Geschichte des Wohnungsbaus Von "Schlichtwohnungen" und Solidarität: Heimstättenverein Osnabrück wird 100

Von Stefanie Terschüren

Die Unternehmenshistorikerin Dr. Petra Spona und der geschäftsführende Vorstand des Heimstättenvereins, Jürgen Silies, mit der handschriftlichen Bilanz des HVO an seinem Gründungstag, dem 8. Mai 1919. Foto: EgelkampDie Unternehmenshistorikerin Dr. Petra Spona und der geschäftsführende Vorstand des Heimstättenvereins, Jürgen Silies, mit der handschriftlichen Bilanz des HVO an seinem Gründungstag, dem 8. Mai 1919. Foto: Egelkamp

Osnabrück. Bezahlbarer Wohnraum ist wieder ein großes Thema. Staatliche Förderung soll die Lage von Gering- und Normalverdienern verbessern. Wie diese wirkt, lässt sich an der Geschichte des Heimstättenvereins Osnabrück (HVO) ablesen, der ältesten Wohnungsgenossenschaft in Osnabrück, die in diesem Jahre 100 Jahre alt wird.

„Genossenschaften wie die HVO verzichten bis heute auf Renditen und haben das Mitgliederkollektiv im Auge", sagt Historikerin Petra Spona. Doch der Handlungsspielraum sei eingeschränkt: Steigende Baukosten unter anderem durch immer neue staatliche Vorgaben, höhere Grundstückskosten und das weitgehende Ausbleiben von Fördermöglichkeiten zwängen auch Genossenschaften, die Preise nach oben anzupassen. "Auch sie müssen so kalkulieren, dass sie finanziell nicht selbst in Schieflage geraten“, erläutert Petra Spona.

Die promovierte Unternehmenshistorikerin aus Lübbecke in Ostwestfalen wurde vom geschäftsführenden Vorstand Jürgen Silies mit der Realisierung der Festschrift zu 100 Jahre HVO beauftragt. Die 47-Jährige arbeitete das Unverwechselbare des Heimstättenvereins herus, der 1919 von Heinrich Grewe als Beamtenwohnungsverein gegründet wurde. Gleichzeitig ist die Festschrift, die im Mai herauskommt, ein Beitrag zur Geschichte des Wohnungsbaus in Osnabrück.  

Osnabrücker Tageblatt vom 25. Februar 1967. Foto: Stefanie Terschueren

Bei ihren Recherchen in verschiedenen Archiven, darunter auch das Zeitungsarchiv der Neuen Osnabrücker Zeitung, stieß sie auf Indizien, die zeigen, wie sich staatliche Förderung direkt in der Praxis niederschlägt. So sind Größe und Bauzeiten von Wohngebäuden des HVO oft als direkte Folge spezifischer Vorgaben aus Wohnungsbauförderrichtlinien erkennbar. Auf das Erste Wohnungsbaugesetz von 1950, das auf den Bau großer Mengen kleiner Wohnungen für die vielen Wohnungssuchenden nach dem Zweiten Weltkrieg zielte, folgten sogenannte „Schlichtwohnungen“ des HVO in der Voxtruper Straße und am Ertmanplatz am Schölerberg. Auch der heutige Wohnungsmangel ist Folge der Wohnungsbaupolitik der letzten 20 Jahre. 

Gefördert durch das sogenannte „Barackenräumprogramm“ entstanden Mitte der 1950er Jahre diese Schlichtbauten am Ertmanplatz. Foto: Strenger, 1969

Anders als in den Achtzigerjahren, als Kaltmieten von 6 DM pro Quadratmeter schon hoch waren und das Vermieten größerer Wohnungen nahezu unmöglich machte, finden heute selbst Schrottimmobilien Interessenten. Eine Entwicklung, die sich bereits Ende der Achtziger anbahnte. Wegen der Rezession gingen Miet- und Eigentumsneubau deutlich zurück, und in der Folge gab es für Großfamilien, Arbeitslose und Studierende kaum noch Angebote. Mit dem Grenzdurchgangslager in Bramsche wuchs zudem die Zahl der Aussiedler aus Russland rasant an.

Osnopoly-Aktionstag 1992

1992 hatten die Osnabrücker genug und demonstrierten am „Osnopoly-Aktionstag“ gegen die hohen Baukosten. Unterhalb einer kalkulierten Kaltmiete von 7 bis 9 DM war keine Wohnung realisierbar. Ein Desaster für einkommensschwache Mieter. Die Stadt reagierte mit dem sogenannten Baulückenprogramm und der Förderung des Dachgeschossausbaus. „Der HVO baute daraufhin für ein Investitionsvolumen von 24 Millionen D-Mark innerhalb kürzester Zeit in 53 bestehenden Gebäuden 108 kleine Dachgeschosse aus und trug damit zur Entschärfung der Wohnsituation bei“, fand Petra Spona heraus.

Seit 2008 ist die Lage nicht weniger dramatisch. Die Länder sind gezwungen zu reagieren. Niedersachsen hat sich jedoch auf die Gewährung günstiger Darlehen beschränkt. Für kleine Baugesellschaften, die sich auf eine Mietpreisbindung oder Bewohnerbindung einlassen, kein wirklicher Anreiz, um in Neubauten zu investieren. Die Folge: Mieten für neue HVO-Wohnungen an der zur Siedlung Ravensbrink gehörenden Friedrich-Holthaus-Straße 6 und 8 entsprechen fast Marktniveau. Alles andere würde den Genossenschaftsmitgliedern wirtschaftlich schaden. Dennoch sieht sich die HVO in der Pflicht. In deren Bestand befinden sich nach wie vor Wohnungen, die Empfängern von Arbeitslosengeld II genehmigt werden. „Wohnungsgenossenschaften sind die beste Mietpreisbremse“, sagt Silies. 

Kulturerbe Genossenschaft 

Zusammenhänge aufzuspüren und zu verdeutlichen, das gehört zur Aufgabe der Unternehmenshistorikerin, die branchenübergreifend aktiv ist. „Ich kitzele das heraus, was ein Unternehmen besonders macht, wodurch es über die Jahre geprägt wurde, wie es selbst seine Branche prägen konnte. Im Fall des Heimstättenvereins ist das neben der Wohnungsbaupolitik von Bund, Land und Stadt vor allem der Genossenschaftsgedanke, der bis heute seine Handlungen bestimmt“, erklärt Petra Spona. Die UNESCO hat 2014 die Genossenschaftsidee zum immateriellen Kulturerbe erklärt.

Ein praktisches Beispiel für solidarisches Handeln des HVO ist die Reaktion auf die Abschaffung der Wohnungsgemeinnützigkeit 1989. Bisherige gemeinnützige Wohnungsbauträger mussten sich entscheiden, ob sie normale steuerpflichtige Wohnungsbauunternehmen werden wollten oder steuerbefreite reine Vermietungsgesellschaften. Der HVO entschied sich für letzteres und darf seither keine Wohnungsbauprojekte mehr verwirklichen, die nur auf den Verkauf der Gebäude zielen. Für die Mieter änderte sich nichts. Und die Handwerker, die bisher im Bereich Eigenheimneubau beschäftigt waren? „Der HVO kündigte den zwei Maurern nicht, sondern setzte sie bis zur Verrentung in der Bestandspflege ein“, sagt Petra Spona.

100-Jahr-Feier im Mai

Zum 100. Jubiläum erscheint nicht nur die Festschrift, es soll auch gefeiert werden. Am Samstag, 11. Mai 2019, lädt die HVO zum Familiennachmittag am Sportplatz des SC Schölerberg ein. Die Erwachsenen sind zudem zu zwei Sondervorstellungen des Theaterstücks „The Producer“ am Sonntag, 19. Mai, eingeladen. 


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