Forschungsprojekt der Universität Verfolgung Schwuler in Osnabrück: Der Paragraf 175 wirkt weiter

Über die Verfolgung Homosexueller diskutierten unter Leitung von Prof. Dr. Christoph Rass (stehend) Hans Hengelein vom niedersächsischen Sozialministerium, Felix Wurm, Mitglied im Osnabrücker Sozialausschuss, Prof. Dr. Martin Lücke von der Freien Universität Berlin und Dr. Frank Wolff von der Universität Osnabrück (von vorne). Foto: Gert WestdörpÜber die Verfolgung Homosexueller diskutierten unter Leitung von Prof. Dr. Christoph Rass (stehend) Hans Hengelein vom niedersächsischen Sozialministerium, Felix Wurm, Mitglied im Osnabrücker Sozialausschuss, Prof. Dr. Martin Lücke von der Freien Universität Berlin und Dr. Frank Wolff von der Universität Osnabrück (von vorne). Foto: Gert Westdörp

Osnabrück. Sechs Monate lang wurde an der Osnabrücker Universität die rechtliche Verfolgung und soziale Diskriminierung homosexueller Menschen in Osnabrück erforscht. Erste Ergebnisse wurden am Freitagabend im Ratssitzungssaal präsentiert.

Es sei eine schwierige Spurensuche gewesen, berichtete Projektleiter Frank Wolf. Bis 1973 waren sexuelle Handlungen zwischen zwei Männern strafbar. Allerdings habe sich bei der mühseligen Archivsuche herausgestellt, dass es keine eigene Statistik zum Paragrafen 175 gegeben habe, erläuterte der promovierte Historiker. So steckten mögliche Verurteilungen im Wust aller Sexualdelikte.

Das Thema habe sich „erfolgreich versteckt“, meinte Wolff. Die Strafverfolgung schwuler Männer sei nach dem Krieg nicht beliebt, gleichwohl aber präsent gewesen.

Zeitzeugen

Um so wichtiger und aufschlussreicher seien die Gespräche mit Betroffenen und Zeitzeugen gewesen. Mit 16 der 30 Bürgerinnen und Bürger, die sich für Gespräche gemeldet hätten, seien intensive Interviews geführt worden. Darunter sei niemand von Skandalen betroffen gewesen. Es sei deutlich geworden, dass Menschen, die es gelernt hätten, ihre Liebe zu verstecken, sich nicht auf einmal änderten, wenn keine Strafe mehr droht.

Es gehe aber nicht allein um die justiziable Verfolgung Homosexueller. Organisationen wie die Arbeitsgemeinschaft Homosexueller Osnabrück hätten festgehalten, dass Karrieren jäh beendet wurden, Schwule oder Lesben gekündigt und vielfältig diskriminiert wurden. Wolffs Dank galt allen, die sich mit ihren persönlichen Geschichten an dem Projekt beteiligt haben. Mit dem Dank verband er den Wunsch nach weiteren Hinweisen aus der Bevölkerung.

Der grüne Ratspolitiker Felix Wurm hatte 2016 mit seinem Ratsantrag das Projekt initiiert. Unter anderem wollte er deutlich machen, dass es in einer demokratischen Gesellschaft wie der Bundesrepublik Menschenrechtsverletzungen gegeben habe.

Lob für den Rat

Das hob auch der Historiker Martin Lücke aus Berlin hervor. Die Geschichte der Bundesrepublik werde in der Schule als Geschichte des Wirtschaftswunders nach dem Krieg vermittelt. Ausgeklammert werde dabei aber die Bundesrepublik als menschenrechtsverletzender Staat.

Lücke lobte den Osnabrücker Rat für einen damals einstimmig verabschiedeten Beschluss für das Pilotprojekt. Es sei selten, dass Forschung durch einen politischen Auftrag angestoßen werde. Eine Regionalstudie sei besonders interessant, zumal der Großteil der Bevölkerung in mittelgroßen Städten lebe.

Hans Hengelein, im niedersächsischen Sozialministerium unter anderem Referent für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transsexuelle, Transgender und Intersexuelle, hofft, dass bald andere Städte nach dem Vorbild Osnabrücks ihre eigene Geschichte aufarbeiten.

Die Verfolgung und Diskriminierung Homosexueller solle Teil der städtischen Erinnerungskultur werden, wünscht sich Wurm. Und wie könnte das aussehen, wollte Moderator Christoph Rass wissen. Keinesfalls sollten sie allein die Opferrolle einnehmen, betonte Wurm. Vielmehr müsse deutlich werden, dass durch Organisationen und Initiativen Schwule und Lesben einen großen Teil an der heute viel freieren Gesellschaft geleistet hätten.

Weiter Diskriminierung

Bei aller Offenheit gebe es nach wie vor Diskriminierung und Vorurteile gegenüber gleichgeschlechtlichen Lebensweisen, sagte die städtische Gleichstellungsbeauftragte Katja Weber-Khan. Das gelte für den Arbeitsplatz ebenso wie für den Schulhof.

„Der Schatten des Paragrafen 175 ist lang und wirkt noch weiter“, stellte Projektleiter Wolff fest: „Wir brauchen nicht nur den rechtlichen, sondern auch den kulturellen Wandel in der Gesellschaft.“


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN