Rätselhaftes Osnabrück Was ein marodes Haus über die türkische Vergangenheit der Johannisstraße erzählt

Wo das marode Gebäude an der Johannisstraße 90a steht, war einst ein prächtiges Grundstück. Foto: Michael GründelWo das marode Gebäude an der Johannisstraße 90a steht, war einst ein prächtiges Grundstück. Foto: Michael Gründel 

Osnabrück. Seit Jahren fristet das Haus an der Johannisstraße Nummer 90a ein tristes Leben. Doch wer hätte gedacht, dass das Grundstück einst einem wohlhabenden türkischstämmigen Osnabrücker gehörte? Archäologen wollen nun Genaueres herausfinden.

Wo ein Bauzaun steht, bleiben Menschen stehen. So auch an diesem Vormittag an der Osnabrücker Johannisstraße. Direkt gegenüber vom Hauptportal der Johanniskirche, die korrekt St. Johann heißt, wird seit Anfang März gebuddelt, gehackt und gesucht. Ein Zelt wurde aufgestellt, ein Bagger trug die obersten Schichten ab - und nun machen die Münsteraner Archäologiestudierenden Lukas Lammers und Annika Kerber vorsichtig mit kleinem Gerät weiter.

„Schuld an den Arbeiten sind wir“, sagt Ingo Schellenberg vom Stephanswerk. Besonders betroffen scheint ihn sein Eingeständnis nicht zu machen. Im Gegenteil: Er lacht. Denn endlich tut sich etwas an der Immobilie Nummer 90a. Das gelbe Gebäude, das seit mehr als fünf Jahren nicht mehr bewohnt wird und seit zwei Jahren nicht einmal mehr als Lagerraum der Möwe dient, ist in keinem guten Zustand. Selbst von Außen lässt sich das feststellen: kaputte Fenster, marodes Gebälk, bröckelnder Putz und nasse Wände.  

Sara Snowadsky, Axel Friederichs, Ingo Schellenberg und Ellinor Fischer. Foto: Michael Gründel

Seit Sommer 2017 ist klar, dass das marode Haus etwas Neuem Platz machen wird. Der Abriss ist für Juni geplant, danach wird das Stephanswerk hier einen Neubau mit Flachdach errichten lassen. „Unten sollen Geschäftsräume für soziale Einrichtungen entstehen, oben 19 Wohnungen für Studierende oder Auszubildende“, kündigt Schellenberg an. 

Foto: Stephanswerk

Doch bevor abgerissen und neu gebaut werden kann, sind die Archäologen am Ball, genauer gesagt: am Ort. „Wenn Bau- oder Gewerbegebiete in Stadt oder Landkreis Osnabrück ausgewiesen werden, ist es unsere Aufgabe einzuschätzen, ob durch die Erschließung und Bebauung der Gebiete mögliche archäologisch wertvolle Stücke verloren gehen könnten“, erklärt Axel Friederichs. Seit 2017 ist er Leiter des Fachdienstes Archäologische Denkmalpflege für Stadt und Landkreis Osnabrück.  

Gibt es in dem betreffenden Bereich keine besondere Bodenbeschaffenheit oder geschichtlichen Hintergründe, geben Friederichs und sein Team meist schnell ihr Okay und die Bebauung kann starten. Doch an der Johanniskirche wurde einst wohl Geschichte gemacht, vermutet Sara Snowadsky, die zusammen mit Ellinor Fischer Grabungsleiterin ist:

„Dieses Gelände ist seit vielen Jahrzehnten unbebaut konnte daher Überbleibseln aus der Vergangenheit einen sicheren Platz im Erdreich bieten."

An drei Stellen wird gegraben. Hier erhoffen sich die Archäologen Informationen über das Leben der Menschen und letztendlich auch über die Stadtgeschichte. Damit man bei jedem Wetter arbeiten kann, ist der größte Abschnitt überdacht.

Die Archäologiestudierenden Lukas Lammers und Annika Kerber von der Uni Münster graben gegenüber der Johanniskirche. Foto: Michael Gründel

Die Grabungsarbeiten sind auf zwei Monate angesetzt, danach wird einen Monat lang ausgewertet. Wenn es dann zum Abriss des Hauses kommt, wird noch einmal genau nachgesehen, was sich unter den Fundamenten befindet, so Fischer.

Der Fuß- und Radweg bleibt solange gesperrt. Nicht nur zur Freude der Passanten: Immer wieder verlaufen sich Fußgänger – trotz der Absperrung auf die Baustelle, erzählt Snowadsky. Zudem wurde der Bauzaun am Ossensamstag fast komplett niedergetrampelt.

Tag der offenen Grabung

Auch die Osnabrücker sollen in die Ausgrabungen einbezogen werden: Zum Ende der Grabungszeit an der Johannisstraße wird ein „Tag der offenen Grabung“ veranstaltet, bei dem jeder einmal Archäologe spielen darf, kündigt Sara Snowadsky an.

Doch zurück zur Stadtgeschichte: Die Kirche, einst als Stiftskirche im Jahr 1011 gegründet, gilt als Keimzelle der bis 1306 eigenständigen Osnabrücker Neustadt, die auch über ein eigenes Rathaus verfügte. In diesem befindet sich heute das Restaurant „Zinnober“. Darüber hinaus lässt die Lage des Grundstücks noch mehr erwarten: „Wer es sich leisten konnte, genau gegenüber dem Kirchenportal und dem Rathaus zu wohnen, war vermutlich eher reich als arm“, so Fischer. 

