1200 bei "Fridays for Future" Streikenden Schülern droht eine Sechs

Zu Hunderten kamen Osnabrücker Schüler auf dem Theatervorplatz zusammen. Ihr Ziel: Eine konsequentere Klimapolitik. Ihre Mittel: Schulstreik und Demonstration. Eine neue Größenordnung erreichten die Proteste am Freitag in Osnabrück. Der Konflikt mit der Schulpflicht aber spaltet die Geister. Foto: David EbenerZu Hunderten kamen Osnabrücker Schüler auf dem Theatervorplatz zusammen. Ihr Ziel: Eine konsequentere Klimapolitik. Ihre Mittel: Schulstreik und Demonstration. Eine neue Größenordnung erreichten die Proteste am Freitag in Osnabrück. Der Konflikt mit der Schulpflicht aber spaltet die Geister. Foto: David Ebener 

Osnabrück. Nach Polizeiangaben streikten bis zu 1200 Schüler am Freitag in der Osnabrücker Innenstadt für eine bessere Klimapolitik. Einige von ihnen riskierten eine Sechs für die mündliche Teilnahme. Die Gangart an einigen Schulen verschärft sich.

Der Dauerregen am Vormittag konnte die jungen Protestierenden nicht in die Knie zwingen: Mehr als 1000 Schüler versammelten sich bereits um 10 Uhr vor dem Theater in Osnabrück – eine neue, lautstarke Größenordnung der Klimastreiks. Sie starteten den internationalen Demonstrationstag mit Musikworkshops, Gesprächsrunden zu Nachhaltigkeit und Klimaschutz sowie dem Austausch über die "Fridays-for-Future"-Bewegung. 

"Wir haben heute quasi einen alternativen Schulunterricht gemacht", betont Mitorganisator Jan Küter-Luks, Schüler am Gymnasium "In der Wüste". Dem regulären Unterricht blieben sie nämlich erneut fern. Ihnen ist der Klimaschutz wichtiger und der komme in der Schule zu kurz, so der Osnabrücker Abiturient. Die Streiks richteten sich aber nicht gegen die Schulen, sondern hätten höhere Ziele: "Climate justice, now!", schallte es über den Theatervorplatz. Die Streikenden wollen nachhaltige politische Entscheidungen von Stadt, Land und Bund sehen. Schließlich gehe es um ihre Zukunft. 

Ton an manchen Osnabrücker Schulen wird rauer 

Das politische Engagement der Schüler kollidiert jeden Freitag aufs Neue mit der Schulpflicht. Und das ist auch so gewollt, betont Jakob zur Heide. Der Delegierte der Osnabrücker "Fridays-for-Future"- Bewegung wies bei der großen Protestveranstaltung daraufhin, dass es wichtig sei, durch die Streiks öffentliche Aufmerksamkeit für ihre Klimaziele zu bekommen. Streiken nicht bloß, um zu schwänzen, sondern um etwas für die Umwelt und Zukunft zu erreichen, laute die Devise. 

Bunt und laut war es auf dem Theatervorplatz. Mit zahlreichen Schildern zeigten die Schüler, welche Sorgen der Klimawandel ihnen bereitet. Foto: David Ebener.

Viele Osnabrücker Schulen sehen die Wahrung ihrer staatlichen Erziehungspflicht gefährdet. "Wir stellen sicher, dass die Regeln der Schulbehörde umgesetzt werden", begründet Nils Fischer, Schulleiter des Gymnasiums "In der Wüste" die Maßnahmen an seiner Schule. Wer freitags zu den Streiks gehe, dürfe das nicht von seinen Eltern entschuldigen lassen. Und wer fehle, könne mit der Note 6 für die Mitarbeit in den betroffenen Stunden rechnen.  

Mit dieser Handhabe ist Fischer nicht allein. An der Domschule könnten Fachlehrer ebenfalls die versäumten Stunden mit "ungenügend" bewerten, erklärten einige Schüler, die dennoch am Streik teilnahmen. Die Mutter einer Schülerin vom Gymnasium "In der Wüste" zeigte sich empört über die Vorgehensweise. Den jungen Schülern würden die möglichen Sanktionen wenig schonend "vor den Latz gehauen". Durch die Sanktionen würden Schüler mit kritischer Haltung unter Druck gesetzt. Und bei vielen zeige das auch Wirkung. Sie trauten sich nicht mehr zu den Streiks. 

>> Kommentar: "Fridays for Future" – Ein Spaziergang, kein Streik

Die Streikenden sehen viele ihrer Schulleiter eigentlich an ihrer Seite, schließlich hätten ihre Schulen einige Umweltaktionstage und Nachhaltigkeitsschwerpunkte. Anfangs hätten die Schüler am Wüstengymnasium auch ihre Plakate in der Schule drucken können, so Fischer. Aber den Unterricht zu schwänzen, das könne man nicht akzeptieren. 

