Flucht nach Afrika Hamburger Paar stellt Reisedokumentation „Reiss aus“ im Cinema-Arthouse vor

Mit neuem Jeep und ihrem Film „Reiss aus“ im Gepäck sind Lena Wendt (rechts) und Ulrich Stirnat am Cinema-Arthouse vorgefahren.  Foto: Hermann PentermannMit neuem Jeep und ihrem Film „Reiss aus“ im Gepäck sind Lena Wendt (rechts) und Ulrich Stirnat am Cinema-Arthouse vorgefahren. Foto: Hermann Pentermann

Osnabrück. Mit dem Jeep sind Lena Wendt und Ulrich Stirnat fast zwei Jahre lang rund 43 000 Kilometer durch Afrika gefahren – und haben einen Film daraus gemacht, den sie im Cinema-Arthouse persönlich präsentierten.

Vom Publikum als „Aussteiger“ bezeichnet zu werden, schmeichelt der Hamburgerin Lena Wendt, die gerade zusammen mit Ulrich Stirnat ihren gemeinsamen Film „Reiss Aus“ im restlos ausverkauften größten Saal des Cinema-Arthouse vorstellt. Zusammen haben sie sich eine rund zweijährige Auszeit gegönnt, um mit dem Land Rover durch Afrika zu fahren. Dass daraus ein Film werden würde, war nie geplant, beteuert die heute 33-Jährige. Und doch wirkt das, was auf der Leinwand zu sehen ist, mitunter viel zu professionell in Szene gesetzt für ein einfaches Videotagebuch oder gewöhnliche Reiseerinnerungen. Aber es war eben auch kein gewöhnlicher Road-Trip, den die beiden unternommen haben, als es ihnen in Deutschland zu eng wurde – bis hin zu seinem Burn-Out mit Mitte 30 und ihrem gewachsenen Unbehagen darüber, „im Produktivitäts- und Sicherheitskreislauf gefangen“ zu sein. 

Einfach losgefahren

Also sind sie einfach losgefahren, um stattdessen „mit allen Sinnen“ zu begreifen, was es heißt, „im Jetzt und Hier“ zu leben. Dass dies auch eine Flucht vor sich selbst war, ist ihnen erst hinterher klargeworden – und doch haben sie sich selbst auch wieder neu gefunden auf ihrer Reise, die alles andere als ein Urlaub war, auch wenn es am Ende danach aussieht. Bevor sie allerdings im Surf Club in Sierra Leone neue Freunde gewinnen, gab es einige Prüfungen zu bestehen. Zoll-, Militär- und Polizeikontrollen mussten sie über sich ergehen lassen, Ebola-Gebiete umfahren, Terroranschlägen entkommen, gegen Wüstensand im Getriebe und Parasiten im Bauch ankämpfen und nicht zuletzt auch mit Wetterextremen klarkommen in Form von Hitzewellen oder Dauerregen und Wassermassen, die ein Weiterkommen nachhaltig erschwert haben. Während sie es genießt, sich einfach treiben zu lassen, vermisst er mitunter Ruhe und einen Plan. So dokumentiert der Film nicht nur eine außergewöhnliche Reise, sondern auch die mit ihr verbundenen Herausforderungen an das Miteinander zweier unterschiedlicher Charaktere, welche die Szenen abwechselnd aus jeweils ihrer Sicht kommentieren. Mit der Aufnahme des Welpen Ayo kommt ihre Beziehung aber buchstäblich auf den Hund. Er verleiht ihrem Reisealltag plötzlich Struktur und in der gemeinsamen Verantwortung kommen auch sie sich wieder näher. Umso tragischer ist es, als der neue Begleiter in Ghana von einem Krokodil gefressen wird.  

Auch Schattenseiten

Aber auch das lässt die Mini-Reisegruppe zunächst näher zusammenrücken – ebenso wie andere Naturerlebnisse, etwa die Schildkrötenjagd durch Menschen und Hunde, die den „Aussteigern“ auch die Schattenseiten ihres Sehnsuchtskontinents nahebringt, der zwar „finanziell arm, aber umso reicher im Herzen“ sei, wie Lena Wendt es an einer Stelle formuliert. Ihr Begleiter verrät im Gespräch mit dem Publikum nach der Filmvorpremiere, dass ihm die Rückkehr nach Deutschland wesentlich leichter gefallen sei als ihr. Sehr wohl habe sie aber gemerkt, „wie gut wir es haben“, die wir „in Trinkwasser scheißen“ und im Vergleich „einfach viel Glück“ hätten, etwa mit unserem Bildungssystem. Als aus dem Publikum dann vornehmlich Fragen zur Finanzierung der Reise und des Films und zu ihrer finanziellen Absicherung kamen, wird sie allerdings schnell wieder gespürt haben, wo hierzulande die Prioritäten gesetzt werden.


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