Mit Bach ins Bett gegangen Christian Heinecke spricht über die Neue Hofkapelle

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Im Sturm erobert hat die Neue Hofkapelle Osnabrück mit Christian Heinecke (2. Von rechts) die Herzen der Zuhörer. Foto: Sven JürgensenIm Sturm erobert hat die Neue Hofkapelle Osnabrück mit Christian Heinecke (2. Von rechts) die Herzen der Zuhörer. Foto: Sven Jürgensen

Osnabrück. Christian Heinecke ist mit klassischer Barockmusik aufgewachsen – und entdeckt sie immer wieder neu. Vor vier Jahren hat er die Neue Hofkapelle Osnabrück gegründet. Mitten in ihrer zweiten Saison, gehen die Ideen für zukünftige Programme nicht aus.

Herr Heinecke, Alte Musik in historischer Aufführungspraxis liegt im Trend. Schwimmen sie auf einer Modewelle?

So würde ich es nicht nennen, aber es stimmt, dass es derzeit die Stilrichtung in der Klassikbranche ist, die am meisten boomt. Alte Musik ist auch deswegen so populär geworden, weil man sich wieder intensiv um sie kümmert. Im Studium habe ich noch gelernt, dass Telemann ein langweiliger Vielschreiber war. Dabei war er sehr vielseitig und experimentierfreudig. 

Mit welcher Idee und mit welchem Anspruch ist die Neue Hofkapelle 2015 gegründet worden?

Der Anspruch war, ein Barockorchester zu gründen, das sich nicht darauf beschränkt, zweimal im Jahr ein Weihnachtsoratorium oder eine Passion zu spielen, sondern schwerpunktmäßig barocke Orchesterliteratur. Es sollte regelmäßig auftreten und sich als fester Klangkörper entwickeln, der auf hohem Niveau Barockmusik anbieten kann. 

Was ist der Unterschied zur alten Hofkapelle? 

Ich weiß gar nicht, ob es so viele Unterschiede gibt, denn auch die alte Hofkapelle hat vor circa 340 Jahren das kulturelle Leben im Schloss bereichert, so wie wir es auch heute tun. Allerdings hat seinerzeit der Fürst eigens Tanzmeister, Musiker und Schauspieler aus Frankreich kommen lassen. Das haben wir bis jetzt nicht vor. (lacht) Uns geht es heute natürlich in erster Linie darum, den Charme der Musik, die damals komponiert wurde, wieder voll zu entfalten. 

Was bedeutet das für die Stadt Osnabrück und ihre Musikszene?

Nun, der immense Publikumszuspruch zeigt, dass ein professionelles Barockorchester gefehlt hat – nicht nur in Osnabrück, sondern auch in der Umgebung. In der nächsten Spielzeit ist auch ein Konzert im Bad Iburger Schloss geplant; wir kehren also auch zu dem Ort zurück, wo die alte Hofkapelle gegründet wurde. 

Wie muss man sich die Auswahl der Programme vorstellen? Wer hebt die Schätze und wo suchen Sie nach ihnen?

Das gute am digitalen Zeitalter ist, dass sehr viele Werke heute zumindest handschriftlich in Online-Bibliotheken der Allgemeinheit zur Verfügung stehen. Das bedeutet aber auch, dass etwa 60 Prozent der Werke die wir spielen noch nicht verlegt sind. Da gibt es also nur eine Lösung: Hinsetzen und alte Handschriften entziffern und abschreiben. Dabei macht man manchmal kuriose Entdeckungen, weil man erkennt, dass ein Kopist zu schnell gearbeitet und sehr viele Fehler gemacht hat.

Was macht den Reiz aus, heute wieder Barockmusik zu spielen?

Unbekanntes zu entdecken! Viele Werke und Komponisten sind zu Unrecht in Vergessenheit geraten. Wer kennt heute Brescianello, Valentini oder Wassenaer? Sie alle haben fantastische Musik komponiert. Es gibt also immer noch große Schätze zu heben, auch wenn man bedenkt, dass Telemann zum Beispiel über 1000 Ouvertüren komponiert hat, von denen längst nicht alle gedruckt wurden.

Wie hält alte Musik Sie persönlich jung?

Ich spiele seit meinem achten Lebensjahr Geige und die Liebe zur Barockmusik ist bei mir schon in der Kindheit entfacht worden. Ich bin mit Bach-Partituren ins Bett gegangen, die ich anstelle von Büchern gelesen habe. Heute liebe ich aber auch die italienische Barockmusik, die einen ganz besonderen Klang und auch Glanz entwickelt. In einem Barockensemble spielen ist das, was ich schon immer machen wollte. Im Studium habe ich den Zugang zur Barockgeige gefunden. Sie hat einen anderen Halt und erfordert eine andere Spieltechnik. Die Bögen sind kürzer, leichter und haben weniger Haare als die modernen. Die Stimmung ist ungefähr einen halben Ton tiefer, wodurch die Musik entspannter klingt. Wir alle ziehen nicht einfach nur alte Saiten auf neue Instrumente, sondern benutzen detailgetreu nachgebaute Originale.

Die Bohnenkamp-Stiftung fördert die Neue Hofkapelle seit 2017 mit jährlich 120 000 Euro. Wie wird das Geld investiert?

Ich bin Frau Bohnenkamp mit ihrer Stiftung sehr dankbar. Es ist sicher einzigartig in Deutschland, dass sich in diesen Zeiten ein Ensemble gründen durfte und nicht aufgelöst werden muss. Die Förderung ermöglicht uns, die Konzertreihe im Schloss mit fünf bis sechs verschiedenen Programmen und die Werbung dafür zu verwirklichen. Der Großteil fließt in die Honorare der Musiker. Ein Konzert mit doppeltem Spieltermin kostet zwischen 10 und 17000 Euro. Davon entfallen ca. 3500 Euro auf die Werbung, der Rest auf die Honorare. Musiker proben für eine Tagesgage von 150 Euro sechs Stunden am Tag. 

Welche Programme sind Ihnen besonders in Erinnerung? 

Neben der englischen und italienischen Barockmusik hatte ich persönlich besonders viel Spaß mit der Familie Bach, als wir alles gespielt haben außer Johann Sebastian Bach, um die Vielseitigkeit dieser Familie zu zeigen, die das Musikleben in Deutschland über mehrere Jahrhunderte lang bestimmt hat.

Haben Sie Angst, dass Ihnen irgendwann die Ideen ausgehen? 

Nein, die nächste, dritte Spielzeit ist schon voll und tolle international bekannte Solisten konnten verpflichtet werden und auch für die übernächste ist schon einiges Besonderes geplant. Und es gibt mittlerweile viele Anfragen. Auch eine kleine Tournee oder Konzertreise könnte ich mir in Zukunft gut vorstellen, zumal durch gemeinsames Reisen ein Ensemble auch noch weiter zusammenwächst.


Die nächsten Konzerttermine

Das Konzert „Barocke Stürme“ der Neuen Hofkapelle Osnabrück am Sonntag, 3. Februar, in der Schlossaula ist bereits ausverkauft. Nächster Termin: Geburtstagskonzert für Johann Sebastian Bach am Sonntag, 24. März 2019, 19 Uhr.

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