Sind die Verbote und Strafen der Schulen legitim? 

Osnabrücker Schulleiter sehen sich in ihrer Marschroute durch einen Erlass der Landesschulbehörde bestätigt. Sie führten diesen lediglich aus. In einer aktuellen Meldung heißt es bei der Behörde: 

"Die Teilnahme an Demonstrationen rechtfertigt nicht das Fernbleiben vom Unterricht und somit auch keine Beurlaubung vom Unterricht, so lange das mit der Demonstration verfolgte Anliegen nicht weniger nachhaltig auch außerhalb der Unterrichtszeit verfolgt werden kann."

Die streikenden Osnabrücker, so die Argumentation der Landesschulbehörde, könnten ihren Klimaschutzzielen doch auch nach der Schule nachkommen. Fischer vertritt die Auffassung, dass der staatliche Erziehungsauftrag das Recht der Handlungsfreiheit der Schüler und dem elterlichen Erziehungsrecht einschränke. 

Die Landesschulbehörde hat aber auch eingeräumt, dass "eine kurzzeitige Beurlaubung wegen der Teilnahme an einer Demonstration möglich ist", wenn die Ziele nicht in der Freizeit verfolgt werden könnten und zugleich dem Bildungsauftrag der Schule entsprächen. Nils Fischer vom Gymnasium "In der Wüste" argumentiert, dass seine Einrichtung eine zertifizierte Umweltschule sei, die viele Angebote zu den Themen Klimaschutz und Nachhaltigkeit anbiete. Für den Klimaschutz könnten sich die Schüler also auch in der Schule engagieren, und müssten dazu nicht streiken gehen.

Viele Schüler kennen das Dilemma mit der Schulpflicht. Aber gerade deshalb wollen sie die Aufmerksamkeit nutzen, um auf ihre Klimaschutzziele hinzuweisen. Foto: David Ebener.

Eine Frage der Interpretation 

Seine Schule schaffe durch AGs und Aktionstage kein tieferes Umweltbewusstsein, findet Schülerverteter Jan Küter-Luks. Zwar gebe es Aktionen zur Nachhaltigkeit, die seien für die meisten Schüler allerdings nur ein willkommener Anlass, keinen regulären Unterricht zu haben. Ein Bewusstsein für den Klimaschutz entwickele sich daraus nicht. Der Abiturient betont: 

"Will man versuchen, Wüstennomaden zur Schiffahrt zu bewegen, muss man nicht erklären wie man Schiffe baut. Man muss die Sehnsucht für das Meer wecken. Dann werden sie automatisch zu Seefahrern."

Im Gegensatz zu ihren Rektoren und zur Schulbehörde sehen die Streikenden deshalb keine Alternative zu ihren Aktionen. Allein aufgrund der medialen Aufmerksamkeit, halten sie an "Fridays-for-Future" fest, wie es Mitorganisator Jakob zur Heide ausdrückt. 

Die beim Streik anwesenden Schüler nehmen die möglichen Konsequenzen bereitwillig in Kauf. Der Klimaschutz sei ihnen wichtiger: "Irgendjemand muss ja etwas tun. Mir ist es deshalb wert, die unentschuldigten Fehlstunden zu riskieren", bekennt eine Schülerin des Ratsgymnasiums. 

Wie geht es weiter? 

Die Schüler sind bereit, weiter für ihre Ziele auf die Straße zu gehen und dafür zu schwänzen. Ihre Umweltschutzambitionen müssten auch hier in Osnabrück Folgen haben, machen sie geltend. An die Stadt Osnabrück stellen sie fünf Forderungen. Darunter den Ausbau der Radwege, die Förderung des öffentlichen Nahverkehrs und den Ausstieg der Stadtwerke aus der Kohleverstromung.

Auf einem großen Banner präsentierten die Organisatoren ihre Forderungen an die Stadt. Mit einer Unterschrift konnten Protestierende ihre Unterstützung zeigen. Foto: David Ebener.

Der Streik und die Demonstration in Osnabrück waren Teil der internationalen Protestbewegung. Allein in Deutschland fanden in mehr als 200 Städten Aktionen statt. Derweil hat es in den Städten und Gemeinden im Landkreis Osnabrück am Freitag offenbar keine Schülerproteste gegeben. Das Artland-Gymnasium in Quakenbrück plant erst für die kommende Woche eine Aktion. Vor fünf Wochen hatte die Schülervertretung des Greselius-Gymnasiums in Bramsche eine Demo organisiert. In Bad Essen zeigte sich am Freitag auf Nachfrage unserer Redaktion Sylva Schlie, die Leiterin des Gymnasiums, verwundert, dass es derzeit seitens der Schülerschaft keine Bestrebungen gebe, sich an den Protesten zu beteiligen. 


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