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Stimmung gereizt: Angehörige empört über Zustände in Osnabrücker Psychiatrie

Ist das Pflegepersonal  im Ameos-Klinikum Osnabrück überlastet? Diese Frage werfen Angehörige von Psychiatriepatienten auf.Ist das Pflegepersonal im Ameos-Klinikum Osnabrück überlastet? Diese Frage werfen Angehörige von Psychiatriepatienten auf.

Er hatte sich wund gesessen in seinem Rollstuhl, es tat weh, und er wollte sich bemerkbar machen. Doch die Schreie des alten Mannes nervten die anderen Patienten. Einer von ihnen, ebenso demenzkrank wie er selbst, schlug zu. Und brach dem 79-Jährigen das Nasenbein. Das geschah am 25. September 2009 in der geschlossenen Station des Ameos-Klinikums in Osnabrück. Die Kinder des alten Mannes werfen der Klinikleitung schwere Versäumnisse vor.

Die Stationen sind unterbesetzt, die Pfleger überfordert, sie reagieren gereizt und können nicht verhindern, dass Patienten misshandelt oder bestohlen werden. Diesen Eindruck vermitteln aufgebrachte Angehörige von Psychiatriepatienten, die sich in den vergangenen Tagen bei unserer Zeitung gemeldet haben.

Maria-Luise Vordermark (58) und Bernhard Möller (57) sind empört über die Behandlung ihres demenzkranken Vaters, der inzwischen gestorben ist. Auf der Station G1 hätten sie „katastrophale Zustände“ angetroffen, sagen die Geschwister. Ganz offensichtlich werde am Personal gespart, Schwestern und Pfleger seien hoffnungslos überlastet. Und die Stationsleitung könne nicht für die körperliche Unversehrtheit ihrer Patienten garantieren.

Schreie alarmierten die Pfleger nicht

Die 14 Tage im September seien für den 79-jährigen Vater eine Tortur gewesen, berichten Maria-Luise Vordermark und Bernhard Möller. Dabei habe er nur auf neue Medikamente eingestellt werden sollen. Wenn dem alten Herrn etwas in die Windel gerutscht sei, habe es quälend lange gedauert, bis die überlasteten Pfleger Zeit für ihn gefunden hätten. Ständig seien sich die Patienten auf der Station in die Haare geraten, ohne dass jemand dämpfend eingewirkt habe.

Dass der vor Stress und Verzweiflung schwitzende Vater in seinem Rollstuhl ein Dekubitalgeschwür bekam, ist für Maria-Luise Vordermark und Bernhard Möller ein klares Indiz für fehlende Zuwendung. Seine Schreie hätten aber nicht die Pfleger alarmiert, sondern nur die anderen Patienten gestört. Bis es zu dem brutalen Übergriff eines ebenfalls verwirrten Mannes kam.

Mit blutiger Nase und geschwollenem Gesicht trafen die Kinder ihren völlig verstörten Vater an. „Wir haben ihn ruhig gestellt“, soll die diensthabende Ärztin gesagt haben. Vom Nasenbeinbruch habe sie gar nicht Notiz genommen, berichten die Angehörigen des 79-jährigen Mannes. Von den Ärzten hätten sie nur gehört, die Patienten müssten vor sich selbst geschützt werden. Aber niemand schütze die Patienten, sagt Bernhard Möller bitter.

Unfreundliche Begrüßung

Er und seine Schwester haben die Aufsicht führende Ärztin wegen fahrlässiger Körperverletzung angezeigt. Von der Staatsanwaltschaft wurde das Verfahren zwar eingestellt, nach einer Beschwerde bei der Generalstaatsanwaltschaft soll es jedoch noch einmal aufgerollt werden.

Fast schon banal erscheint dagegen, dass dem verwirrten Vater fünf Schlafanzüge und andere Kleidungsstücke gestohlen wurden. Über solche Diebstähle haben sich auch andere Angehörige beklagt, zumal immer wieder Brillen, Hörgeräte und Zahnprothesen abhandenkommen. Die Beschwerdeführer nehmen das als Beleg für die Überforderung der Pflegekräfte, aber die Klinikleitung sieht hier ein generelles Problem beim Umgang mit demenzkranken Menschen.

Schwerer wiegen die Vorwürfe, die auf eine Vernachlässigung hilfloser Patienten schließen lassen. Noch immer fassungslos, berichtet der 34-jährige Markus Post aus Sögel, wie unfreundlich er die Behandlung seiner manisch-depressiven Mutter empfand. Vor drei Wochen sollte die 62-jährige Frau dort medikamentös eingestellt werden, aber schon bei der Aufnahme wähnte sich der emsländische Schlachter in einem falschen Film. „Gehen Sie hier weg!“, soll eine Schwester seine wartende Mutter angeherrscht haben. Eine andere sei „richtig unfreundlich“ geworden, nur weil die ältere Dame „Hallo, junge Frau“ zur Begrüßung gesagt habe.

Medikamentenschrank unverschlossen

Niemand habe sich gekümmert, als ein verwirrter Patient zitternd mit heruntergelassener Hose über den Flur geschlurft sei, sagt Markus Post. Eine Schwester habe dem älteren Mann nur schroff zugerufen: „Verarschen kann ich mich selber!“ – und ihn in seinem Elend allein gelassen.

Unangenehm berührt war der Emsländer auch, als er die Mutter zusammen mit seinem Cousin Daniel Borker (36) besuchte. Die beiden Männer beschreiben die Stimmung auf der Station G2 als gereizt. Einige der verwirrten Patientinnen hätten sich gegenseitig angegiftet, kein Pfleger und keine Schwester sei gekommen, um die Atmosphäre zu verbessern. Nur der ausländische Praktikant habe sich aufmerksam und mitfühlend gezeigt, berichten die beiden Männer.

Aufgefallen ist ihnen auch, dass der Medikamentenschrank sperrangelweit offen stand. Da hätte jeder zugreifen können, wundern sich die Besucher.

Keine Ermittlungen gegen Klinikleitung

„Wer noch nicht krank ist, der wird krank!“, sagt Markus Post, der sich bei der Klinikleitung über den Umgang mit seiner Mutter beschwert hat. Der Verwaltungschef sei sehr freundlich gewesen und habe sich entschuldigt, berichtet der Sohn der Patientin. Aber er glaubt nicht, dass es sich um einen Einzelfall handelt.

Das psychiatrische Krankenhaus, das bis 2007 vom Land Niedersachsen betrieben wurde, gehört jetzt dem Züricher Ameos-Konzern. Ein Todesfall in der geschlossenen Abteilung des Ameos-Klinikums wirft die Frage auf, ob die Privatisierung des ehemaligen Landeskrankenhauses unerträgliche Zustände heraufbeschworen hat.

Vor zehn Tagen hat eine 28-jährige Patientin in der geschlossenen Station eine 46-jährige Mitpatientin mit der Bettdecke erstickt. Motiv: Wut über einen verweigerten Ausgang. Das sei nicht absehbar gewesen, sagt Dr. Harald Scherk, der ärztliche Direktor der Klinik. Bisher habe die Patientin ihre Aggressionen immer nur gegen sich selbst gerichtet. Die Staatsanwaltschaft hat sich dieser Sichtweise angeschlossen und keine Ermittlungen gegen die Klinikleitung aufgenommen.