„Lichtspielhaus von Großstadtformat“ 1950 wurde in Osnabrück das „Ritz“-Kino eröffnet

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Das Ritz-Kino stellte ein repräsentatives Entree in die Lotter Straße dar. Wie das „Zu Verkaufen“-Schild andeutet, entstand dieses Foto nach der letzten Vorstellung im Herbst 1971. Foto: Archiv Manfred Külker/Liesel StädingDas Ritz-Kino stellte ein repräsentatives Entree in die Lotter Straße dar. Wie das „Zu Verkaufen“-Schild andeutet, entstand dieses Foto nach der letzten Vorstellung im Herbst 1971. Foto: Archiv Manfred Külker/Liesel Städing

Osnabrück. Von 1950 bis 1971 wurde im „Ritz“ auf Breitwand geliebt, gelacht, geritten und geschossen. Dann erwies sich der Weiterbetrieb unter dem Eindruck der „Puschenkino“-Konkurrenz des Fernsehens als zu aufwändig. Osnabrücks größtes und stattlichstes Kino musste einem Wohnbaukomplex Platz machen.

Aber nicht nur der Siegeszug des Fernsehens sorgte dafür, dass im "Ritz" die Lichter ausgingen. Hinzu kam, dass Besitzer Joseph Struchtrup gesundheitlich angezählt war. 

Ein Wohnbaukomplex ist nach 1972 an die Stelle des „Ritz“ gerückt. Foto: Joachim Dierks.

Mit beispielloser Energie hatte Osnabrücks Kino-Pionier frühzeitig nach dem Krieg auf den Boom der Lichtspielhäuser gesetzt und den nach Unterhaltung lechzenden Mitbürgern einen Träume-Palast nach dem anderen hingesetzt: erst das „Ritz“, dann den „Rosenhof“ und schließlich das „Roxy“ – die „drei großen R“.


Gute Laune im Filmpalast. Das „Ritz“ verfügte über 1000 Sitzplätze im Parkett und auf dem Rang. Sechs Sonderplatze waren mit Kopfhörern für Schwerhörige ausgestattet. Foto: NOZ-Archiv.


Struchtrup war in jeder Hinsicht ein Hansdampf. Er konnte gut mit den Verleihern, holte Ur- und Erstaufführungen nach Osnabrück und allein in den knapp 22 Jahren des „Ritz“ 160-mal Stars und Sternchen persönlich auf die Bühne. Daneben scheute er sich nicht, selbst auf die Leiter zu steigen, Gardinen aufzuhängen und Deko-Stoffe anzutackern.

"Ritz Cinema" in der Adolfstraße

Dank der Fachautoren Anne Paech und Reinhard Westendorf ist die Kinogeschichte Osnabrücks gut dokumentiert. So weiß man, dass es bereits ab Herbst 1945 ein „Ritz Cinema“ in einer ehemaligen Werkhalle des Autobauers Karmann an der Adolfstraße gab. Der gelernte Filmvorführer Joseph Struchtrup ließ sich von der britischen Besatzungsmacht für diesen Job anheuern. Zielstrebig arbeitete er darauf hin, dass die Vorstellungen bald nicht mehr nur für Besatzungsangehörige, sondern auch für das deutsche Publikum geöffnet wurden. 1949 erhielt er die Lizenz, einen Lichtspielbetrieb auf eigene Rechnung zu etablieren. Das klappte geräuschlos, weil Struchtrup belegen konnte, dass er mit seinem ersten „Rosenhof“-Kino und -Kabarett in der Johannisstraße häufig mit den Nazis über Kreuz gelegen hatte.

Klassizistischer Entwurf

Ein Bauplatz für das neue Haus war bald gefunden: das Ruinengrundstück an der Ecke von Lotter Straße und Bergstraße, das günstig zur Innenstadt und zu den westlichen Stadtteilen lag. Mit der Eigentümerin, Frau Welp-Kling vom Bekleidungshaus Welp in der Hasestraße, wurde sich Struchtrup schnell handelseinig. Er beauftragte den Architekten Fritz Stahlenburg mit dem Entwurf. Der zeichnete einen klassizistisch anmutenden Hallenbau mit einem vorgelagerten Portikus, der die Architektur des Akzisehauses zitierte und gleichzeitig ein repräsentatives Gegenüber zum Heger Tor darstellte.

