Demonstranten trotzen dem Wetter Osnabrück steht auf gegen Antisemitismus

Singen im Regen: Die Teilnehmer der Demo "Osnabrück steht auf gegen Antisemitismus". Foto: Thomas OsterfeldSingen im Regen: Die Teilnehmer der Demo "Osnabrück steht auf gegen Antisemitismus". Foto: Thomas Osterfeld 

Osnabrück. Osnabrück steht auf gegen Antisemitismus: Unter diesem Motto hat Osnabrücks „Runder Tisch der Religionen“ am Mittwochabend zu einem Friedensgang eingeladen. Und trotz Dauerregens gingen rund 200 Leute mit.

Erstaunlich viele Regenschirme haben sich pünktlich um fünf auf dem Theatervorplatz versammelt. Dabei ist Osnabrück eigentlich ein friedliches Pflaster „Es gab hier noch keine antisemitischen Ausschreitungen“, sagt Reinhold Mokrosch, Sprecher des „Runden Tisches“ in seiner Begrüßung. „Wir haben keine AfD-Abgeordneten in unserer Stadt und auf den Schulhöfen gibt es keinen Rassenhass.“ Warum also dieser Marsch? „Damit es auch so bleibt. Damit auch in Zukunft Männer mit Kippa unbesorgt in Osnabrück durch die Straßen schlendern können.“

Begrüßt wurden die Teilnehmer auch von Bürgermeister Burkhard Jasper und Generalmusikdirektor Andreas Hotz. Beide betonen die Bedeutung der Vielfalt. „Vielfalt bereichert eine Gesellschaft“, sagt Jasper, und Hotz verweist auf das „Morgenlandfestival“, bei dem sich Menschen und Musik verschiedener Kulturen harmonisch begegnen. Gleichzeitig warnt er vor Tendenzen aus politischen Gründen Einfluss auf Spielpläne zu nehmen. „Die Vielfalt der Kultur ist bedroht“, so Hotz.


Osnabrück gegen Antisemitismus Foto: Thomas Osterfeld


Eindrucksvoll ist es, als die Menge, unterstützt von Inga Dopjans-Steenken mit dem Saxophon, das Lied von den Moorsoldaten anstimmt. Häftlinge im KZ Esterwegen im Emsland haben es geschrieben; es begleitete ihre harte Zwangsarbeit im Moor. Nun singen es Junge und Alte, Muslime, Juden und Christen, und machen sich auf den Weg zur Alten Synagogenstraße, wo bis zu ihrer Zerstörung im November 1938 die Synagoge stand. Dort spricht Michael Grünberg, der Vorsitzende der heutigen Jüdischen Gemeinde, von der gemeinsamen Verantwortung. „Diejenigen, die Frauen ein Kopftuch abreißen oder Männer, die Kippa tragen, bespucken, sind nicht viel gefährlicher als die, die stumm daneben stehen“, so Grünberg. Man müsse heute vor allem über die Anfänge des Holocaust schauen, über den Hass, der sich langsam einschlich – und Ähnliches verhindern. „Die Welt in der wir leben wollen, müssen wir selbst aktiv herbeiführen.“

Der Abschluss des Friedensgangs ist in der neuen Synagoge eine Aufführung der Erich-Maria-Remarque-Realschule. Erarbeitet wurde das Stück für die Gedenkfeier zur Reichsprogromnacht in der Schlossaula. „Wir haben ein Schuljahr lang daran gearbeitet“, sagt Lehrerin Stephanie Sprick. Im Deutsch-, Geschichts- und Politikunterricht setzten die Schüler sich mit dem Nationalsozialismus, aber auch mit rassistischer und antisemitischer Sprache im Internet auseinander. Projekttage gaben der Performance den letzten Schliff. „Das war etwas Besonderes. Das behält man im Kopf, wenn man die Schule verlässt“, sagt Sprick.


Reinhold Mokrosch und Burkhard Jasper. Foto: Thomas Osterfeld


Ihre Schülerinnen und Schüler bestätigen das. „Dass wir anderen Jugendlichen zeigen können, dass Hass gestoppt werden muss – das war das Besondere“, sagt Virginia (16). „Ich nehme auf jeden Fall mit, dass man Leuten widersprechen und dazwischengehen muss, wenn jemand angegriffen wird“, ergänzt Jeremy (16). Und auch Antonia (17) meint, dass sie jetzt „mehr Mut“ habe, gegen Hass einzuschreiten.

Die Erwachsenen sind begeistert von dem Stück, aber auch von dem gesamten Friedensgang. „Dass trotz des Wetters so viele gekommen sind, zeigt, dass Osnabrück wirklich eine Friedensstadt ist“, so Reinhold Mokrosch. "Dass die Religionen in dieser Stadt miteinander sprechen und aufeinander achtgeben." Und so soll es bleiben.


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