Aufnahmestopps und Fachkräfteschwund Osnabrücker Professor warnt: Ambulante Pflegedienste am Limit

Meine Nachrichten

Um das Thema Osnabrück Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Für immer mehr Pflegebedürftige findet sich überhaupt kein ambulanter Pflegedienst mehr. Foto: dpaFür immer mehr Pflegebedürftige findet sich überhaupt kein ambulanter Pflegedienst mehr. Foto: dpa

Osnabrück. Die meisten Pflegebedürftigen in Deutschland möchten lieber zu Hause versorgt werden als in Heimen oder Krankenhäusern. Doch ambulante Dienste werden der wachsenden Nachfrage kaum noch Herr. Der Osnabrücker Hochschulprofessor Andreas Büscher spricht von "Pflegenotstand" und fordert Investitionen.

Laut Statistischem Bundesamt kommen mittlerweile auf eine ambulante Pflegekraft mehr als 2,1 Pflegebedürftige. Wie viel Zeit bestimmte pflegerische Tätigkeiten erfordern und welcher Personalbedarf sich daraus ableiten könnte, versucht Andreas Büscher, Professor für Pflegewissenschaft an der Hochschule Osnabrück, herauszufinden. Dazu führt er viele Interviews mit Branchenexperten. Seine Untersuchungen bestätigen: "Der Pflegenotstand ist da, vor allem im ambulanten Bereich."  

2,13 Pflegebedürftige pro Pflegekraft

Nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes, die im Dezember 2018 in der Pflegestatistik veröffentlicht wurden, arbeiteten 2017 insgesamt etwa 390.000 Menschen in der ambulanten Pflege, zum Großteil Frauen. 2015 waren es noch etwa 355.000 Beschäftigte. Die Zahl der Pflegebedürftigen, die durch ambulante Pflegedienste ganz oder zum Teil versorgt werden, ist im gleichen Zeitraum von 692.000 Menschen auf knapp 830.000 angewachsen. Dieser Anstieg basiert nach Angaben der Hochschule Osnabrück auch auf einer veränderten gesetzlichen Definition von Pflegebedürftigkeit. Dadurch sind deutlich mehr Menschen leistungsberechtigt als zuvor. 


Aufnahmestopps bei ambulanten Pflegediensten

Die Grenzen des Machbaren seien hier längst erreicht, stellt Büscher fest. Für immer mehr Pflegebedürftige findet sich überhaupt kein ambulanter Pflegedienst mehr. "Alle ambulanten Pflegedienste berichten mir von Aufnahmestopps. Ohne Ausnahme. Egal ob in West-, Ost-, Nord- oder Süddeutschland, egal ob privat oder Wohlfahrt. Es gibt sogar einige, die Verträge kündigen, weil sie eine verlässliche ambulante Versorgung nicht mehr gewährleisten können." 



Fachkräfte wechseln in den stationären Bereich

Und der Druck auf die Branche wächst weiter. Auch weil angestellte Pflegefachkräfte zunehmend in den stationären Bereich abwandern. "Es gibt so etwas wie einen Staubsauger-Effekt", erklärt Büscher, der auch Wissenschaftlicher Leiter des Deutschen Netzwerks für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) ist. "Von den zu wenigen Menschen, die in der ambulanten Pflege arbeiten, wechseln viele in Heime oder Kliniken." Grund: Die Einrichtungen können mehr zahlen und verlässlichere Rahmenbedingungen bieten. 


Andreas Büscher ist Professor für Pflegewissenschaft an der Hochschule Osnabrück und seit 2012 Wissenschaftlicher Leiter des Deutschen Netzwerks für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP). Foto: Hochschule Osnabrück/Bettina Meckel


Gleicher Pflegegrad, ungleicher Aufwand

Der Osnabrücker Professor macht zudem keinen Hehl daraus, dass es äußerst schwierig ist, belastbare personelle Vorgaben für ambulante Pflegeeinrichtungen zu entwickeln. Büscher gibt ein Beispiel: "Die eine Person hat Pflegegrad 4 und wird zu Hause von der Familie versorgt. Es reicht, dass eine Pflegerin ein- oder zweimal die Woche kommt, um beim Duschen zu helfen. Die andere Person hat auch Pflegegrad 4, lebt aber allein." Auf dem Papier die gleiche Bedarfslage, der ambulante Pflegedienst muss aber jeden Tag kommen. 

Zeiterhebung als Fingerzeig für Krankenkassen

"Seriös zu sagen, wie viele Stellen man benötigt, um beispielsweise zehn Personen mit Pflegegrad 2 zu versorgen, ist kaum möglich", fasst Büscher zusammen. Die meisten Pflegedienste würden auf Erfahrungswerte setzen und Durchschnittszeiten bilden. Trotzdem will Büscher im Zuge des Projekts, das vom Qualitätsausschuss Pflege gefördert wird, eine Zeiterhebung erstellen. Sie soll zumindest als Fingerzeig dienen, welcher Zeitaufwand für bestimmte Tätigkeiten erforderlich ist – in der Hoffnung, "dass sich das künftig auch in den Verträgen mit den Kassen für die ambulante Pflege abbildet". 

Qualitätssausschuss Pflege

Der Qualitätsausschuss Pflege wurde vom Gesetzgeber unter anderem mit der Entwicklung von neuen Verfahren zur Qualitätsprüfung und Qualitätsberichterstattung in der Pflege beauftragt. Die Mitglieder des Qualitätsausschusses treffen einvernehmliche Entscheidungen
Der Qualitätsausschuss Pflege besteht zu gleichen Teilen (jeweils 10 Sitzen) aus Vertretern der Leistungsträger und der Leistungserbringer. Zur Gruppe der Leistungsträger gehören der GKV-Spitzenverband (7 Sitze), die Bundesarbeitsgemeinschaft der überörtlichen Träger der Sozialhilfe (1 Sitz), der Deutsche Landkreistag und Deutsche Städtetag (1 Sitz) sowie der Verband der Privaten Krankenversicherung (1 Sitz). Leistungserbringer sind die Vereinigungen der Träger der Pflegeeinrichtungen auf Bundesebene (10 Sitze).


Investitionen in ambulante Pflege gefordert

Mit Blick auf die derzeitige Pflegesituation in Deutschland ist für Büscher klar: "Der Wunsch der meisten Menschen ist es, eher ambulant als stationär gepflegt zu werden. Aber die vorhandene Infrastruktur dafür ist in Gefahr. Deshalb muss man hier deutlich mehr investieren."


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN