2.250 Beschäftigte in Stadt und Landkreis Endstation Behindertenwerkstatt? Eine Geschichte über Quoten, Geld und kleine Erfolge

Foto: Jörn MartensFoto: Jörn Martens

Osnabrück. Einmal Behindertenwerkstatt – immer Behindertenwerkstatt? Nur äußerst wenigen Menschen mit Behinderungen gelingt der Übergang von den Werkstätten in einen regulären Job, im Gegenteil: Die Zahl der Beschäftigten in den Behindertenwerkstätten ist in den vergangenen Jahren sogar gestiegen – trotz Inklusion. Wie läuft es in Stadt und Landkreis Osnabrück? Eine Geschichte über niedrige Quoten, hohe Summen und kleine Erfolge.

Mittwochmorgen, eine trübe Suppe hängt am Wallenhorster Himmel. In der Werkstatt an der Marie-Curie-Straße, einem flachen Bau im Industriegebiet, brennt schon Licht. Auf den Tischen eines Gruppenraums liegen blaue und weiße Plastikteile. Filterkerzen für die Firma Kaffeepartner. Reiner K. steckt sie zusammen. Das macht er seit einem Jahr so. Vorher hat er in den Werkstätten in Sutthausen gearbeitet, ebenfalls im Bereich Montage. "Ich wollte mal was Neues kennen lernen", sagt der 59-Jährige. Und wie wäre es mal mit was völlig Neuem? Auf dem freien Arbeitsmarkt? "Ich?" Er lacht. "Nö. Ich bleibe hier. Und wenn ich aufhöre, gehe ich in Rente."

Die HHO-Werkstatt in Wallenhorst. Foto: Jörn Martens

Rund 2.250 Menschen arbeiten in den Werkstätten in Stadt und Landkreis Osnabrück, die von der Heilpädagogischen Hilfe Osnabrück (HHO) betrieben werden. Im nördlichen Landkreis betreibt die Heilpädagogische Hilfe Bersenbrück Werkstätten. In den vergangenen fünf Jahren ist die Beschäftigtenzahl nach Angaben des Landkreises um rund fünf Prozent gestiegen. 

300.000 Beschäftigte bundesweit

Bundesweit sind derzeit rund 300.000 Menschen in Behindertenwerkstätten tätig – eine Zahl, die sich seit 1994 nahezu verdoppelt hat. Trotz Inklusion. Zugleich ist die Zahl derer, die den Übergang auf den sogenannten ersten Arbeitsmarkt schaffen, fast verschwindend gering. Fragt man bei dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales nach, heißt es: "Der Bundesregierung liegen hierzu keine Daten vor." Dabei gibt es eine Zahl: 0,02 Prozent. So hoch lag laut einer Antwort auf eine Anfrage der Linken-Politikerin Sabine Zimmermann im Jahr 2015 die Vermittlungsquote von behinderten Menschen in reguläre Jobs. 

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Im vergangenen Jahr haben in Stadt und Landkreis Osnabrück 14 Menschen mit Behinderung den Sprung aus Werkstätten geschafft. "Wir haben uns zum Ziel gesetzt, jedes Jahr mindestens zehn Menschen zu vermitteln", sagt Achim Hohwieler, Leiter der Abteilung Eingliederungshilfe des Landkreises Osnabrück. Zehn von 2.250? Das wäre zwar eine Quote von rund 0,4 Prozent und läge damit über dem Bundesdurchschnitt, dennoch erscheint die Zahl gering. Es sollen aber bald mehr werden – dank des "Budgets für Arbeit" und des Bundesteilhabegesetzes, das 2017 in Kraft getreten ist. Letzteres garantiert behinderten Menschen ein Rückkehrrecht in die Werkstätten, falls sie in regulären Jobs scheitern sollten, und soll so Ängste nehmen. 

