Reportage über eine Drückjagd Wie Osnabrücker Jäger die Schweinepest ins Visier nehmen

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Kreisjägermeister Martin Meyer Lührmann macht Jagd auf Wildschweine, um der Ausbreitung der Afrikanischen Schweinepest entgegenzuwirken. Foto: David EbenerKreisjägermeister Martin Meyer Lührmann macht Jagd auf Wildschweine, um der Ausbreitung der Afrikanischen Schweinepest entgegenzuwirken. Foto: David Ebener 

Berge/Osnabrück. Die Afrikanische Schweinepest ist mittlerweile bis nach Belgien vorgedrungen. Landwirte in Deutschland drohen enorme wirtschaftliche Probleme. Im Kampf gegen einen flächendeckenden Ausbruch spielen Jäger eine Schlüsselrolle. Wir haben Jäger aus dem Landkreis Osnabrück bei einer Drückjagd nahe Berge begleitet.

Auf dem Hochsitz im Börsteler Stiftwald herrscht Stille. "Wildschweine sind intelligente Tiere", sagt Kreisjägermeister Martin Meyer Lührmann mit leiser Stimme. Und sie können sehr gut hören. 

Seit 35 Jahren ist er Jäger, sagt Meyer Lührmann. In dieser Zeit hat er etwa 200 Wildschweine geschossen. Seitdem sich die Afrikanische Schweinepest, kurz ASP, den deutschen Grenzen nähert, gewinnt die Jagd auf Wildschweine an Bedeutung. Die Wilddichte soll reduziert werden, um der Ausbreitung der ASP entgegenzuwirken. Doch das erweist sich als schwierig. "Das Schwarzwild breitet sich wahnsinnig aus", berichtet der Jäger. Ein Ausbruch der ASP könnte fatale Folgen für die Landwirtschaft haben.

Während er redet, taucht wie aus dem Nichts eine Rotte Wildschweine vor dem Hochsitz auf. Meyer Lührmann greift sich sein Gewehr. Eine Sauer, Kaliber 7,6 Millimeter.

Foto: David Ebener

Vor dem ersten Schuss muss er kurz innehalten, weil das Schussfeld verdeckt ist. Er schießt und verfehlt das Ziel. Meyer Lührmann justiert sein Visier nach und schießt ein zweites Mal. Auch dieser Schuss geht daneben. Die Rotte entkommt.

Foto: David Ebener


Jäger spielen eine Schlüsselrolle im Kampf gegen die Afrikanische Schweinepest. "Sie kennen Ihr Revier und wissen, wo sich kranke Tiere aufhalten und wo Kadaver liegen könnten", erklärt Veterinärmediziner Dr. Jörg Fritzemeier. Dies sei wichtig, um einen Ausbruch früh zu erkennen und schnell reagieren zu können. Dass die ASP Deutschland erreichen wird, steht für ihn fest:

"Es geht nicht um das Ob, sondern um das Wann"

Weit ist sie nicht mehr entfernt. Belgien meldete im September erste Fälle. Bis jetzt ist in Deutschland jedoch noch kein Fall aufgetreten. Fritzemeier erwartet aber, dass sich die ASP flächendeckend über Westeuropa ausbreiten wird. Im "Animal Disease Notification System" der EU wird jeder einzelne Fall dokumentiert.

Die Politik fördert den Abschuss. Ein Jagdrevier erhält pro Schwein, das verglichen mit dem Durchschnitt der vergangenen Jahre zusätzlich erlegt wurde, eine Prämie von 50 Euro vom niedersächsischen Landwirtschaftsministerium, sagt Meyer Lührmann. Zudem werden revierübergreifende Jagden bezuschusst. Auch die Jagd im Börsteler Stiftwald bei Berge war Teil einer solchen "revierübergreifenden" Jagd. Zehn Reviere mit insgesamt 80 Jägern beteiligten sich daran.

Erkrankt ein Schwein an der ASP, dauert es nur wenige Tage, bis erste Symptome auftreten, weiß Dr. Fritzemeier. "Die Erkrankung geht mit Blutungen in verschiedenen Organen und Fieber einher". So gut wie immer verläuft sie tödlich. Für Menschen und andere Tiere ist sie jedoch ungefährlich. Meist sind außerdem nur einzelne Schweine erkrankt, da sich die ASP nur sehr schwer zwischen den Schweinen überträgt, erklärt der Kreisveterinär.

Neben vereinzelten Schüssen hallt auch immer wieder Hundegebell durch den Wald. Die Hunde gehören zu den Treibern. Einer von ihnen ist Burkhard Stegemann. Er ist zudem Jagdpächter des Börsteler Stiftwaldes. 

