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Muckefuck in der Johannisstraße Niedersachsentag 1951 begeisterte Zehntausende in Osnabrück

Der Festumzug zum Niedersachsentag 1951 nähert sich aus der Johannisstraße und schwenkt nach links in den Rosenplatz ein. Im Hintergrund sind die Türme von St. Johann zu erkennen. In der rechten Fassadenfront mündet vor der Sarotti-Mohr-Reklame die Schepelerstraße ein. Fotograf unbekannt, Archiv Ingelore Puls.Der Festumzug zum Niedersachsentag 1951 nähert sich aus der Johannisstraße und schwenkt nach links in den Rosenplatz ein. Im Hintergrund sind die Türme von St. Johann zu erkennen. In der rechten Fassadenfront mündet vor der Sarotti-Mohr-Reklame die Schepelerstraße ein. Fotograf unbekannt, Archiv Ingelore Puls.

Osnabrück. Sechs Jahre waren seit dem Ende des Bombenkriegs vergangen, viele Schäden noch nicht beseitigt. Umso mehr brachte der Festumzug zum Niedersachsentag 1951 Glanz in die teils noch von Ruinen gesäumten Straßen.

Auf dem historischen Foto biegt gerade ein mit Lorbeergirlanden geschmückter Hanomag-Lkw aus der Johannisstraße in den Rosenplatz ein – als Werbeträger für eine übergroße Kaffeepackung. Beworben wird B-G-Kaffee-Ersatz „aus heimischer Industrie“. Die heimische Industrie, das war in diesem Fall die Kaffee-Großrösterei und Kaffee-Ersatz-Fabrik W. Vassmel & Co. in der Heger Straße 12.

Wie man in Harald Preuins Buch über die Osnabrücker Kaffeeröstereien „Die Mischung macht’s“ (Verlag Osnabrücker Nachrichten 2010) nachlesen kann, gilt die 1869 gegründete Firma Vassmel als die älteste ihrer Branche in Osnabrück. Im Laufe der mehr als hundertjährigen Geschichte entwickelte sie sich über das Rösten hinaus zu einem Lebensmittel-Großhandel, bis sie 1971 aufgelöst wurde.

Die Arkadenöffnungen auf der rechten Straßenseite können in diesem Bildervergleich neben den Kirchtürmen als optische Anker in dem ansonsten total gewandelten Straßenbild dienen. Foto: Joachim Dierks.


Kaffee-Ersatz "Billig und Gut"

In Kriegs- und Krisenzeiten, als Kaffee-Importe nicht oder nur eingeschränkt möglich waren, geriet echter Bohnenkaffee zu einem hochpreisigen Luxusgut. Für den Alltag musste es Kaffee-Ersatz etwa aus gemälztem Getreide oder aus Zichorien tun, im Volksmund auch „Muckefuck“ genannt. Eine Erklärung für diesen eigentümlichen Begriff ist die Eindeutschung von „Mocca faux“ (falscher Mokka). Vassmel vertrieb seinen Kaffee-Ersatz unter der Marke „B G“, was für „Billig und Gut“ stand. Das Foto stellte uns Leserin Ingelore Puls zur Verfügung. Ihr Vater war Mitinhaber der Firma Vassmel, sie selbst hat eine Lehre in dem Betrieb gemacht.

40.000 Besucher

Der Festumzug beim Niedersachsentag war in der Nachkriegszeit ein Großereignis, das wahre Heerscharen mobilisierte. Das „Osnabrücker Tageblatt“ sprach von 40.000 Menschen, die 1951 in Osnabrück den Weg des Zuges säumten. Heimatliebe und Brauchtumspflege waren das eine - sechs Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kam das Moment einer Leistungsschau der heimischen Wirtschaft und des Wiederaufbaus hinzu, frei nach dem Motto „Wir sind wieder wer“.

Veranstalter war der Niedersächsische Heimatbund (NHB), die Spitzenvertretung der Heimatvereine und der an der Heimatpflege beteiligten Verbände. Der NHB hält seit 1902 mit Unterbrechungen durch die Weltkriege seine Jahresmitgliederversammlungen in Form eines Heimatfestes in wechselnden Städten ab. 1930 war Osnabrück erstmals an der Reihe und 1951 zum zweiten Mal. Höhepunkt war jedes Mal der Festumzug.

Wir sind wieder wer!

Der Umzug des Jahres 1951 nahm Aufstellung am Schlachthof und führte über eine sieben Kilometer lange Strecke durch die Innenstadt. Der Zug selbst war zwei Kilometer lang, bestand aus 187 Nummern und wurde von der "Historischen Abteilung" mit Heger Laischaft, einem Modell des Osnabrücker Rathauses und einer Gruppe junger Ratsgymnasiasten auf Steckenpferden, die dem Feldmarschall Piccolomini mit hundertfach wiederholtem "Vivat!" huldigten, angeführt. Es folgten Volkstanzgruppen, der Ponywagen des Tiergartens und dann 18 Städte und Dörfer des Regierungsbezirks, unter anderen Bersenbrück mit einer Artländer Trachtengruppe. Holländerinnen aus Ootmarsum hielten vor der Tribüne auf dem Marktplatz an und überreichten Stadtdirektor Paul Voßkühler ein meterlanges Kuchenbrot als Freundschaftsgabe.

Dann folgte "einer der schönsten Anblicke des Zuges", wie die Zeitung fand, nämlich eine Reitabteilung aus hannoverschen Warmbluthengsten des Landgestüts in Eversburg, komplettiert durch einen Jagdwagen. Weitere Höhepunkte: "Die Post im Wandel der Zeit" mit einem Postreiter von 1648, einer historischen Postkutsche, einer Gruppe Landbriefträger in den Uniformen "von einst bis heute" und einem "modernen Postomnibus". Oder in der Abteilung Landwirtschaft der Beitrag der Molkereien des Osnabrücker Landes mit dem Festwagen "Königin Milch". Bei den Handwerkern stach die Uhrmacher-Innung mit einer Gruppe "wandelnder Wecker" heraus, während die Fleischer Würstchen in die Menge warfen.

Vor dem Heger Tor zieht der Wagen des Stahlwerks mit einer „7fach gekröpften Kurbelwelle“ und einem „Lokradsatz für Indonesien“ als Leistungsbeweise vorbei. Foto: Hugo Mittelberg.


Schiffskurbelwelle aus dem Stahlwerk

Handel und Verkehr waren unter anderem durch die Osnabrücker Lagerhausgesellschaft im Hafen vertreten, die einen als Binnenschiff verkleideten Festwagen mit der Aufschrift "Schiffahrt tut not" auf die Reise schickte. Das Musikkorps Herold aus Pye hatte man in die alten Trachten der Bergknappen vom Piesberg gesteckt. Sie führten die Abteilung Industrie an. Das Stahlwerk Osnabrück fuhr mit einer Schiffskurbelwelle auf, das OKD mit einem großen Braupfannenboden aus Kupfer. Karmann zeigte die Entwicklung der Kraftwagen vom Adler aus dem Jahre 1902 bis zum "modernen Sportkabriolett von 1951". Hinter den zahlreichen Abordnungen der Schützen, Turner und Sänger sah man den Festwagen des Einheits-Kurzschriftvereins Osnabrück, auf dem im Takt der Musik und unter der Stabführung eines Dirigenten Schreibmaschine geschrieben wurde.


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