Jennifer Teege kannte ihn nur aus Schindlers Liste KZ-Kommandant Amon Göth war ihr Großvater

Familiengeschichte aufgearbeitet: Jennifer Teege las im Ehlers-Forum aus dem Bestseller über ihren Großvater Amon Göth.  Foto: Thomas OsterfeldFamiliengeschichte aufgearbeitet: Jennifer Teege las im Ehlers-Forum aus dem Bestseller über ihren Großvater Amon Göth. Foto: Thomas Osterfeld

Osnabrück. Durch einen Zufall lüftete sich für Jennifer Teege im Alter von 38 Jahren ein monströses Familiengeheimnis: Die Tochter einer Deutschen und eines Nigerianers, die bei Adoptiveltern aufwuchs, stieß in einer Bibliothek auf ein Buch, aus dem sie erfuhr, dass der durch Steven Spielbergs Film „Schindlers Liste“ bekannt gewordene SS-Mann und KZ-Kommandant Amon Göth ihr Großvater gewesen ist.

Das Thema ließ sie fortan nicht mehr los. Teege veröffentlichte 2013 das viel beachtete Buch „Amon – Mein Großvater hätte mich erschossen“, aus dem sie auf Einladung des Hermann-Ehlers-Bildungsforums Weser-Ems der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung nun im Osnabrücker Zentrum für Umweltkommunikation vorlas. 

Die eigentliche Lesung hielt Teege aber bewusst knapp, um ausreichend Raum für Fragen und einen Dialog mit dem Publikum zu lassen. Sie beschränkte sich auf den Prolog und die ersten Kapitel, in denen sie die Umstände des Fundes und den weiteren Verlauf der Recherche zu ihrer Familiengeschichte schildert.

Von der Film- zur Schlüsselfigur

Eindringlich skizziert Teege darin, wie real für sie jene Person geworden ist, die sie zunächst nur als Filmfigur gekannt hatte. Die Aufarbeitung der Geschichte ihrer Familie habe für sie auch eine persönliche Befreiung aus einer Depression bedeutet. Denn „ein Leben lang“ hatte sie vor dem Wissen um ihren Großvater das diffuse „Gefühl gehabt, dass irgendetwas nicht stimmt“. So mochte sie kaum an einem Zufall glauben, als der Fund ihr die Möglichkeit eröffnete, sich kritisch mit ihrer leiblichen Familie auseinanderzusetzen.

Gemeinsam mit der Journalistin Nikola Sellmair begab sich Teege auf Spurensuche, die sie bis ins polnische Krakau führte, wo die ehemaligen Villa ihrer Großeltern steht. „Wie der Eintritt in ein Gruselkabinett“ sei die Recherche zu ihrem Großvater gewesen, berichtete Teege. Der habe in dem unter seinem Kommando stehenden Konzentrationslager Plaszow wahllos Menschen ermordet – einfach nur, weil er „Freude am Töten“ gehabt habe. Hätte sie als Tochter eines Afrikaners zu Göths Zeit gelebt, wäre auch sie sicherlich eine Todeskandidatin gewesen.

Amon Goeth gehörte zu den besonders grausamen Nazi-Verbrechern. Vielen ist er aus dem Film "Schindlers Liste" bekannt, wo er von dem britischen Schauspieler Ralph Fiennes dargestellt wurde (hier ein Szenenfoto). Foto: imago/United Archives


Vergangenheit nicht verklären

Die 1970 geborene, heute in Hamburg lebende verheiratete Mutter zweier Söhne berichtete auch von dem schwierigen Verhältnis zu ihrer leiblichen Mutter und Göth-Tochter Monika Hertwig, zu der sie aus Anlass des Fundes nach 20 Jahren wieder Kontakt aufgenommen hatte, diesen aber inzwischen wieder abgebrochen hat. Liebevolle Erinnerungen verbindet sie hingegen mit ihrer Großmutter, die ihr allerdings nie die Wahrheit über ihren 1946 als Kriegsverbrecher hingerichteten Großvater erzählt hat, weshalb sie ihr Buch auch als Aufforderung gegen das Verklären der Vergangenheit und das Leugnen von Verbrechen verstanden wissen will. 

Persönlich und politisch

Gerade in „unsicheren Zeiten“, in denen Menschen dazu tendieren würden, „irrational zu agieren“, sei es wichtig, nicht nur die Erinnerungskultur zu pflegen, sondern auch an Moral und Werte zu appellieren und zur Zivilcourage zu ermutigen, betonte Teege, die sich als klare Befürworterin der Politik Angela Merkels positionierte.

Zum Abschluss las sie noch aus einem Kapitel über ihre Großmutter, um anhand ihrer Geschichte zu illustrieren, dass auch Wegschauen Mittäterschaft bedeutet. Für Teege persönlich wurde die geliebte Großmutter durch die persönliche Aufarbeitung entzaubert. Als zeithistorisch relevantes Dokument belegt ihr Buch aber darüber hinaus exemplarisch, dass in fast jeder deutschen Familiengeschichte auch Täterfiguren zu finden sind – was oft genug bis heute totgeschwiegen wird oder sogar schon in Vergessenheit geraten ist.


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