Abnabeln und loslassen Wie ein Schüleraustausch das Familienleben durcheinander wirbelt

Willkommen zuhause: Frank und Ilona Schowe und ihr Sohn Louis haben Austauschschülerin Ella aus den USA in ihrer Familie aufgenommen. Gleichzeitig ist Tochter Gina in den USA. Kann das klappen? Foto: David EbenerWillkommen zuhause: Frank und Ilona Schowe und ihr Sohn Louis haben Austauschschülerin Ella aus den USA in ihrer Familie aufgenommen. Gleichzeitig ist Tochter Gina in den USA. Kann das klappen? Foto: David Ebener

Osnabrück/Bad Iburg. Ein Jahr im Ausland: Mit einem Schüleraustausch wagen Jugendliche einen mutigen Schritt in die Selbstständigkeit. Sie werden flügge. Doch für Eltern und Geschwister ist der Einschnitt mindestens genauso groß. Sie müssen eine Lücke füllen – und loslassen lernen.

Es gibt ein Foto des Moments, in dem Ilona Schowe die Erkenntnis mit voller Wucht erwischt: Unsere Tochter verlässt uns. Wir werden sie erst in einem Jahr zurückbekommen und alles wird anders sein. Das Foto von August hat Ilona Schowe auf ihrem Handy gespeichert. Sie öffnet es bei einem Gespräch Ende Februar in einem Osnabrücker Kinocafé. Die Aufnahme zeigt Gina am Frankfurter Flughafen von hinten. Die 17-Jährige fliegt als Austauschschülerin in die USA. Sie dreht sich nicht mehr um, nachdem sie auf dem Weg zum Gate ein letztes Mal gewinkt hatte. Den Blick richtet sie nach vorne, in eine ungewisse Zukunft.

„Da war mir auf einmal klar, dass wir zehn Monate lang von ihr getrennt sein würden. Vorher haben wir wie in einer Blase alles vorbereitet und uns gefreut. Dann war Gina weg.“ Ilona Schowe vergoss viele Tränen am Flughafen. Ihr Mann Frank nahm sie in den Arm und den Abschied gelassener: „Wir wussten ja, dass sie in eine tolle Familie kommt.“

Eine Wand voller Erinnerungen: Ginas Vater Frank Schowe zuhause in Bad Iburg. Foto: David Ebener

Und Gina selbst? Müde und aufgeregt sei sie gewesen, erzählt die Gymnasiastin bei einem Internettelefonat ein Dreivierteljahr nach diesem einschneidenden Moment. 23 Uhr ist es bei ihr in Utah, sieben Uhr morgens in Deutschland. Die Nacht vor ihrem Aufbruch habe sie nicht schlafen können. „Oh Gott, worauf habe ich mich da eingelassen“, habe sie noch in Frankfurt gedacht. Doch schon beim Umsteigen in Chicago überwog die Vorfreude auf die Gastfamilie.

Ein Jahr im Ausland

Schüleraustausch
  • Austausch: Ursprünglich gestaltete sich früher ein Jahr im Ausland tatsächlich als Austausch: Es galt das Prinzip der Gegenseitigkeit. Nachdem ein Kind ins Ausland ging, nahm seine Familie selbst ein Gastkind bei sich auf. Heutzutage gibt es viele Schüler, die ein Jahr im Ausland verbringen, ohne dass ihre Eltern zu Gasteltern werden. Austauschorganisationen suchen aber stets nach aufnahmebereiten Familien. 
  • Chance: Schüleraustausche bereichern Jugendliche nicht nur beim Spracherwerb. Es geht um eine Erweiterung des Horizonts: Die Schüler tauchen in eine fremde Kultur und ein anderes Lebensgefühl ein. Auslandserfahrung gilt gemeinhin als förderlich für Toleranz und Selbstständigkeit. 
  • Finanzierung: Ein Jahr im Ausland ist teuer. Je nach Zielland fallen vierstellige, teilweise sogar fünfstellige Summen an. Es gibt zahlreiche Stipendien, die unter anderem von Austauschorganisationen, Verbänden, Stiftungen, Unternehmen, dem Deutsche Bundestag und vielen Bundesländern vergeben werden. Um ein Stipendium sollte man sich mindestens ein Jahr vor dem Austausch bewerben.
  • Infos: In Deutschland gibt es mehr als 100 Austauschorganisationen, die Austausche in mehr als 50 Länder weltweit bieten. Unabhängige Informationen und Entscheidungshilfe gibt es beim Arbeitskreis gemeinnütziger Jugendaustausch unter https://aja-org.de/.

