Interview nach Germania-Pleite FMO-Chef Schwarz: „16 Ziele sind im Augenblick nicht buchbar“

"16 Ziele für den Sommer sind im Augenblick nicht buchbar", sagt der Geschäftsführer des Flughafens Münster/Osnabrück, Rainer Schwarz. Foto: Archiv/Jörn Martens"16 Ziele für den Sommer sind im Augenblick nicht buchbar", sagt der Geschäftsführer des Flughafens Münster/Osnabrück, Rainer Schwarz. Foto: Archiv/Jörn Martens 

Osnabrück. Warum hat Germania den Flugbetrieb in der Nacht zu Dienstag so abrupt eingestellt? Wie reagiert der Flughafen Münster/Osnabrück darauf, dass sich das Flugstreckennetz auf einen Schlag mehr als halbiert hat? FMO-Chef Rainer Schwarz stellt sich den Fragen.

Wie haben Sie es erlebt, als nachts um 2 Uhr der Flugbetrieb bei Germania eingestellt wurde?

Ich war natürlich überrascht, weil der Germania-Geschäftsführer Karsten Balke noch am 19. Januar erklärt hatte, dass er eine Lösung zur Abdeckung dieses kurzfristigen Finanzierungsbedarfs gefunden hätte. Wörtlich hieß es sogar: „Damit ist die mittel- und langfristige Perspektive der Germania gesichert.“ Später kam heraus, dass die zugesagten Zahlungen gar nicht eingegangen sind und die Gehälter Ende Januar gar nicht ausgezahlt wurden. Wenn im Zuge dieser Entwicklungen erste Gedanken an eine Insolvenz aufkamen, muss man bei einem Unternehmen mit rund 600 Millionen Euro Umsatz wie der Germania bei einer anstehenden Zwischenfinanzierung von 15 Millionen Euro wohl zunächst von einer sogenannten „Insolvenz in Eigenverwaltung“ ausgehen. Das hätte bedeutet, dass die Germania die Flieger in der Luft hält.

Das Boden- und Luftpersonal der Germania hat sich am Dienstag auf dem Vorfeld des Flughafens Münster Osnabrück in Greven von einer Maschine verabschiedet. Die Berliner Fluggesellschaft stellt ihren Flugbetrieb ein. Foto: David Ebener

Warum kam es anders?

Völlig überraschend war daher die Feststellung des Amtsgerichts Berlin-Charlottenburg, dass die Insolvenzmasse zu gering war. In der Konsequenz musste der Flugbetrieb in der Nacht zu Dienstag abrupt eingestellt werden. Die Betriebserlaubnis durch das Luftfahrt-Bundesamt wurde entzogen, nachdem um 2 Uhr morgens alle 37 Mittelstrecken-Jets der Germania wieder in Deutschland waren.





Wann und wie haben Sie davon erfahren?

Durch unsere Verkehrszentrale, die ja in meiner Abwesenheit die Funktion des Betriebsleiters vom Dienst übernimmt. Ab 23 Uhr war ich mit der Verkehrszentrale in Kontakt. Als ich die Nachricht dann um 2 Uhr morgens erhalten habe, war ich natürlich schon perplex, dass sich das so zugespitzt hat. In gewisser Weise hatten wir dabei aber sogar noch Glück im Unglück, da der Dienstag bei Germania nicht so ein verkehrsstarker Tag ist. Denn üblicherweise gehen die Flieger schon um 4 oder 5 Uhr morgens ins Zielgebiet raus. Somit wären schon um 2 Uhr morgens die ersten Fluggäste am FMO gewesen. Da der erste Germania-Abflug am Dienstag allerdings erst um 14 Uhr nach Lanzarote rausgegangen wäre, gab es natürlich noch genügend Zeit, die Passagiere vorzuwarnen. So gab es lediglich zwei oder drei Passagiere, die das nicht mitbekommen hatten und von uns vor Ort erst einmal mit einer Tasse Kaffee betreut wurden.



Im vergangenen Jahr hatten 269.000 Fluggäste und damit 26 Prozent aller Passagiere am FMO Germania gebucht. Mit wie vielen Germania-Passagieren plante der FMO für 2019?

So ganz genau konnten wir das noch nicht spezifizieren, da der Einsatzplan der dritten Maschine noch in der Diskussion war. Germania wollte mit dem dritten Flugzeug auch Mittelstücke zu anderen Flughäfen bedienen.

