Bundesweit einmalig Digital-Fahnder unterstützen die Osnabrücker Polizei

Von Sebastian Philipp und Marion Trimborn

Digitale Fahnder sollen ihre Polizeikollegen ab sofort mittels Internetrecherche bei Einsätzen unterstützen. Eine Vorreiterrolle nimmt dabei die Osnabrücker Leitstelle ein. Leiter Phil Havermann (links) und Benjamin Hartmann versprechen sich viele Vorteile von dem neuen "Intel Officer". Foto: Jörn MartensDigitale Fahnder sollen ihre Polizeikollegen ab sofort mittels Internetrecherche bei Einsätzen unterstützen. Eine Vorreiterrolle nimmt dabei die Osnabrücker Leitstelle ein. Leiter Phil Havermann (links) und Benjamin Hartmann versprechen sich viele Vorteile von dem neuen "Intel Officer". Foto: Jörn Martens

Osnabrück. Als erstes Bundesland in Deutschland setzt Niedersachsen ab sofort Digital-Fahnder ein, die ihre Polizeikollegen auf der Straße mit wichtigen Informationen aus dem Internet versorgen sollen. Keimzelle der niedersächsischen „Intel Officer“ ist Osnabrück.

Es ist eine Situation, die zum Alltag vieler Polizisten gehört: Nachbarn wählen die 110, weil in der Wohnung nebenan geschrien und geschlagen wird. Was genau die Beamten vor Ort erwartet, bleibt jedoch bis zum Ende offen. Ist womöglich ein Kampfhund in der Wohnung? Oder gehört einer der Beteiligten gar einer Rockergruppierung an?

Mehr Sicherheit für Polizei und Bürger

In der Kooperativen Leitstelle Osnabrück sollen ab sofort fünf Digital-Fahnder dafür sorgen, dass mögliche Gefahren schon vor dem Eintreffen der Polizisten geklärt werden. „Wir wollen einerseits den Schutz unserer Kollegen verbessern, andererseits aber auch für mehr Sicherheit in der Bevölkerung sorgen“, sagt Leitstellen-Leiter Phil Havermann von der Osnabrücker Polizei. Hauptaufgabe der Spezialisten ist es, frei verfügbare Quellen im Internet und in sozialen Netzwerken zu analysieren und auszuwerten.

Foto: Jörn Martens

Die daraus gewonnenen Informationen stellen die Spezialisten den Streifwagenbesatzungen zur Verfügung – und zwar bestenfalls zwischen dem Notruf und dem Eintreffen der Polizisten am Einsatzort. 

Insgesamt 13 „Intel Officer“ hat das Land Niedersachsen neu eingestellt, fünf davon arbeiten in der Leitstelle im Osnabrücker Kreishaus, jeweils vier in Hannover und Braunschweig. Mittelfristig sollen an allen Standorten rund um die Uhr Digitalkommissare arbeiten.

Expertise von außen

Die Polizei rekrutierte ihre neuen Mitarbeiter nicht aus den eigenen Reihen, sondern holte sich „Expertise von außen“, wie Havermann betont. Die Stellen wurden neu geschaffen. Wie Laura Klünder und Julia Augustin, die am 1. März ihren Dienst in Osnabrück antraten, verfügen alle neuen Kollegen über einen Studienabschluss im Bereich der Kommunikations- oder Medienwissenschaften – sind aber keine Polizeibeamten. „Der Job ist eine spannende Herausforderung, auch weil wir täglich mit konkreten Schicksalen zu tun haben“, sagt Klünder im Gespräch mit unserer Redaktion.

Konkret suchen die digitalen Ermittler in frei zugänglichen Daten nach Informationen und Bildern. Sie durchsuchen soziale Netzwerke wie Facebook nach Bildern, durchforsten den Kurznachrichtendienst Twitter nach Tweets oder werten Suchergebnisse von Google und Co. aus. Geht beispielsweise von einer Person konkrete Gefahr aus, hilft den Beamten vor Ort ein aktuelles Foto von Facebook mehr, als ein neun Jahre altes Bild in der Polizeidatenbank. In der Fachsprache wird eine solche Nachrichtengewinnung aus öffentlich zugänglichen Quellen als „Open-Source-Intelligence“ (OSINT) bezeichnet.

Für Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) sind Inhalte und aktuelle Informationen in sozialen Medien sinnvolle Ergänzungen bei laufenden Einsätzen. 

„Natürlich vor allem deshalb, weil unsere Einsatzkräfte auf der Straße besonderen Risiken ausgesetzt sind, etwa durch Übergriffe und Gewalt.“Boris Pistorius (SPD), Niedersächsischer Innenminister

Niedersachsen sei mit den neuen Online-Fahndern Vorreiter in Deutschland.

„Wir halten dies für ein begrüßenswertes Projekt“, sagt Dietmar Schilff, niedersächsischer Landesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP). Datenschutzrechtlich gebe es keine Bedenken, die „Intel Officer“ griffen nur auf frei zugängliche Daten im Internet zu, die jeder mit ein bisschen Geschick finden könne. Es sei gut, dass die Polizei externe Fachleute eingestellt habe und sich die Beamten auf ihre Kernaufgaben konzentrieren könnten.

Keine Datensammlung

Havermann betont, dass die Digitalfahnder nur bei konkreten Anlässen mit unmittelbarer Gefahr tätig werden. Sie suchen manuell nach Daten und speichern diese anschließend nicht ab. „Es wird kein Persönlichkeitsprofil angelegt“, sagt Havermann. Im Detail arbeiten die neuen Ermittler mit voneinander getrennten Systemen: Ihr Recherche-Rechner ist von den sonstigen Arbeitsplätzen in der Leitstelle abgekoppelt.

Foto: Jörn Martens

Für die „Intel Officer“ zählt bei ihrer Arbeit jede Sekunde: Schon nach wenigen Minuten müssen Ergebnisse, wenn es sie denn gibt, bei den Einsatzkräften sein. In der Testphase innerhalb der Osnabrücker Leitstelle zwischen Juni und Dezember vergangenen Jahres waren zunächst zwei Digitalkommissare an rund 500 Einsätzen beteiligt. Zum Großteil handelte es sich dabei laut Havermann um die Suche nach Vermissten, Fälle von häuslicher Gewalt oder die Überprüfung von Personen. Dabei halfen die Internet-Rechercheure ihren Kollegen vor Ort mit im Internet gefundenen Fotos, Telefonnummern und Kontaktpersonen. In mehr als 80 Prozent der Fälle wurden die Ermittler online auf der Suche nach Daten fündig. 

Laut Havermann kommen die digitalen Helfer bei ihren Streifenkollegen gut an. Jedenfalls ergab eine Befragung der Beamten, dass die Hinweise aus der Leitstelle in knapp 75 Prozent hilfreich waren.

„Das sind gute Ergebnisse, die für sich sprechen. Die Kollegen können durch die Unterstützung professioneller vorgehen.“Phil Havermann

Die Idee der „Intel Officer“ hat sich die Polizei aus den Niederlanden abgeschaut. Dort gibt es ähnliche Fahnder schon seit einigen Jahren. Bundesweit sind die digitalen Kommissare in Osnabrück bislang einzigartig. Interesse besteht mittlerweile aber auch in anderen Bundesländern. „Wir bekommen Anfragen von Kollegen aus anderen Regionen. Das Thema zieht und bestätigt uns in unserem Handeln“, sagt Havermann.


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