Viel ist seit August passiert. Gina, die ihr Jahr in den USA mit einem Stipendium des Deutschen Bundestags bestreitet, stürzte sich in ihr neues Leben: die neue Familie, die neue Schule, die fremde Kultur. Sie versucht, alles aufzusaugen, bevor sie zurück muss. Je nach Perspektive kann ein Jahr verdammt schnell vorbei sein – oder sich unendlich lang ziehen. Gina denkt eher mit Bangen an das nahende Ende im Juni als mit Erleichterung. Mit ihrer Gastfamilie habe es sofort „Klick gemacht“. Mit den drei anderen Kindern verstehe sie sich super. Ihr fast gleichaltriger Gastbruder sei inzwischen ihr bester Freund. „Ich bin hier sehr glücklich und ziemlich stolz auf mich. Das ist schon ein cooles Gefühl, dass ich es hier komplett auf mich allein gestellt geschafft habe.“

Willkommen in Utah: Gina (2.von links) mit ihrer Gastfamilie bei einem der ersten Familienausflüge. Foto: Gina Schowe privat

Zuhause in Bad Iburg mussten ihre Eltern und ihr jüngerer Bruder Louis derweil akzeptieren, dass sie in Ginas Kosmos momentan nur eine Nebenrolle spielen. Wenn die Gastfamilie in den USA auf einmal „meine Familie“ und „mein Zuhause“ heißt, dann verpasst das der Ursprungsfamilie automatisch einen Stich – auch wenn sich alle fest vorgenommen haben, nicht eifersüchtig zu werden. Die Schowes mussten lernen, mit der Lücke zu leben, die Gina hinterlassen hat. Wobei zumindest ihr Zimmer und ihr Bett nicht leer blieben: Dort ist Ella Hewett eingezogen, eine 16-jährige Austauschschülerin aus den USA.

Neues Bett, neues Zimmer, neue Familie: Austauschschülerin Ella Hewett aus den USA lebt für ein Jahr bei den Schowes. Foto: David Ebener

Was passiert mit Familien, die ein Kind in die weite Welt ziehen lassen und ein anderes aufnehmen? Wie ändert sich das Familiengefüge, wenn das älteste Kind fehlt? Welche Rolle kann eine Austauschschülerin als neues Familienmitglied übernehmen?

„Jede Familie ist anders und jedes Kind ist anders. Aber ganz klar ist, dass sich die Familiendynamik stark verändert, wenn ein Kind für längere Zeit ins Ausland geht“, sagt Bettina Wiedmann, Geschäftsführerin der gemeinnützigen Austauschorganisation "Experiment e.V". Sie glaubt: Ein einjähriger Schüleraustausch hat auf das Leben der Eltern mindestens einen so starken Einfluss wie auf jenes der Jugendlichen.

Erste Phase der Abnabelung

In Deutschland lassen sich auf diese Erfahrung jedes Jahr viele Tausend Schüler und ihre Familien ein. Wie die Weltweiser-Studie 2018 des gleichnamigen Bildungsberatungsdienstes zeigt, sind die Teilnehmerzahlen für Austausche zwar seit einigen Jahren leicht rückläufig, aber immer noch auf hohem Niveau. Die aktuellste Zahl stammt aus dem Schuljahr 2016/17: 16.400 Jugendliche machten sich für mindestens drei Monate auf in die Ferne, um über den Tellerrand zu schauen. Je länger Kinder weggehen, desto größer der Einschnitt ins Familienleben.

Es ist für sie eine erste Phase der Abnabelung. Wie bereichernd oder auch schmerzhaft sie für beide Seiten wird, habe viel mit der jeweils eigenen Erwartungshaltung zu tun, sagt Wiedmann. Viele Eltern pflegten heutzutage ein enges, eher freundschaftliches als autoritäres Verhältnis zu ihren Kindern. Sobald die auf Schwierigkeiten stoßen, seien sie geneigt, in die Bresche zu springen. 

„Wichtig ist aber, dass sich Eltern zurückhalten und erstmal in die Fähigkeiten ihres Kindes vertrauen.“Bettina Wiedmann, Austauschorganisation Experiment e.V.

Zu empfehlen sei ein einjähriger Austausch ohnehin nur Schülern, die offen, aufgeschlossen und eigenständig seien. Ein zu enger Draht nach Hause könne hinderlich sein. Die Devise: so wenig Kontakt wie möglich, aber so viel wie nötig.

Wobei in Zeiten von WhatsApp und Facebook kaum noch nicht kommuniziert wird. Noch vor zwei Jahrzehnten mussten Eltern für das monatliche Telefonat Geld zurücklegen und auf eine störungsfreie Verbindung hoffen. Heute kostet es nichts und der Gesprächspartner ist nur einen Klick entfernt.

