Grundgesetzliches zur Lage der Nation Kabarettist Philip Simon verwandelt Lagerhalle in politische Voliere

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Im Kampf für die Grundrechte: Kabarettist Philip Simon in der Lagerhalle.  Foto: André HavergoIm Kampf für die Grundrechte: Kabarettist Philip Simon in der Lagerhalle. Foto: André Havergo

Osnabrück. Warum kennen wir die zehn Gebote besser als unsere Grundrechte? Dieser Frage ging Kabarettist Philip Simon in der Lagerhalle nach – und leistete Aufklärung.

Am Ende hatte Philip Simon eine Reihe von Zahlen auf die Schultafel geschrieben, die auf der Bühne der Lagerhalle stand. Höhere Mathematik war das nicht, sondern lediglich eine Aneinanderreihung von Artikeln aus dem Grundgesetz (GG), deren tieferen Sinn der Kabarettist zuvor zu entschlüsseln versucht hat. Und nicht nur das, denn auch und vor allem ging es dem in Köln lebenden Niederländer darum, jene Grundrechte, welche die Gründerväter der Republik vor 70 Jahren ersonnen haben, mit der heutigen politischen Realität abzugleichen. Mit dem Ergebnis, dass die Grundwerte aus unserem „Lexikon der Demokratie“ nicht mehr wirklich „gelebt, hinterfragt und weiterentwickelt“ würden, sondern der „alte Schmöker“ im Regal verstaube und sein Inhalt mittlerweile weniger bekannt sei als derjenige der Bibel. So gestaltete der 42-Jährige sein drittes Kabarettprogramm „Meisenhorst“ auch ein Stück weit als Aufklärungsveranstaltung für Staatsbürger, deren „christliche Prägung“ stärker sei als ihr Wissen über das Grundgesetz (GG). 

Die Widersprüche der Freiheiten

Wahrhaftiges, als Vor- und Zwischenmusik eingespieltes Vogelgezwitscher und die Vorstellung einer politischen Voliere dienten Simon dabei als Sinnbild für das „kollektive Oberstübchen der Nation“, in dem es „keine Obergrenze“ gebe und „alle unsere Meisen versammelt“ seien. So konnte er vor dem Publikum im ebenfalls gut gefüllten Saal der ganzen Republik nicht nur einen Vogel zeigen, sondern gleich die „volle Meisenvielfalt“ – ermöglicht nicht zuletzt durch das hohe Gut der in Artikel 5 GG verbrieften Meinungsfreiheit. Es sei nicht selbstverständlich, dass jeder sagen dürfe, was er denkt, „selbst wenn er dabei den Schritt des Denkens überspringt“, betonte Simon. Aber das müsse man dann eben aushalten ganz im Sinne des „Philosophen“ Bruce Lee, der einmal gesagt habe: „Der kürzeste Weg aus dem Schmerz ist mittenhindurch“. Ähnliches gilt auch für die grenzenlose Berufsfreiheit nach Artikel 12 GG: „Jeder darf werden, was er will – unabhängig davon, ob er es auch kann“, lieferte der Kabarettist, der einmal Philosophie studiert hat, ein weiteres Beispiel dafür, dass „wir als Grundgesetz und Meisenhorst“ ein „Widerspruch“ sind, „der sich selbst nicht erträgt“. 

Für die Humanisierung des Menschen

Der an seinem Lebensende geistig umnachtete Nietzsche stand Philip Simon Pate für den Gedanken, dass „Vergessen und Schweigen“ vielleicht sogar der Sinn des Lebens, zumindest aber die „Voraussetzung für politischen Machterhalt“ ist. So reduziere sich der Slogan der Regierenden eben auf das „Land, in dem wir gut und gerne leben“, was „keine politische Haltung“ sei. Der Schutz der Privatsphäre nach Artikel 10 GG werde etwa durch Bundestrojaner oder Vorratsdatenspeicherung ausgehebelt; und das Beispiel des NSU-Prozesses zeige eine Umkehrung der „rückhaltlosen Aufklärung“ in eine „Aufklärung ohne Rückhalt“ bei Untersuchungsausschüssen nach Artikel 44 GG. Auch deshalb diagnostizierte Simon dem Bundesmeisen- und eben nicht: Adlerhorst den Ausbruch der Vogelgrippe. Am Ende plädierte er mit Kant und auch unter Berufung auf Art. 25 GG (Vorrang des Völkerrechts) für eine globale humanistische Leitkultur anstelle einer deutschen, die „völkische Rechte“ hervorbringt. Wohl selten hat man einen Kabarettisten eine derartige Lanze für das Grundgesetz brechen sehen.


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