Hospiz-Projekt Stefan Weiller lässt „Letzte Lieder“ in Osnabrück erklingen

Fachmann für ganz persönliche musikalische Vermächtnisse: Der Frankfurter Sozialpädagoge Stefan Weiller initiiert seit 2013 Abende mit Liedern und Geschichten von Hospiz-Gästen.  Foto: David EbenerFachmann für ganz persönliche musikalische Vermächtnisse: Der Frankfurter Sozialpädagoge Stefan Weiller initiiert seit 2013 Abende mit Liedern und Geschichten von Hospiz-Gästen. Foto: David Ebener

Osnabrück. Am ersten Sonntag im April wird die Schinkelaner Kreuzkirche Schauplatz eines einmaligen Konzertereignisses. Der Frankfurter Sozialpädagoge Stefan Weiller bringt sein Hospiz-Projekt „Letzte Lieder“ nach Osnabrück.

Sechs Jahre ist es her, als in Frankfurt erstmals „letzte Lieder und Geschichten aus dem Hospiz“ zu hören waren. Seitdem organisiert Stefan Weiller bis zu sechsmal im Jahr überall im deutschsprachigen Raum diese besondere Kulturveranstaltung, die immer anders ist und niemals wiederholt werden kann. Denn live aufgeführt wird die Lieblingsmusik von Menschen, die sich gerade in ihrer letzten Lebensphase befinden. Für sie nimmt sich der gelernte Sozialpädagoge Zeit, um ihnen zuzuhören und nicht in einem Interview mit Fragenkatalog, sondern in einem „Gespräch auf Augenhöhe“ über die „gemeinsame Liebe zur Musik“ zu reden, wie Weiller betont. Die Musik ist dabei genauso vielfältig, wie das Leben, zu dem eben auch noch die Zeit des Sterbens dazugehört. 

Biografie mit Musik verknüpft

Als Schlüsselerlebnis für seine Initiative beschreibt der freischaffende Künstler ein Ereignis aus einer Zeit, in der er noch als Lokaljournalist in Wiesbaden unterwegs sein. Er berichtet über seine damalige „Angst, mit Sterbenden zu reden“, als er eine Reportage über das Hospiz schreiben sollte. Dann lernte er dort aber eine Frau kennen, die ihre ganze Lebensgeschichte mit Musik verknüpft und sich auch im letzten Kapitel die Freiheit genommen hat, sich mit Schlagermusik aus den Siebzigerjahren zu umgeben. Und so „schrecklich“ Weiller diese Musik auch aus eigenen biografischen Gründen fand, so sehr wollte er doch diese Erfahrung teilen, dass auch das sogenannte „Sterbehaus“ vielmehr ein „letzter Lebensraum“ ist, in dem keine „verwalteten Sterbenden“ leben, sondern Menschen, die auch ihr Sterben aktiv gestalten. Ihnen genau diese Möglichkeit zu geben, an etwas teilzuhaben und etwas mitzugestalten, das über ihren Tod hinauswirkt, ist dann auch der Grundgedanke der „letzten Lieder“. 

Ein einfühlsamer Gesprächspartner

Inzwischen geht Stefan Weiller längst mit weniger Angst, aber umso mehr „Respekt und Dankbarkeit“ in die Gespräche. Im Vorlauf des Abends in der Kreuzkirche hat er auch mit vier Gästen des Osnabrücker Hospiz gesprochen. Hier habe er ganz im Gegensatz etwa zu Berlin eine besondere „Zugewandtheit zur Kirche“ und eine „Auseinandersetzung mit Gott“ erlebt, die den Menschen Trost und Zuversicht verleiht, beschreibt Weiller eine regionale Eigenart, wie er sie an jedem Ort ausmacht. Er erzählt etwa von einer jungen Frau mit einer Tumorerkrankung, die sich das neue kirchliche Lied „Ins Wasser fällt ein Stein“ ausgesucht hat – der in ihrem Fall „klein geblieben“ wäre und „aus niedriger Höhe“ fallen werde. Bei der Auswahl der Gesprächspartner behilflich war Ursula Frühauf, psychosoziale Leiterin des Osnabrücker Hospiz. Sie berichtet darüber, dass diese behutsamen, respektvollen und einfühlsamen Gespräche mit „Menschen in Abschiedssituationen“ nach wie vor ein Thema im Haus seien und das Projekt somit bereits vor dem Konzert nachhaltig seine Kreise ziehe. 

Das Publikum umarmen

 Bereits bei der Uraufführung 2013 in Frankfurt dabei war der Osnabrücker Max Ciolek, der als Oratorien-Tenor weltweit unterwegs gewesen ist. Kennengelernt hat er Stefan Weiller bei dessen in Darmstadt gestartetem „Winterreise“-Projekt, mit dem er Gespräche mit Wohnungslosen sehr frei mit den Liedern Franz Schuberts in Verbindung gebracht hat. Nachdem dies dann im November 2012 auch in der Osnabrücker Marienkirche stattgefunden hatte, wurde er für die Premiere des neuen Hospiz-Projekts angefragt und träumt seitdem davon, dieses nach Osnabrück zu holen. Die Heilig-Kreuz-Gemeinde konnte den Wunsch vor zwei Jahren in Zusammenarbeit mit dem Hospiz erfüllen, nachdem das Projekt im September 2017 in Lingen erfolgreich über die Bühne ging.

Auf den Bühnen- und den Altarbereich beschränkt bleiben soll die Aufführung der „letzten Lieder“ in der Kreuzkirche allerdings keineswegs. Der gesamte Raum soll akustisch eingenommen und das Publikum musikalisch umarmt werden, verspricht Stefan Weiller ebenso, wie sich selbst an diesem Abend des 7. April im Hintergrund zu halten. Im Vordergrund sollen schließlich die ganz unterschiedlichen, kleinen musikalischen Vermächtnisse seiner Gesprächspartner stehen, die auch von Musikern aus der Region, einem eigens zusammengestellten Projektchor und Sprechern wie Christoph Maria Herbst präsentiert werden – nicht ohne Humor, der entspannenden Schwester der Angst, wie Weiller betont. Denn: Die „letzten Lieder“ sind „kein Höllenritt, sondern voller Lebensfreude und Genuss“.


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