"Ich bin jetzt weg"

Die permanente Erreichbarkeit hat allerdings ihren Preis: So tröstlich ein Kuss-Emoji in akuten Momenten des Vermissens sein mag, so hinderlich ist dauerhafter Kontakt für den Prozess des Loslassens. „Der Schritt ‚Ich bin jetzt weg‘ ist für die Schüler und ihre Eltern enorm wichtig. Aber Social Media verhindert das Abnabeln“, sagt Michael Reinold vom Referat Internationale Austauschprogramme des Deutschen Bundestags.

Bei den Schowes hat sich der Sonntag als Telefontag etabliert. Unter der Woche meldet sich Gina – wenn überhaupt – nur wortkarg im Familienchat. Hier ein Smiley, da ein gereckter Daumen. Zwischen den nicht geschriebenen Zeilen schwingt eine Botschaft mit: „Ich lebe noch, aber ich mache hier mein eigenes Ding.“

Das neue Familienleben: Frank, Ilona und Louis Schowe sitzen mit Ella Hewett am Esstisch. Gina meldet sich einmal pro Woche zum Telefonieren. Foto: David Ebener

Nicht bei allen Schülern läuft es indes so gut wie bei Gina Schowe. Immer wieder kommt es vor, dass die Chemie zwischen Gastfamilie und Gastkind nicht stimmt, obwohl sich alle redlich bemühen. „Wenn es gar nicht zusammenpasst, muss man den Cut machen“ sagt Wiedmann. Auch daran erkenne man eine seriöse Austauschorganisation: Sie berate und unterstütze, wenn ein Familienwechsel nötig wird. Bei rund 15 Prozent liege die Wechselquote bei Austauschen über ihre Organisation "Experiment e.V.".

Ella Hewett, die für ein Jahr in Ginas Zimmer bei den Schowes in Bad Iburg lebt, stammt aus einer kinderreichen Familie. Wenn die 16-Jährige als ältestes von fünf Geschwistern nach der Highschool nach Hause kam, tobte dort das Leben. Nachts kroch oft ihre jüngste Schwester zu ihr ins Bett, um zu kuscheln.

Ellas deutsche Gasteltern kommen erst abends nach der Arbeit nach Hause. Das gemeinsame Abendessen ist die erste Familienzeit des Tages. Für Ella kam diese Umstellung wie ein kleiner Kulturschock daher. Schon bei Kleinigkeiten gehen die Schwierigkeiten los: Wie wärmt man ein Mittagessen auf, wenn man das vorher noch nie machen musste?

Der Luftballon-Gruß hängt seit August: Ilona und Frank Schowe im Gespräch mit Ella aus den USA. Foto: David Ebener

Inzwischen lässt sich die 16-Jährige auf die Vorzüge der neugewonnenen Freiheit ein. Nachmittags macht sie Hausaufgaben, treibt Sport, trifft Freunde oder geht spazieren. Abends setzt sie sich immer häufiger dazu, wenn Ilona Schowe ihre Lieblingsserie schaut. Aber all das brauchte Zeit. Zwischendurch zog sich die Jugendliche zurück – eine schwierige Phase für die Gasteltern. Haben wir etwas falsch gemacht?

Ella hat viel von Europa gesehen: Sie fuhr mit der Gastfamilie Ski in Österreich, besuchte die Familie von Ilona Schowe in Polen, besichtigte Berlin, München und das Konzentrationslager in Dachau. All das wird sie verändert haben, wenn sie im Sommer in die USA zurückfliegt. Auch Gina wird anders zurückkommen: reifer, unabhängiger und mit einem Rucksack voller Erinnerungen, die sie allein erlebte, aber teilen möchte.

Weihnachten mal anders: In Utah zeigt Gina (2. von links) mit ihrer Gastfamilie Mut zur Hässlichkeit – mit den sogenannten "Ugly Christmas Sweaters". Foto: Gina Schowe privat

„Die Familie zuhause sollte unbedingt Interesse daran zeigen“, rät Bettina Wiedmann. Ein Austausch werde monatelang vorbereitet, die Rückkehr in die Familie aber kaum – ein Fehler. Man müsse sich das wie eine Art Wiedereingliederung vorstellen. Sie gelingt, wenn sich beide Seiten verständnisvoll begegnen.

Die Jugendlichen hätten aufregende Erfahrungen gemacht, von denen sie schwärmen wollen. „Das ist kein Wettkampf der Familien“, sagt Wiedmann. „Das sollten die Eltern und Geschwister zuhause immer wissen. Es ist einfach etwas ganz Anderes.“



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