Langer Schatten der NS-Vergangenheit In Osnabrück treffen sich Nachfahren von Täter und Opfer

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Die Familien von Verena von Kerssenbrock und Guy Hofmann sind seit dem Mai 1945 miteinander verbunden. Damals erschoss Hofmanns nationalsozialistischer Großonkel den Großvater von Kerssenbrocks. Foto: Swaantje HehmannDie Familien von Verena von Kerssenbrock und Guy Hofmann sind seit dem Mai 1945 miteinander verbunden. Damals erschoss Hofmanns nationalsozialistischer Großonkel den Großvater von Kerssenbrocks. Foto: Swaantje Hehmann

Osnabrück. Im Osnabrücker „Forum Kriegskinder und Kriegsenkel“ haben sich nun Verena von Kerssenbrock und Guy Hofmann zum Gespräch getroffen. Thema war ein Mord im Mai 1945, der die beiden Familien in schrecklicher Weise verbindet – und noch immer beschäftigt.

Psychologen gehen davon aus, dass der Zweite Weltkrieg bis heute lange Schatten wirft – und nicht nur in der politischen Sphäre nachwirkt, sondern auch im Privatleben vieler Menschen. Demnach hat er nicht nur die Generation der Kriegskinder nachhaltig beeinflusst, sondern auch die der Kriegsenkel – Menschen also, die das Grauen selbst gar nicht miterlebt haben.

Das gilt zweifellos auch für Verena von Kerssenbrock und Guy Hofmann. Was haben sich zwei Menschen zu sagen, deren Familien vor zwei Generationen auf das Schrecklichste aufeinandertrafen? Das konnten kürzlich die Besucher des „Forums Kriegskinder und Kriegsenkel“ im Vortragssaal des Kulturgeschichtlichen Museums erleben.

Tödliche Schüsse im Mai 1945

Verena von Kerssenbrocks Großvater war der Arzt und Freiheitskämpfer Dr. Thomas Max. Er wurde in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs in München von Friedrich Ehrlicher erschossen. Der damalige Direktor des örtlichen Stadtjugendamts war als fanatischer Nationalsozialist bekannt. Er war der Großonkel von Guy Hofmann.

„Verschweigen“ sei eine übliche Reaktion, wenn die letzten Zeitzeugen und ihre Kinder mit der Verstrickung der eigenen Familie in die Geschehnisse des Dritten Reichs konfrontiert werden, erklärte Moderator Thorsten Heese zu Beginn. „Es ist ein ,Vor-sich-Hinbrodeln‘.“

Schon lange im Widerstand aktiv

Guy Hofmann verschweigt nichts. Er redet offen über das, was im Mai 1945 geschah. An jenem schicksalhaften Tag hatte Dr. Max sein Haus in Grünwald verlassen, um zu helfen, denn er hatte draußen Schüsse gehört. Als einer der Anführer der Widerstandsbewegung „Freiheitsaktion Bayern“ hatte der Arzt schon zuvor aktiv gegen das NS-Regime gearbeitet und freute sich, dass das Dritte Reich offensichtlich vor dem Ende stand. Auf der Straße traf er auf Ehrlicher, der seinerseits verzweifelt versuchte, die letzten Führerbefehle durchzusetzen und den Kampf bis zum bitteren Ende weiterzuführen. Nach einem Wortwechsel erschoss Ehrlicher den Arzt. Seine junge Tochter, die Mutter Verena von Kerssenbrocks, hörte die Schüsse aus der Ferne.

Die Tötung des Arztes wurde 1948 vor Gericht verhandelt und Ehrlicher wegen Totschlags zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren verurteilt.

Für die Familie des Opfers war das Leid damit aber nicht vorbei. „Der Bruder meiner Mutter war mit den Kindern Ehrlichers in der Schule. Und Ehrlicher selbst war später Lehrer an der Berufsschule“, berichtete die Enkelin jetzt. Ihre Mutter habe auf ihre Art mit der Sache abgeschlossen. „Die Reise nach Osnabrück hätte sie aber nicht gemacht.“

Keine persönliche Abneigung

Das sei aber keinesfalls eine persönliche Abneigung gegen Hofmann, betonte sie, der die Familie vor einiger Zeit kontaktiert hatte. Bereits 2005 habe sie mit einem Nachfahren Ehrlichers gesprochen, der sich während einer Gedenkfeier an sie gewandt habe.