Foto: David Ebener

Vor drei Wochen habe er noch einen Bandscheibenvorfall gehabt. Davon ist an diesem Tag aber nichts mehr zu sehen. Der 55-Jährige marschiert in schnellen Schritten durch den 800 Hektar großen Forst, von Hochsitz zu Hochsitz. Seinen deutschen Jagdterrier "Benno vom Tuttkenwald" hält er an der kurzen Leine.  Mit fester, lauter Stimme sagt Burkhard Stegemann:

"Wenn man eine Sau jagt, muss man auch denken wie eine Sau"

Als Treiber hat er die Aufgabe, das Wild in die Schussweite der Schützen zu treiben. "Hopp, Hopp! Hoia, Hoia!", ruft er immer wieder, um das Wild aufzuscheuchen. Mit dem Handy hält er Kontakt zu den Schützen und informiert sich über Abschüsse. Sein Hund treibt die Schweine vor sich her. Durch lautes Bellen kündigt der Jagdterrier den Schützen das Wild an. Er wurde eigens für die Sauenjagd gezüchtet und ausgebildet.

Foto: David Ebener

Hunde könnten eine sehr nützliche Rolle spielen, sollte es zu einem Ausbruch der Schweinepest kommen, sagt Kreisveterinär Fritzemeier. "Das Teuflische an der Schweinepest ist, dass sich das Virus bis in das Knochenmark der Kadaver zurückzieht" gibt er zu bedenken. Dort kann es über Monate überleben. Deshalb sei es notwendig, Hunde einzusetzen, die speziell auf das Aufspüren von Wildschweinkadavern ausgebildet sind. Jagdhunde wie der von Stegemann können das nicht leisten. Die neuen Hunde müssten ab sofort ausgebildet werden. Bleiben Kadaver unentdeckt, können sie zum Ansteckungsherd für einen neuen Ausbruch werden, so Fritzemeier. 

Foto: David Ebener

Vor Georg Rattes Hochsitz liegen zwei leblose Tiere. Ein Reh und ein Wildschwein. Mit nur jeweils einem Schuss hat er sie erledigt. Beim Wildschwein traf die Kugel direkt ins Herz. "Trifft man das Schulterblatt, ist das beste Stück des Wildes hinüber", sagt der 62-Jährige. Er sieht sich als Jäger aus Leidenschaft.

Nicht immer treffen die Jäger so gut wie Georg Ratte an diesem Tag. Wenn der erste Schuss nicht sitzt, kann das viel Leid für ein Tier bedeuten. Der Schütze geht dann zwar auf die Nachsuche, allerdings endet die nicht immer mit Erfolg.

Ratte muss die Tiere vor Ort aufbrechen, sie also aufschneiden und ihre Organe entnehmen. Gleichzeitig untersucht er sie auf Anzeichen von Krankheiten. Das Blut ist noch so warm, dass es dampft. Die Innereien lässt er liegen. "Die greift sich der Fuchs", meint Ratte.

Am Ende der Jagd werden von jedem erlegten Tier Proben genommen. Das Veterinäramt überprüft sie auf mögliche Krankheiten wie Trichinellose oder die Afrikanische Schweinepest. Für den Fall, dass die ASP bei einem Schwein in Deutschland nachgewiesen wird, droht der Preis für Schweinefleisch einzubrechen. Kreisveterinär Fritzemeier befürchtet einen Strukturwandel in der Landwirtschaft:

"Einige Schweinehalter werden in eine existenzielle Krise kommen"

Rund um die Fundstelle eines möglichen ASP-Falls würden Schutzzonen gebildet. "Schweinehalter innerhalb der Schutzzonen werden erhebliche Schwierigkeiten bekommen, noch Abnehmer für ihre Schweine zu finden", sagt der Veterinärmediziner. Der Preis für Wildschweinfleisch ist schon um über die Hälfte gefallen.

Auch Dänemark befürchtet wirtschaftliche Schäden aufgrund der Schweinepest. Ein 70 Kilometer langer Zaun soll die Dänen vor der ASP schützen. Der Erfolg dieser Maßnahme sei aber fraglich, sagt Meyer Lührmann. Die größte Gefahr einer Einschleppung gehe nicht vom Wildschwein, sondern vom Menschen aus:

"Die ASP kommt nicht auf vier Läufen, sondern auf vier Rädern"

Der Wildschweinbestand im Landkreis Osnabrück wird sich bis zum kommenden Herbst von derzeit circa 400 auf etwa 2000 Tiere erholen, sagt der Jäger. Und das trotz der intensiven Bejagung. Die Jagd auf die Afrikanische Schweinepest geht also weiter.


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