Das "Budget für Arbeit" bedeutet vereinfacht dargestellt, dass Arbeitgeber, die einen Menschen beschäftigen, der über eine Empfehlung für den Arbeitsbereich einer Behindertenwerkstatt verfügt, finanziell unterstützt werden, und die behinderten Menschen an ihrem neuen Arbeitsplatz personell betreut werden. In Niedersachsen wurde eine Unterform des Budgets für Arbeit bereits 2008 eingeführt, der Landkreis Osnabrück war eine von fünf Modellregionen.

4,1 Milliarden für die Werkstätten?

Dem CDU-Politiker Hubert Hüppe gehen diese Schritte jedoch nicht weit genug. Hüppe war von 2009 bis 2013 Bundesbeauftragter der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, außerdem ist er Mitglied des Bundesvorstands der Lebenshilfe – ein Umstand, den ihn selbst etwas erstaunt, wie er am Telefon zugibt, da er sich in den vergangenen Jahren wiederholt kritisch über die Werkstätten geäußert hat. "Der gesetzliche Auftrag von Werkstätten ist es, die Menschen auf den ersten Arbeitsmarkt vorzubereiten", sagt Hüppe. Es gehe also um Förderung und Reha, die Werkstätten seien im Grunde gar keine Arbeitgeber. 

Gleichzeitig flössen enorme Subventionen: Hüppe verweist auf Zahlen der Bundesarbeitsgemeinschaft der überörtlichen Träger der Sozialhilfe. Demnach beliefen sich im Jahr 2015 die Gesamtausgaben aller deutschen Sozialhilfeträger für Werkstattleistungen auf 4,1 Milliarden Euro. 

Hubert Hüppe sagt: 

"Was genau mit dem Geld passiert, das kontrolliert keiner."

So könne es dann eben passieren, dass eine Werkstätten-Geschäftsführerin in Duisburg plötzlich ein Jahresgehalt von rund 370.000 Euro beziehe –  ein Fall, der bundesweit Schlagzeilen machte.

Zurück nach Wallenhorst. Das Wetter ist immer noch nicht besser, daher erhält die Gruppe der Gärtnerei unter Leitung von Thomas Lehmann erst einmal Anweisungen im Bereich Gehörschutz. 

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Rasen mähen, Laub zusammen fegen, Grünpflege im allgemeinen – das übernimmt die Gruppe für das Gelände der Werkstatt, aber auch für andere Firmen, und das zu "marktüblichen Bedingungen", wie Lehmann erklärt: "Wir sind mit jedem anderen Betrieb zu vergleichen." Allerdings werde nicht nach Stunden, sondern nach den Quadratmetern der bearbeiteten Fläche abgerechnet, da Menschen mit Behinderung für ihre Arbeit oft einfach mehr Zeit brauchen und mehr Personal benötigt werde. 

Für Firmen kann es sich lohnen, den Werkstätten Aufträge zu erteilen: Sie können die Kosten mit der sogenannten Ausgleichsabgabe verrechnen. Diese Abgabe muss in Deutschland jeder Betrieb mit mindestens 20 Mitarbeitern zahlen, der prozentual zu wenig Schwerbehinderte beschäftigt. 

Rentenbezug nach 20 Jahren Arbeit möglich

Für ihre Arbeit erhalten die in den Werkstätten Beschäftigen im Monat rund 190 Euro – ein Taschengeld. Gelebt wird von der Grundsicherung. Dafür haben Werkstattsmitarbeiter bereits nach 20 Jahren einen Anspruch auf eine Erwerbsminderungsrente, die individuell berechnet wird und meistens zwischen 800 und 900 Euro liegt. 

Auch der Sohn von Hubert Hüppe ist mehrfach schwerbehindert. Er arbeitet jedoch nicht in einer Werkstatt, sondern bei einem großen Versandhändler. "Mein Sohn wird 45 Jahre arbeiten müssen, ehe er einen Rentenanspruch erheben kann." Obwohl sein Sohn gar nicht schlecht verdiene, werde er am Ende womöglich eine geringere Altersvorsorge als nach 20 Jahren in den Werkstätten haben, sagt der CDU-Politiker und ergänzt: 

"Alles, was wirklich inklusiv ist, wird finanziell bestraft"

