Wie sieht Europas Zukunft aus? Ratsschüler diskutieren mit Ex-EU-Parlamentspräsident Hans-Gert Pöttering

Besuch zum Jubiläum der Schulpartnerschaften: EU-Insider Hans-Gert Pöttering (2. Von links) im Ratsgymnasium.  Foto: Jörn MartensBesuch zum Jubiläum der Schulpartnerschaften: EU-Insider Hans-Gert Pöttering (2. Von links) im Ratsgymnasium. Foto: Jörn Martens

Osnabrück. Hoher Besuch im Osnabrücker Ratsgymnasium: Den Fragen von Schülern des eltfen Jahrgangs stellte sich der ehemalige EU-Parlamentspräsident Hans-Gert Pöttering.

Einen „Europäer durch und durch“ stellte Schulleiter Lothar Wehleit den Elftklässlern in der Aula des Ratsgymnasiums vor. Zu Gast war der aus Bad Iburg stammende CDU-Politiker Hans-Gert Pöttering, der von 2007 bis 2009 Präsident des Europäischen Parlamentes war, nachdem er seit 1999 die Fraktion der Europäischen Volkspartei geleitet hatte. In einem Alter, in dem Konrad Adenauer Bundeskanzler geworden ist, ist er nun nicht nur Vorsitzender der nach ihm benannten Stiftung, sondern auch der Vereinigung der ehemaligen Europaabgeordneten.

Gefahr von innen und außen

In einem einführenden Referat mit im Vergleich zum Parlament großzügigen zehn Minuten Redezeit umriss Pöttering zunächst kurz die Geschichte der Europäischen Union (EU). Vor genau 40 Jahren fand die erste Wahl zum Europäischen Parlament und wiederum 40 Jahre davor brach der Zweite Weltkrieg aus. Pöttering nahm dies zum Anlass, daran zu erinnern, dass die europäische Idee seinerzeit geboren wurde, um die Völker miteinander zu versöhnen, Kriege gegeneinander zu überwinden und nicht über-, sondern miteinander zu reden. Heute sei die EU allerdings sowohl im Innern als auch von außen bedroht: Zum einen durch Parteien, die sich gegen die Einigung Europas positionieren; und zum anderen durch Weltmächte und „schwierige Partner“ wie Russland, dessen Machthaber gern eine schwache EU sehen würde, oder China, das die Ideologie eines kommunistischen Überwachungsstaates verbreite – und auch die USA, deren Präsident lieber mit einzelnen Staaten als mit der Union verhandle, wie Pöttering bedauerte. Umso mehr müssten sich die Europäer darauf besinnen, dass „jeder Mensch seine eigene Würde habe“ – als Kern jener Werte, die die Gemeinschaft zusammenhalten und aus denen Freiheit, Recht, Demokratie und Frieden erwachsen sind. Neben der „Heimat“ und dem „Vaterland“ sei Europa die dritte politische Identität.

Europa stärken

In der von den Schülern organisierten Diskussionsrunde bewertet Pöttering den freitäglichen Schülerstreik für eine lebenswerte Zukunft zwar als wichtiges Engagement für den seinerzeit auf europäischer Ebene von ihm selbst vorangetriebenen Klimaschutz, merkte aber zugleich an, dass es die Glaubwürdigkeit zusätzlich stärken würde, wenn in der schulfreien Zeit und auch für andere Themen demonstriert würde. Sowohl für den Umweltschutz als auch für die Rüstungskontrolle würde er internationale Verhandlungen begrüßen, bei denen die EU Vorreiter sein könne, sofern sich die Mitgliedsstaaten auf eine gemeinsame Position einigen könnten. Den drohenden Brexit beschrieb Pöttering als „furchtbare Tragödie“ und dessen sich selbst überschätzende „tragische Figur“ David Cameron als Beispiel dafür, wie wichtig Vertrauens- und Glaubwürdigkeit ist. Politik sei kein Spiel, mahnte er. Angesprochen auf nationalistisch und protektionistisch agierende Regierungen in Europa wie etwa in Polen, plauderte Pöttering, dessen Biografie inzwischen erschienen ist, gar ein bisschen aus dem Nähkästchen: Die heutige polnische Regierungspartei habe schon im Vorfeld des EU-Beitritts 2004 die Europäische Volkspartei für „zu europäisch“ gehalten. Im Hinblick auf die kommende Europawahl am 26. Mai müsse sich gerade die junge Generation die Frage stellen, was man tun könne, um Spaltungstendenzen zu verhindern. Sie sei „genauso wichtig wie die Bundestagswahl“, sagte Pöttering. Ein Wahlalter ab 18 Jahren halte er für „angemessen“, sagte er auf Nachfrage vor einem Publikum, das aus 16- bis 17-jährigen, politisch hochinteressierten und -motivierten Schülern bestand.


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