles außergewöhnliche Menschen“, berichtete Flint lächelnd: Darunter sind Junge ebenso gewesen wie Alte, stille Bewohner, „die alles nur genießen“ und verschiedene Landsleute, unter anderem Marokkaner, Rumänen und Portugiesen. Das „bunte Völkchen“ sei trotz Sprachbarrieren und bis zu drei Männern pro Zimmer gut miteinander klar gekommen. Und Mitarbeiter der Stadt, die zwischendurch mal nach dem Rechten gesehen hätten, hätten ausdrücklich erklärt: Der Zustand der Wohnung sei „super“ gewesen.  

Ein Obdachloser fungiert bei der "Warmen Platte" als eine Art Hausmeister, Ansprechpartner und Vermittler. Foto: Michael Gründel

Vor Ort kümmerte sich ein Obdachloser, der den Winter über als eine Art Hausmeister fungierte, um alles. Er ließ die anderen ins Haus und achtete darauf, dass morgens gegen 9 Uhr alle die Wohnung verließen. Denn die „Warme Platte“ ist nur abends und nachts geöffnet. Organisiert wird sie ehrenamtlich von den Mitarbeitern des SKM, jeder hat eine Woche lang nachts Telefonbereitschaft. „M!Jay“ erklärte, als er gerade frisch eingezogen war:

"Es ist ein Glücksgefühl gewesen, als ich hier reingekommen bin."

Manche seiner Mitbewohner könnten zwar nicht so gut Deutsch und mit einem könne man nur „mit Händen und Füßen“ reden, berichtete „M!Jay“: „Der ist Rumäne und spricht sonst nur Französisch und Spanisch.“ Aber insgesamt kämen die Männer gut miteinander aus. Die Küche war der Treffpunkt. Hier stand auch ein kleiner Fernseher. „Abends isst jeder für sich, aber manchmal packen sich auch zwei zusammen“, so „M!Jay“. Und für das Putzen gab es wie in jeder WG einen Plan: „Jeder ist mal eine Woche dran, wo er durchfegen muss“, erklärt „M!Jay“. 

Auch wenn Meteorologen von einem milden Winter redeten, für die Obdachosen war er dennoch eine Tortur. „Das Leben auf der Straße bei dauerhaft nassem, windigen Wetter noch schwieriger, als wenn es kalt ist“, so Flint.

"Es gibt keine Wohnungen für unsere Leute", stellt Thomas Kater vom Katholischer Verein für soziale Dienste (SKM) in seinem Büro im SKM in der Bramscher Straße fest. Foto: Michael Gründel

Als die „warme Platte“ Mitte April schloss, mussten die Obdachlosen wieder auf der Straße oder in anderen Notunterkünften übernachten. „Der überwiegende Teil von ihnen will eine Wohnung“, ist Thomas Kater überzeugt, auch wenn manche dies im ersten Moment nicht zugeben würden: „Es ist ein großer Schritt, Hilfe anzunehmen, Beharrlichkeit ist wichtig.“

Die "Warme Platte" des SKM hilft Obdachlosen über den Winter, danach müssen sie wieder auf die Straße. Foto: Michael Gründel

Wer in letzter Zeit eine Wohnung gesucht hat, weiß: Es ist schwierig. Für Obdachlose gilt dies noch einmal mehr. „Für unsere Klientel war es schon immer schwierig. Doch jetzt ist der Wohnungsmarkt leer gefegt und tot“, berichtete Flint und fügte hinzu: „Das wissen unsere Leute, die dann wieder und wieder Zurückweisung erfahren.“ Neu sei hingegen, dass sich inzwischen auch Studenten auf Wohnungssuche beim SKM melden und um Unterstützung bitten. Ihnen kann der SKM jedoch nicht helfen.

Aus der Not heraus hat der SKM inzwischen eine Reihe von „Übergangswohnungen“ selbst angemietet. „Die Idee war, einen Puffer zwischen Mieter und Vermieter einzubauen: Wenn es klappt sollte der Mietvertrag nach drei bis sechs Monaten auf den Mieter übertragen werden“, so Kater. Leider würden die Übergangswohnungen vermehrt zu Dauerlösungen. 

Fachdienstleiter Soziale Dienste (Sodi) des Katholischen Vereins für soziale Dienste (SKM). Foto: Michael Gründel



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