Mehr als die Hälfte der Ziele wurden von Germania angeflogen. Wie reagieren Sie, nachdem sich das FMO-Flugstreckennetz auf einen Schlag mehr als halbiert hat?

Von den 27 Flugzielen, die vom FMO angeboten werden, wurden 20 von Germania angeflogen. Dabei werden beliebte Ziele wie Palma de Mallorca, Antalya oder Hurghada natürlich auch weiterhin von anderen Airlines angeflogen. 16 Ziele für den Sommer sind im Augenblick nicht buchbar. Dazu gehören die Kanaren, das spanische Festland und Griechenland.



Wie geht es nun weiter?

Wir sind mit den Reiseveranstaltern in Gesprächen, um gerade für diese volumenstarken Verbindungen Ersatz durch andere Airlines zu erhalten. Dabei bin ich auf der einen Seite zuversichtlich, da wir gerade in den letzten beiden Jahre bewiesen haben, dass – wenn es ein entsprechendes Angebot gibt - wir diese Märkte hier vor Ort auch entwickeln können. Andererseits dürfen wir nicht verkennen, dass mit uns nun mindestens acht andere Airports um die Gunst knapper Ressourcen bei Airlines und Veranstaltern buhlen werden.


2016 hoben 780.000 Fluggäste vom FMO ab. Dann übernahmen Sie, steigerten die Fluggastzahlen um 23 Prozent auf 970.000 in 2017 und um weitere 57.000 Passagiere auf mehr als eine Million Fluggäste im Jahr 2018. Befürchten Sie nun, auf das Niveau von 2016 zurückzufallen?

Das große Wachstum bei Germania-Fluggästen am FMO gab es im Jahr 2017. Die Passagierzahl steigerte sich zum Jahr 2016 um 115.000 auf 259.000 Germania-Fluggäste. Im vergangenen Jahr hingegen kamen nur noch weitere 10.000 Germania-Passagiere hinzu. In 2018 ist der Markanteil von Germania also sogar leicht gesunken. Die Wachstumstreiber im letzten Jahr waren nicht die klassisch von der Germania belegten Märkte, sondern die Türkei und Ägypten, und diese Ziele sind auch bei anderen Airlines im Angebot. Für 2019 gehen wir davon aus, dass sich gerade auf diesen Märkten die Tendenz zur Normalisierung weiter fortsetzen wird. Es bleibt also abzuwarten wie Airlines wie „SunExpress“ oder Veranstalter wie „FTI“ auf die Pleite der Germania reagieren. Ich bitte um Verständnis, das ich 24 Stunden nach der Insolvenz nur generelle Tendenzen und Chancen aufzeigen, aber noch keine konkreten Zahlen benennen kann.

Gehen Sie nach der Germania-Insolvenz davon aus, dass die zehn kommunalen Gesellschafter, die bis 2020 rund 84 Millionen Euro Eigenkapital zur Entschuldung des Flughafens einbringen, auch danach noch Millionenverluste des FMO mittragen müssen?

In dem seit Ende 2014 laufenden Entschuldungsprozess haben wir während der letzten vier Jahre unter Beweis gestellt, dass wir Jahr für Jahr die Vorgaben eingehalten haben. Damit hätten wir im Jahr 2021, also nach Beendigung des Programms, operativ wieder ein positives Ergebnis erwirtschaftet. Was die Germania Insolvenz nun für die wirtschaftliche Entwicklung des Flughafens bedeutet, kann ich aktuell – wie gesagt: 24 Stunden nach der Insolvenz - nicht beantworten.

Was ist in den kommenden Wochen und Monaten der Schwerpunkt Ihrer Arbeit?

Der Schwerpunkt liegt jetzt natürlich ganz stark auf der Bearbeitung des touristischen Marktes und der Akquisition. Meine Mannschaft und ich konzentrieren sich jetzt insbesondere auf die Verhandlungen mit den Airlines und Reiseveranstaltern. Nach den ersten Krisenanzeichen zu Jahresbeginn hatten wir diese Gespräche natürlich bereits intensiviert. Wie immer in krisenhaften Situationen ist man als Geschäftsführer daneben insbesondere in der Kommunikation gefordert. Gesellschafter, Mitarbeiter und Öffentlichkeit wollen zu Recht wissen, wie es weitergeht. Gestern beispielsweise haben sich wirklich herzzerreißende Szenen bei den Crews der Germania abgespielt. Über 50 Kollegen sind im Augenblick hier stationiert und werden jetzt arbeitslos. Auch das gehört zu den Aufgaben, sich zu kümmern und zu gucken, wo man unterstützen kann.


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