Humanoider 3D-Drucker Christoph Peter Seidel arbeitet in der Galerie W

Christtoph Peter Seidel malt in der Galerie W. vor Publikum.  Foto: Jörn MartensChristtoph Peter Seidel malt in der Galerie W. vor Publikum. Foto: Jörn Martens

Osnabrück. Schicht um Schicht bringt Christoph Peter Seidel Farbe auf sein Trägermaterial auf, bis es zum autonomen Farbkunstwerk wird, das Fragen nach Raum und Zeit stellt. In der Galerie W stellt er aus und lässt sich bei der Arbeit über die Schulter schauen.

Mit einem Draht holt der Mann mit der schwarzen Mütze aus einem Topf eine Portion grüngraue Farbe und verteilt sie tropfenweise auf einem rasterartigen Rahmen, der vor ihm auf zwei Holzböcken liegt. Eine kontemplative Atmosphäre herrscht in dem Raum, in dem Christoph Peter Seidel arbeitet. Kontinuierlich, mit konzentriertem Blick betropft er sein Werkstück. Wenn er mit dem Auftrag am Ende des Rasters angelangt ist, ist die Farbe im oberen Teil getrocknet, sodass er eine neue Schicht Farbe auftragen kann.

Zurzeit kommt Seidel auf Einladung von Galeristin Silke Wulf samstags in die Ausstellungsräume am Heger-Tor-Wall, um sich bei der Arbeit über die Schulter schauen zu lassen. „Das habe ich noch nie gemacht. Ich musste erst zwei Tage überlegen, ob ich mich diesem Arbeiten vor Publikum aussetzen soll“, erklärt der Künstler. Schließlich beschloss er, das Experiment zu wagen. Mit Mütze und polierten Lederschuhen legt er los: „So arbeite ich in meinem Atelier natürlich nicht, es hat schon etwas von Inszenierung“, sagt Seidel. Ein bisschen fehle ihm das Radio, dem er sonst lauscht. Dafür macht er sich jetzt beim „Malen“ noch mehr Gedanken über die Welt und seine Kunst.

Meditative Stimmung

„Ich werde zu einem humanoiden 3D-Drucker“, sagt er und beantwortet damit Fragen, die seine Exponate in der Galerie-Ausstellung stellen. Das Schichten von Farbflächen war schon immer seine bevorzugte Arbeitsweise. Früher trug er Acryl in wenigen Lagen auf Leinwand auf, heute schichtet er Acryl zum autonomen Objekt, das zum Aufhängen lediglich ein Trägermaterial benötigt.

„Er benutzt gar keinen Pinsel“, flüstert eine Besucherin, die den Künstler bei der Arbeit beobachtet. Wie in einer Kirche traut sie sich nicht, laut zu sprechen. „Ich kommuniziere weder mit Augen noch mit dem Mund, das scheint wie eine Bremse zu wirken“, sagt Seidel. Nur Kinder entwickelten keine Hemmungen und kletterten förmlich auf seine farbbedeckten Drähte. Doch meditative Stimmung und das Raumklima, das für schnelle Trocknung der Farbe führe, helfe bei der Arbeit. So könne er vielleicht auch mal mehr als eine Schicht in zwei Stunden schaffen. Dann rechnet er vor: „Drei Schichten sind einen Millimeter dick. Wenn eine Arbeit mehrere Zentimeter hoch ist, brauche ich ungefähr dreiviertel Jahre für ein Werk.“ Natürlich ist das brutto berechnete Zeit, denn Seidel kümmert sich auch um den „Kunstcontainer“, ein Kunstprojekt der Heilpädagogischen Hilfe Osnabrück von und mit Menschen mit Behinderung.

Da der Künstler während seiner Aktion in der Galerie W nicht spricht, stehen Silke Wulf und ihre Kollegin Adriana Mota für Fragen zur Verfügung. Wer allerdings Antworten vom Künstler persönlich bekommen möchte, sollte am Ende der Aktion gegen 14.30 Uhr in die Galerie gehen, denn wenn Christoph Peter Seidel seine Arbeitsutensilien aus der Hand gelegt hat, ist er durchaus zur Kommunikation bereit. Zusätzlich Informationen werden zur Finissage am 2. März um 15 Uhr geboten, wenn der Kulturjournalist Stefan Lüddemann ein Künstlergespräch mit Christoph P. Seidel führt.


Galerie W (Heger-Tor-Wall 26): “Anwesend”, Bilder und Objekte von Christoph Peter Seidel. Bis 2. März, Mi-Fr. 14-18 Uhr, Sa. 10-15 Uhr. Samstags arbeitet der Künstler vor Ort. 


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