Premiere im Theater Osnabrück Worum geht es in Wajdi Mouawads Drama "Verbrennungen"?

Ratlose Zwillinge Jeanne und Simon: Die Schauspieler Katharina Kessler und Philippe Thelen in einer Szene aus "Verbrennungen" von Wajdi Mouawad. Foto: Kerstin Schomburg
Theater Osnabrück
Regie: Christian von Treskow
Kostüme: Dorien Thomsen
Bühne: Sandra LindeRatlose Zwillinge Jeanne und Simon: Die Schauspieler Katharina Kessler und Philippe Thelen in einer Szene aus "Verbrennungen" von Wajdi Mouawad. Foto: Kerstin Schomburg Theater Osnabrück Regie: Christian von Treskow Kostüme: Dorien Thomsen Bühne: Sandra Linde

Osnabrück. Revolution ist das große Spielzeitthema im Osnabrücker Theater. Wajdi Mouawad schreibt seit Jahren gegen die Kette des Hasses an, wie sie in kriegerischen Umbruchssituationen bis in die Gegenwart vorkommt. Sein Drama "Verbrennungen" von 2002 hat am Samstag, 23. Februar Premiere. Zum Inhalt und ein Gespräch mit dem Team von Gastregisseur Christian von Treskow.

Fünf Jahre lang hat Mutter Nawal geschwiegen. Nun ist sie gestorben und hat ihren beiden Kindern Jeanne (Katharina Kessler) und Simon (Philippe Thelen) testamentarisch den Auftrag hinterlassen, ihren tot geglaubten Vater und einen weiteren Bruder zu suchen. Die 22-jährigen Zwillinge machen sich an die Arbeit – und stoßen auf einen unvorstellbaren Albtraum. Diese so grausame wie erschütternde Geschichte um Krieg und Macht, Gewalt und familiäres Leid – was hat sie mit dem aktuellen Spielzeitthema des Osnabrücker Theaters "Revolution" zu tun? Zwar beleuchteten die Schauspiele "Der brave Soldat Schweijk" nach Hasek und "Rosa und Karl" nach  Döblin die Revolution von 1918, doch das Thema werde in der Spielzeit bis in die Gegenwart und in weltpolitische Dimensionen weitergedacht, so der Leitende Dramaturg Jens Peters.

Die sogenannte arabische Revolution ist noch nicht lange her. Auch wenn "Verbrennungen" von Wajdi Mouawad keinen konkreten Spielort, keinen bestimmten Krieg nennt, wird klar, dass es sich um einen Krieg auf dem afrikanischen Kontinent handelt. Wajdi Mouawad stellt in seinem Text Bezüge zum Libanesischen Bürgerkrieg (1975-1990) her. So ist das Attentat auf einen mit Phalange-Mitgliedern (einer christlich-libanesischen politischen Partei) voll besetzten Bus am 13. April 1975 tatsächlich geschehen und die Figur der Mutter Nawal ist an ein reales Schicksal angelehnt. Mouawads Familie wanderte 1976 aus dem Libanon nach Frankreich und Kanada aus.  

Kette des Hasses

Das Anliegen des Stückes ist es, die Kette der Gewalt und des Hasses, die alle Kriege auslösen, zu zeigen und zu durchbrechen. Diese Parabel will das Bühnenbild von Sarah Linde aufgreifen, indem es zwar auf nationale Hoheitszeichen verzichtet, aber dokumentarisch Kriegsfotos zeigt, auch vom Buszwischenfall damals.  

"Verbrennungen" wurde bereits 2003 in Montreal uraufgeführt. Seitdem haben sich die Dramatik und ihre Erzählweisen gewandelt. Als sehr lang, sehr wortreich, sehr dicht geschrieben erlebte Regisseur Christian von Treskow "Verbrennungen". Also habe das Regieteam erst einmal gekürzt und sich stärker an der Handlung orientiert als an den Dialogen. Und am Schweigen, das eine große Rolle spielt. Es ist ein Schweigen aus Entsetzen, als herauskommt, das der verschollene Sohn seine eigene Mutter vergewaltigt hat.  

Komponist kommt aus Syrien

Hussein Al-Dabash, geboren 1996, floh 2016 vor dem Syrien-Krieg nach Deutschland, weiß also aus eigener Anschauung, wovon das Stück handelt: Bei einem Bombenangriff wurde er am Fuß verletzt und brauchte Monate für die Heilung. Schon 2017 hat er im Osnabrücker Tanzstück "Biografia del corpo II" mitgetanzt. Nun hat er für "Verbrennungen"  am Rechner Musik komponiert. Er habe zu zehn Prozent auf älteres Material zurückgreifen können, erklärt Hussein Al-Dabash. Der Löwenanteil ist also nach der Lektüre und bei den Proben entstanden. 

"Baracke" mitgeleitet

Gastregisseur Christian von Treskow hat Mitte der 90-er mit Thomas Ostermeier  die berühmte, innovative Baracke des Deutschen Theaters geleitet und später an vielen großen Bühnen inszeniert. Von 2009 bis 2014 war er Schauspielintendant und künstlerischer Geschäftsführer der Wuppertaler Bühnen. Seitdem arbeite er frei und hat zuletzt im Theater Aachen Jelineks "Am Königsweg" und im Theater Münster "Sein oder Nichtsein" nach dem Film von Ernst Lubitsch.





Premiere von "Verbrennungen" ist am Samstag, 23. Februar um 19.30 Uhr im Theater am Domhof. Kartentel. 0541-7600076.

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