26-Jähriger landet in Osnabrück "Überall war Wasser" - Sami Mohammed hat die Flucht übers Mittelmeer überlebt

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Sami Mohammed berichtet von seiner Flucht durch die Wüste, übers Mittelmeer und durch Europa. Foto: Jörn MartensSami Mohammed berichtet von seiner Flucht durch die Wüste, übers Mittelmeer und durch Europa. Foto: Jörn Martens

Osnabrück. Das Sterben im Mittelmeer scheint weit weg. Doch mitten in Osnabrück leben Geflüchtete, die die gefährliche Überfahrt überstanden haben. Sami Mohammed ist einer von ihnen. Der 26-jährige Sudanese hat uns seine Fluchtgeschichte erzählt.

Das Schlauchboot mussten er und 19 weitere junge Männer selbst aufpumpen und ins Wasser tragen. 120 Menschen stiegen ein, erst die Frauen und Kinder, dann die Männer. 

Dann warfen die Schlepper den Motor an und sagten: „Tschüss, geht sterben“. Sami Mohammed fuhr dicht gedrängt mit 119 weiteren Flüchtlingen in einer Februarnacht des Jahres 2016 hinaus aufs Mittelmeer. „Wir sollten den Sternen folgen.“

So erzählt er seine abenteuerliche Geschichte.

„Wir wussten: Die Chance zu überleben ist 50 zu 50.“ Sami Mohammed


Als die Morgendämmerung einbrach, verschwanden die Sterne, die ihnen die Richtung anzeigen sollten. „Wir hatten uns verloren“, sagt Mohammed. Das Boot hatte ein Loch, der Motor ging aus. Mit ihm an Bord waren Menschen aus Syrien, Äthiopien und anderen afrikanischen Staaten. Um drei Uhr waren sie losgefahren, mittlerweile war es 10 Uhr morgens. Viele weinten, mussten sich übergeben, berichtet Sami Mohammed. „Ich hatte mich mit dem Tod abgefunden.“ Ruhig war es an Bord, sie bewegten sich nicht. 

Bilder von überfüllten Schlauchbooten kennt man aus den Nachrichten, so wie dieses hier, das im Juni 2017 aufgenommen wurde: 

Archivfoto: Lena Klimkeit/dpa

In den ersten 27 Tages des Jahres 2019 kamen bereits mindestens 211 Menschen auf dem Mittelmeer ums Leben oder wurden als vermisst gemeldet. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) erhebt die Zahlen fortlaufend. 

„Da war nur noch Wasser um uns herum“, erzählt Sami Mohammed. Doch dann erschien ein Helikopter über ihren Köpfen. Eine halbe Stunde später entdeckten sie ein großes Schiff. „Es sah aus wie ein Gebäude“, so Mohammed. Hoch und weiß. Ob ein Rettungs- oder Frachtschiff kann er nicht sagen. Italiener waren an Bord. Mit kleinen Beibooten fuhren sie zu dem treibenden Schlauchboot und nahmen die 120 Flüchtlinge auf – „immer zehn Personen“. Damit sie nicht in Panik gerieten, sangen die Italiener für sie, erzählt Mohammed. „Ein alter Mann hat gesagt, wir sollten ganz ruhig bleiben.“  

In Palermo gingen sie an Land. „Das war für uns wie ein neues Leben.“ 500 libysche Dinar hatte die Überfahrt pro Person gekostet, knapp 320 Euro. Irgendwo entlang der lybischen Küste waren sie gestartet mit dem Ziel Europa:


Drei Jahre ist das her. 

Mittlerweile ist es für Rettungsschiffe schwierig geworden, überhaupt in einen europäischen Hafen einzulaufen, da sich insbesondere Malta und Italien abschotten. Zuletzt irrte das Rettungsschiff „Sea Watch 3“ mit 47 Flüchtlingen an Bord fast zwei Wochen auf dem Mittelmeer umher, bis es am 31. Januar doch noch im sizilianischen Catania anlegen durfte. Seit Sommer 2018 (Foto) macht in Osnabrück das Bündnis Seebrücke regelmäßig auf das Schicksal der Flüchtlinge im Mittelmeer aufmerksam.

Archivfoto: Thomas Osterfeld

Diese Rolle spielt Osnabrück (klicken oder tippen für mehr Infos)

Die Stadt Osnabrück hat sich per Ratsbeschluss vergangenen Sommer dazu bereiterklärt, in Seenot geratene Flüchtlinge zusätzlich aufzunehmen. Damit will die Stadt nach dem Vorbild anderer Großstädte wie Düsseldorf und Bonn als „sicherer Hafen“ dienen. Zweimal schrieb die Verwaltungsspitze an die Bundesregierung – ohne Resonanz. „Ich denke, mehr können wir nicht tun“, sagte Oberbürgermeister Wolfgang Griesert (CDU) in der jüngsten Ratssitzung, als er in der Bürgerfragestunde gefragt wurde, ob diese beiden Briefe alles sein sollten. 

Zwei Jahre vor seiner Fahrt übers Mittelmeer hatte Sami Mohammed seine Heimat verlassen und es sollte weitere zwei Monate dauern, bis er es an sein Ziel geschafft hatte: Der Sudanese wollte von Anfang an nach Deutschland. Als Kind hatte er in einem Flüchtlingscamp eine deutsche Ärztin kennengelernt, die für Ärzte ohne Grenzen arbeitete.

Wo ist seine Familie?

Der 26-Jährige ist im Grenzgebiet zwischen Süd- und Nordsudan aufgewachsen. Seit 2011 im Bürgerkrieg sein Heimatdorf bombardiert und sein Vater erschossen wurde, hat er eine Odyssee hinter sich und keine Ahnung, was aus seiner Mutter und seinen sechs Brüdern geworden ist. 2014 wagte er sich zusammen mit sechs Freunden in die Wüste mit dem Ziel, Ägypten zu erreichen. Stattdessen landete er in Libyen. Er berichtet vom Leben in der Illegalität, davon, wie er und seine Freunde in einem der berüchtigten libyschen Lager landeten, wie er von dort wieder floh.



„Ich hatte nie das Gefühl, dass ich ein Mensch bin, bis ich in Europa war“, sagt er. Bis dorthin hatte es nur einer seiner anfangs sechs Freunde geschafft. Der Freund beschloss, in Paris zu bleiben, Sami Mohammed fuhr weiter nach Deutschland. Am 27. Mai 2016 kam er alleine in der Erstaufnahme-Einrichtung Bramsche-Hesepe an – zwei Jahre und zwei Monate nachdem er den Sudan verlassen hatte.

Er erzählt seine Geschichte fließend auf Deutsch. „Ich habe gehört: Wenn man in Deutschland lernt, bekommt man eine Chance.“

Foto: Jörn Martens

Da er in Italien per Fingerabdruck registriert wurde, ist er ein sogenannter Dublin-Fall: Laut dem Dublin-Abkommen, ist das europäische Land für das Asylverfahren zuständig, das ein Geflüchteter zuerst betritt. Anderthalb Jahre lang lebte in der Angst, dorthin abgeschoben zu werden. Er konnte nicht schlafen – und lernte Deutsch. Als er in einem VHS-Kurs das Anfänger-Sprachniveau A1 erlangt hatte, nahm ihn seine Lehrerin mit zur Jobmesse. Er stellte sich bei einem Wallennhorster Unternehmen vor und ergatterte einen Ausbildungsplatz zum Elektroautomatisierungstechniker. Mittlerweile hat Sami Mohammed subsidiären Flüchtlingsschutz zugesprochen bekommen und kann fürs Erste in Deutschland bleiben. Abends lernt er weiter Deutsch, hat sich bis zum Niveau C1 hochgearbeitet. Im März will er die Sprachprüfung bestehen. 

In seinem Heimatdorf gab es keine Elektrizität, erzählt Sami Mohammed. Deshalb will er studieren, Elektroingenieur werden und vielleicht sogar irgendwann zurückkehren. „Ich will etwas ändern in meinem Land.“


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