„Der Schmerz der Mutter war mir nahe“, sagte von Kerssenbrock, die als Musiktheaterregisseurin arbeitet. Ihre Mutter habe zum Beispiel einmal das blutige Hemd des Vaters auf dem Dachboden gefunden. „Das Thema war immer da.“

Hofmann hatte keinen so direkten Zugang zur Vergangenheit wie seine Gesprächspartnerin. Erst mit über 30 Jahren habe er begonnen, sich intensiver für die Familiengeschichte zu interessieren. Dabei sei er auch auf seinen Großonkel gestoßen. „Die großen Haupttäter kennt jeder. Aber wer waren Hitlers willige Vollstrecker? Dazu gehörte mein Großonkel“, stellte er fest.

Als er die Geschichte gehört habe, sei er sehr erschüttert gewesen. „Meine erste Regung damals war: ‚Ach, wie schade, das Kind ist ohne Vater groß geworden‘,“ erklärte der sechsfache Familienvater. Darüber hinaus bewundere er den getöteten Freiheitskämpfer: „Inmitten einer fanatisierten Gesellschaft hat Dr. Max einen klaren Blick bewahrt.“

Offen und weltgewandt

Den Grund dafür sieht von Kerssenbrock darin, dass die Familie von Thomas Max offen und weltgewandt gewesen sei. Sie habe viele Künstler hervorgebracht. Die Ablehnung des Militarismus habe schon der Urgroßvater aus dem Ersten Weltkrieg mitgebracht. „Thomas ist schon früh damit in Kontakt gekommen, hatte Hitlers ,Mein Kampf‘ gelesen und die Gefahr für die Gesellschaft erkannt“, so von Kerssenbrock. „Es war einfach schon so drinnen, aber nicht jeder hatte diese Weitsicht.“

„Emotional war das abgespalten, diese Familiengeschichte abgeschlossen“, sagte Hofmann, der mittlerweile in Ostercappeln lebt, zur Frage, wie die NS-Zeit in seiner eigenen Familie behandelt wurde. Seine Mutter habe dieses Kapitel schlicht verdrängt. „Es wurde noch nicht einmal drüber gesprochen.“ Dennoch sei auffällig gewesen, dass in Teilen der Familie noch bis in die Sechzigerjahre hinein immer mal wieder Sympathien für das Dritte Reich aufgeblitzt seien.

Heute frage er sich, wem der Wohlstand wohl gestohlen wurde, den er selbst in seiner Kindheit in München genießen durfte. Natürlich wisse er, dass er selbst an den Geschehnissen von 1945 keine Schuld trage. Dennoch fühle er eine Verpflichtung. „Ich ersetze Schuld gegen Verantwortung.“

Zur Familienforschung ermutigt

Für seine Erforschung der Familiengeschichte konnte er auch seinen Cousin Hanno Ehrlicher gewinnen, den direkten Enkel Friedrich Ehrlichers. Gemeinsam wollen sie „die Namen der Opfer öffentlich machen“. Gleichzeitig ermutigte er die Besucher, selbst in die Archive zu gehen und die eigene Familiengeschichte aufzuarbeiten.

Verena von Kerssenbrock will Brücken bauen. „Jede Familien hat ihre schlechten Seiten“, meinte sie. Selbst eine Person wie Friedrich Ehrlicher will sie nicht grundsätzlich verdammen und zeigte sogar Verständnis: „Für die Menschen damals ist ein Leben zusammengebrochen“, sagte sie im Hinblick auf den Untergang des Dritten Reichs. „Differenziert sehen war damals eben nicht üblich.“

Zur Aufarbeitung der Familiengeschichte gehört für sie auch die Auswertung der Feldpostbriefe ihres Urgroßvaters aus dem Ersten Weltkrieg. Sie hat darüber das Buch „Die Münchner Künstlerfamilie Max – Feldpostbriefe 1914 bis 1918“ geschrieben.


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