Struchtrup packt selbst mit an

Am 13. August 1949 legte Struchtrup den Grundstein. Material war knapp in dieser Zeit. Geld sowieso. 70.000 Mauersteine, nämlich die Reste der Welp‘schen Bruchsteinvilla, wurden einzeln abgeklopft und für den Neubau bereitgestellt. An vorderster Front mit dabei: Josef Struchtrup, seine Frau, seine Schwägerin und die künftigen Kinoangestellten. Auch die tausend Kinostühle baute die Truppe eigenhändig ein und verschraubte sie.

In der erstaunlich kurzen Bauzeit von fünf Monaten wurde der Bau fertiggestellt. Die Eröffnungspremiere am 13. Januar 1950 mit dem britischen Ballettfilm „Die roten Schuhe“ geriet zu einem städtischen Großereignis. Oberbürgermeister Heinrich Herlitzius (SPD) sprach, das städtische Sinfonieorchester spielte. Ein goldener Lorbeerkranz als Geschenk der Filmverleiher zierte eine Wand des Foyers, dazu Ölgemälde, wertvolle Teppiche und Brücken, dekorative Gardinen, dezente grüne Sessel und Sofas, große Bodenvasen mit frischen Blumen. Das „Ritz“ wollte kein Kino, sondern ein Filmtheater sein. Die Besucher waren begeistert vom geschmackvollen Interieur und der guten Akustik. 

Die Längsseite des „Ritz“ mit Ladengeschäften und Freisitz-Café. Foto: Sammlung Dieter Mehring, Archiv NOZ.


Damit es im Foyer keine Schlangenbildung und Drängelei gab, löste man die Eintrittskarten in einem Kassenhäuschen, das von der Eingangshalle abgesetzt war. Wer mit dem Fahrrad kam, fand eine Fahrrad-Abstellanlage vor, die von einem uniformierten Dienstmann bewacht wurde. An der Langseite zur Lotter Straße sorgte eine vorgebaute Ladenzeile mit einem Foto-, einem Tabakgeschäft und einem Café für optische Auflockerung. Auf dem Vorbau erstreckte sich der Außenbalkon des Cafés. „Dort oben wird man wie in dem berühmten Café Kranzler in Berlin sitzen und auf den rauschenden Verkehr hinunterblicken“, schwärmte die „Neue Tagespost“.

Kurz vor dem Abriss: Das Kinogebäude um die Jahreswende 1971/72. Foto: Archiv Stadt Osnabrück, FB Geodaten.


Skandal um nackte Hildegard Knef

Die Geschäfte liefen gut für das „Ritz“, als Erstspieltheater für die Kassenschlager der Zeit war man oft ausverkauft. „Pünktchen und Anton“ etwa zog an Spitzentagen 5000 Besucher in fünf ausverkauften Vorstellungen ins Haus. Auch der wohl größte Filmskandal der 1950er-Jahre, der Film „Die Sünderin“ mit der kurzzeitig unbekleideten Hildegard Knef, erreichte das „Ritz“. Der Kreuzzug der Kirchen und weiterer konservativer Kräfte gegen den Film lag aber wohl weniger in dem Blankziehen der Knef begründet, sondern in der angeblich unkritischen Darstellung von Prostitution und Suizid. 

Der Filmverleih hatte Struchtrup vorgewarnt, dass es sich um ein heikles Thema handele. Zunächst lief der Film aber fast eine Woche ohne Beanstandungen. Dann aber kam es, wahrscheinlich aufgrund von Presseberichten über Demonstrationen und mit Stinkbomben ausgetragene Saalschlachten in anderen Städten, auch in Osnabrück zu Unmutsäußerungen während einer Vorstellung. Kurzerhand bestieg Struchtrup die Bühne und ließ die Zuschauer demokratisch abstimmen, ob der Film nun weiterlaufen oder abgebrochen werden sollte. Die Mehrheit entschied sich für die Fortsetzung des Films, woraufhin die Störer des Kinos verwiesen wurden.

Kurz vor dem Abriss: Das Kinogebäude um die Jahreswende 1971/72. Foto: Archiv Stadt Osnabrück, FB Geodaten.


Ende der 1960er-Jahre setzte das große Kinosterben ein, weil das Fernsehprogramm bunt, besser und länger wurde und die Verbreitung zunahm. Auch das „Ritz“ blieb davon nicht unberührt. Am 16. September 1971 lief als Abschiedsvorstellung das „Dschungelbuch“. Struchtrup schenkte jeder Dame eine rote Rose, wohl um auf den weiterhin spielenden „Rosenhof“ hinzuweisen. Im Februar 1972 wurde das Schicksal des „Ritz“ mit dem Abriss des Gebäudes endgültig besiegelt.


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