Grafik: Wenzel Hollar /Stadt Osnabrück

Tatsächlich haben erste Recherchen der Archäologen anhand eines vom Zeichner Wenzel Hollar angefertigten Stadtplans aus dem Jahr 1633 ergeben, dass sich damals zur Kirche gehörende Gebäude an der Grabungsstelle befunden haben. „Hollar war nie in Osnabrück, recherchierte für seine Drucke aber sehr genau – und verwendete für das Grundstück den U-förmigen Typus für Stiftsgebäude, also von Begüterten gestifteten Häusern.“

Grafik: Reinhold 1767 /Stadt Osnabrück

Ein weiterer Stadtplan von 1767 zeigt zwei parallele Bauten auf dem Grundstück – mit einem großen anschließenden Garten. Was sich auch zeigt: Mit Grabstätten ist auf diesem Gelände eher nicht zu rechen. „Der Friedhof von St. Johann war auf der Südseite der Kirche, zudem befand sich zwischen Grabungsfläche und Kirche schon mehrere Jahrhunderte eine bedeutende Handelsstraße“, so Fischer.

Der wohl erste Türkischstämmige an der Johannisstraße

1869 war das Grundstück im Besitz von der Familie Aly, wie eine Akte aus dem Staatsarchiv zeigt: „Bei dem Nachnamen Aly mussten wir stutzen, denn besonders typisch für diese Gegend klingt er ja nicht“, sagt Snowadsky. Dass sich aber ausgerechnet an der Straße, die heute für ihre Masse an türkischen Fast-Food-Läden berühmt-berüchtigt ist, die Spuren des wohl ersten türkischstämmigen Bewohner Osnabrücks finden lassen, hat dann auch die Wissenschaftlerinnen überrascht. 

Foto: Michael Gründel

Denn bei den Alys handelt es sich um direkte Nachfahren des sogenannten Beutetürken Friedrich Aly, ursprünglich wohl Heydar Ali. Dieser wurde als junger Mann um das Jahr 1686 in den Türkenkriegen gefangen genommen und über Umwege nach Berlin verschleppt. Dort diente er am Hof und wurde auf den Namen Friedrich Aly lutherisch getauft.

Sein in Osnabrück lebender Nachfahre Friedrich Wilhelm Aly war Oberst und Kommandeur der vierten königlichen großbritannisch-hannoverschen Kavallerie-Brigade und kämpfte unter anderem gegen Napoleon. Allein die Größe des Grundstücks und der Häuser sprechen für einen gewissen Wohlstand Alys, so Archäologin Fischer. Sein prunkvoller, wenn auch verwitterter Grabstein findet sich noch heute auf dem Johannisfriedhof am Hauswörmannsweg.

Foto: Michael Gründel

Dank der Pläne erklärt sich auch, warum es an der Johannisstraße aktuell nur eine Hausnummer 90a gibt, aber keine Nummer 90: „Gut zu erkennen ist, dass das Haupthaus damals die Nummer 90 war, und die Nummer 90a ein an der Straße gelegenes, damals eher als Nebengebäude genutztes Häuschen war“, so Fischer. Das Haus Nummer 90 verschwand im Laufe der Jahrhunderte, wie auch der große Garten. Heute befinden sich an ihrer Stelle die Drei-Religionen-Grundschule und der Fuß- und Radweg.

Um 1880 kaufte der Gerber Carl Phillip Wiemann das Grundstück. Diese Familie war eine der angesehensten Kaufmannsfamilien der Stadt. Um 1909 entstand an der Adresse ein Haus im Stil des Historismus neu gebaut. Unten befand sich das Ladengeschäft, oben werden Lager- und Wohnräume vermutet. 

Doch von der Pracht bleibt nach dem Zweiten Weltkrieg wenig: Zerstört durch Bomben wurde an seiner Stelle ein zweckmäßiger Bau errichtet, dessen Tage im Sommer gezählt sein werden.

Interessant für die Archäologen ist allerdings nicht die jüngere Vergangenheit, sondern die Jahrhunderte vor 1900 – und was von ihnen übrig blieb. 

Quasi im Garten des Hauses 90a befindet sich ein Ort, der wohl einmal als Abfallplatz für Hausmüll gedient haben muss: Rippchen, ein großer Zahn tierischen Ursprungs, aber auch die Überreste einer defekten Tonkopfpfeife aus dem 17. Jahrhundert finden sich dort neben Scherben eines Gefäßes aus Westerwälder Steinzeug, dessen grau-blaue Maserung die Jahrhunderte im Boden sichtbar gut überstanden hat. Aber auch die Überreste eines im Mittelalter verwendeten Kugeltopfs konnten freigelegt werden.

"Zudem haben wir wohl eine der Hausmauern gefunden, die eventuell einmal zur Nummer 90 gehörte", berichtet Axel Friederich. Ellinor Fischer freut sich:  

„Dass wir schon in den ersten Grabungstagen soviel finden, zeigt, dass unsere Annahme richtig war: Hier gibt es noch viel zu entdecken.“


Foto: Michael Gründel



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