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Kulturelle Hintergründe Wissenschaftler Uçar: Ehrenmorde haben nichts mit Islam zu tun

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<em>Kam zum Gespräch</em> in die Osnabrücker Politik-Redaktion: Bülent Uçar Foto: os1.tvKam zum Gespräch in die Osnabrücker Politik-Redaktion: Bülent Uçar Foto: os1.tv

Osnabrück. Für den Osnabrücker Islamwissenschaftler Bülent Uçar haben sogenannte Ehrenmorde keine religiöse Motivation. Außerdem fordert er, dass der Islam in Deutschland den Status einer Körperschaft öffentlichen Rechts bekommt.

Vor dem Hintergrund des Prozesses am Landgericht Osnabrück sagte Uçar: „Nicht im Islam liegen diese Taten begründet, sondern in einer archaisch-patriarchalischen Gesellschaftsstruktur.“ Er rief dazu auf, genau zwischen religiösen und kulturellen Hintergründen zu differenzieren. Vergleichbare Fälle aus den vergangenen Jahren seien zumeist ähnlich strukturiert gewesen. „Das sind keine religiös geprägten Handlungen“, sagte der Professor, der das Institut für islamische Theologie an der Universität Osnabrück leitet. Er fügte hinzu: „Solche Taten werden sehr oft islamisiert. Wenn so etwas in der Mehrheitsgesellschaft geschieht, spricht man von einem Familiendrama. Bei Fällen aus einem muslimischen Umfeld ist sofort von Ehrenmord die Rede.“

Zudem forderte er, den Islam in Deutschland rechtlich mit den christlichen Kirchen gleichzustellen – ihm demnach den Status einer Körperschaft öffentlichen Rechts zu verleihen. „Das wäre der folgerichtige Schritt im Integrationsprozess“, sagte Uçar. Ein staatlicher Vertrag wie jener, der gestern in Hamburg unterzeichnet wurde, sei zwar „vernünftige Symbolpolitik“, reiche aber nicht weit genug. „Wir brauchen eine Gleichberechtigung auf Augenhöhe“, sagte Uçar. Diesen Weg müssten die Bundesländer konsequent weitergehen.

Der SPD-Innenexperte Michael Hartmann zweifelt jedoch daran, dass sich Uçars Forderung umsetzen lässt. „Es gibt objektive Hindernisse, wenn es darum geht, dem Islam den Körperschaftsstatus zu verleihen“, sagte er. „Dem Islam in Deutschland fehlen klare hierarchische Strukturen, die etwa mit denen der Kirchen vergleichbar wären.“ So eine Organisationsstruktur sei eine gesetzlich geforderte Voraussetzung für den Status. Als Körperschaft öffentlichen Rechts kann eine Religionsgemeinschaft beispielsweise Steuern erheben.

Mit Blick auf den Plan der Landesregierung, im Sommer 2013 an niedersächsischen Grundschulen flächendeckend islamischen Religionsunterricht einzuführen, gab Uçar zu bedenken, dass es dafür kaum genug Lehrkräfte geben werde. „Dennoch ist die Ausweitung des Religionsunterrichts ein guter Anfang“, sagte Uçar, an dessen Institut auch künftige Religionslehrer studieren. „Stück für Stück werden wir dahin kommen, dass der Islamunterricht an Schulen genauso selbstverständlich ist wie katholischer oder evangelischer Religionsunterricht.“

Der Unterricht ist ihm zufolge nicht in erster Linie dazu da, Integration zu fördern. Aber: „Ein guter islamischer Religionsunterricht trägt zweifellos dazu bei, dass sich Muslime in Deutschland beheimatet fühlen und sich mit diesem Land identifizieren – und insofern unterstützt er auch die Integration.“

Problematische Themen wie etwa die Scharia dürfen ihm zufolge nicht ausgeklammert werden – im Gegenteil. „Diese Aspekte müssen Lehrer ansprechen und Alternativen aufzeigen“, sagte Uçar. Wichtig sei es, dass der Unterricht positive Werte vertrete und auf der Basis des Grundgesetzes ruhe. „Es geht darum, Glauben durch Bildung zu vermitteln“, sagte er. „Das muss auf eine reflektierte und analysierende Art und Weise geschehen.“ Nur so würden Schüler befähigt, sich kritisch mit ihrer Religion auseinanderzusetzen.


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