Nach Prozessauftakt gegen Emsbürener Landgericht Osnabrück verärgert über die „Bild“-Zeitung

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Fotografen durften vor Eröffnung des Verfahrens das angeklagte Paar aus Emsbüren im Landgericht Osnabrück fotografieren. Die „Bild“-Zeitung ignorierte die Aufforderung der Pressestelle, die Gesichter unkenntlich zu machen. Foto: Jörn MartensFotografen durften vor Eröffnung des Verfahrens das angeklagte Paar aus Emsbüren im Landgericht Osnabrück fotografieren. Die „Bild“-Zeitung ignorierte die Aufforderung der Pressestelle, die Gesichter unkenntlich zu machen. Foto: Jörn Martens

Osnabrück. Osnabrück. Vor einer Woche begann am Osnabrücker Landgericht unter großem öffentlichem Interesse der Prozess gegen ein Elternpaar aus Emsbüren, das seinen Sohn über Jahre misshandelt haben soll. Auch die „Bild“-Zeitung berichtete über die Verhandlung – und das in einer Form, die beim Landgericht für großen Unmut sorgt.

„Ich kann mich nicht erinnern, dass das bei uns schon einmal vorgekommen ist“, sagt Gerichtspressesprecher Sebastian Hohdorf. Seine Entrüstung richtet sich gegen die „Bild“, die unter der Überschrift „Sohn (14) musste Müllsäcke als Kleidung tagen“ über den Prozessauftakt im Emsbürener Missbrauchs-Fall berichtet hat. Anlass für den Ärger des Landgerichts ist ein Foto zum Artikel. Denn das zeigt die Mutter und den Stiefvater des Geschädigten unverpixelt.

„Wir hatten eine Pressemitteilung herausgegeben, in der wir darum gebeten haben, die Gesichter der Angeklagten zu pixeln“, sagt Sebastian Hohdorf. Laut des Pressesprechers ist es gängige Praxis, dass sich die Medienvertreter an diese Bitte des Landgerichts halten. „Dementsprechend waren wir mit der Vorgehensweise der ,Bild‘-Zeitung nicht besonders glücklich. Insbesondere hätten wir erwartet, dass sich die ,Bild‘-Zeitung bei uns meldet, wenn sie von unserer Vorgabe abweicht.“

Keine richterliche Verfügung

Hätte nämlich die „Bild“ beim Landgericht angekündigt, sich an die Bitte um Verpixelung nicht zu halten, hätte man laut Hohdorf die Vorsitzende Richterin des Verfahrens informieren können. Die Vorsitzende wiederum wäre dann vermutlich zu dem Entschluss gekommen, beim Prozessauftakt eine Verfügung zu erlassen, wonach die Angeklagten zu verpixeln seien. Der Verstoß gegen eine solche Verfügung hätte dem Gericht dann die Möglichkeit gegeben, die „Bild“ vom weiteren Prozess auszuschließen. Die bloße Bitte in der Pressemitteilung rechtfertigt diesen Ausschluss nicht.

Klar ist, dass die „Bild“ mit ihrem Verzicht auf Verpixelung keine Straftat begangen hat. „Aber es gibt natürlich die zivilrechtliche Frage“, sagte Sebastian Hohdorf, „also die Frage, ob die ,Bild‘-Zeitung das in Hinblick auf das Persönlichkeitsrecht der Angeklagten durfte.“

Recht am eigenen Bild

Grundsätzlich hat in Deutschland jeder Bürger das sogenannte Recht am eigenen Bild, er muss also vor Aufnahmen um Erlaubnis gefragt werden. Von diesem Recht gibt es allerdings Ausnahmen. Im konkreten Fall stellt sich die Frage, ob das Informationsinteresse der Öffentlichkeit das Persönlichkeitsrecht der Angeklagten überwiegt. Juristisch spricht man in diesem Fall auch davon, dass Menschen zu „Personen der Zeitgeschichte“ werden. Eindeutig trifft das auf den sogenannten Todespfleger Niels Högel zu, der mutmaßlich mehr als hundert Morde begangen hat und damit zweifellos zu einer Person der Zeitgeschichte geworden ist. Das Emsbürener Elternpaar hingegen könnte sich bei einer zivilrechtlichen Klage durchaus Hoffnungen auf eine Entschädigung durch die „Bild“ machen. „Man muss ja auch festhalten, dass es sich um Angeklagte handelt, bei denen gar nicht klar ist, ob sie schuldig sind“, sagt Sebastian Hohdorf.

DJV verweist auf Pressekodex

„Schuldig werden Angeklagte in Deutschland erst durch ein Gerichtsurteil und nicht durch die Berichterstattung einer Zeitung über eine Straftat“, sagt auch Hendrik Zörner, Pressesprecher des Deutschen Journalistenverbandes (DJV), auf Nachfrage unserer Redaktion. „Deshalb schreibt der Pressekodex auch vor, dass Angeklagte in der Berichterstattung entsprechend zu schützen sind. Die Veröffentlichung unverpixelter Fotos steht dazu in krassem Widerspruch. Journalisten, die so arbeiten, schaden der Glaubwürdigkeit des ganzen Journalismus.“

Auch die „Bild“ wurde von unserer Redaktion um eine Stellungnahme gebeten, der zuständige Pressesprecher Christian Senft lehnte diese aber mit folgenden Worten ab: „Bitte haben Sie Verständnis, dass wir uns zu redaktionellen Entscheidungen grundsätzlich nicht äußern.“


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