Einspruch vom Schölerberg: Hartmut Babis vom Fachdienst Soziales des Landkreises Osnabrück kennt das "Renten-Argument", das viele Menschen mit Behinderungen und deren Familien davor zurückschrecken lasse, den geschützten Raum der Werkstätten zu verlassen. Er nennt es ein "rechnerisches Nullsummenspiel". Denn für behinderte Menschen, die nicht in den Werkstätten gearbeitet hätten, falle im Alter zum einen die Grundsicherung von rund 426 Euro an. "Hinzu kommen die Kosten für eine Unterkunft", sagt Babis. Je nach Miethöhe sei man da ja schon bei den 800 Euro. Und wer auf dem ersten Arbeitsmarkt selbst im Niedriglohnbereich auch nur eine kleine Summe in eine private Altersvorsorge stecke, der habe am Ende vermutlich mehr Geld. 

In Wallenhorst stellt sich Dennis Riesenbeck vor. 

Foto: Jörn Martens

26 Jahre alt ist der Mann in dem Toten-Hosen-Pullover. Noch arbeitet er in den Werkstätten, doch bald will er sich von ihnen verabschieden: Er hat einen Job bei der Rabe-System-Technik und Vertriebs-GmbH in Wallenhorst. Verschraubung, das kennt er schon aus der Werkstatt. Ob er Sorgen habe, dass ihn die neue Stelle zu sehr fordern könnte? Der 26-Jährige schüttelt den Kopf, aber ganz überzeugt wirkt er nicht. Elke Sefen von der HHO gibt zu: "Manchmal muss man etwas Mut machen und die Leute anstupsen." Nicht jeder behinderte Mensch, der eigentlich jenseits der Werkstätten tätig sein könnte, hat auch die Motivation, diese zu verlassen. "Aber wir wollen nicht nur Eingangstüren, sondern auch Ausgangstüren sein. Eben ein offenes System", sagt Markus Welz, bei der HHO für Bildung und inklusive Arbeitsangebote zuständig. 

Markus Welz von der HHO. Foto: Jörn Martens

Die Kritik über die expandierenden Werkstätte, aus denen kaum einer den Weg hinaus findet, ist Welz bekannt: 

"Der Vorwurf lautet: Ihr haltet die Leute, ihr wollte sie ja gar nicht abgeben."

Doch den schwarzen Peter möchte er sich nicht zuschieben lassen. Denn für einen Übergang in den allgemeinen Arbeitsmarkt braucht es auch willige Arbeitgeber. 

Während bei der Frage nach Betrieben, die den Werkstätten Aufträge erteilen, die Namen großer Unternehmen aus der Region fallen, sind es eher mittlere oder kleine Betriebe, die behinderten Menschen als Arbeitnehmer eine Chance geben. "Fahrradwerkstätten, Gärtnereien, Getränkehändler, Einzelhandel", zählt Hartmut Babis vom Landkreis auf. Einen direkten Draht zum regulären Arbeitsmarkt hat der Verwaltungsfachwirt nicht, obwohl die kommunale Arbeitsvermittlung "Maßarbeit" im selben Gebäude sitzt. Doch die dort ausgeschriebenen Stellen sind nicht geeignet für Menschen, denen eine verminderte Erwerbsfähigkeit bescheinigt wurde. Der Fachdienst muss also selbst auf Jobsuche gehen – oder darauf hoffen, dass sich Arbeitgeber bei ihm melden. 

Scheitern im Job

Aber selbst dann klappt es nicht immer. Elke Sefen von der HHO berichtet von einer Frau, die gerne als Bürokraft gearbeitet hätte, und tatsächlich fand die HHO einen potentiellen Arbeitgeber. Doch vor Ort erwiesen sich die körperliche Einschränkung und der Pflegebedarf der Frau als so hoch, dass eine dauerhafte Beschäftigung nicht möglich war. "Wir haben dann nach einer anderen Stelle gesucht, doch am Schluss meinte sie: Jetzt will ich nicht mehr", sagt Elke Sefen. Die Frau arbeitet mittlerweile allerdings doch als Bürokraft – innerhalb der Werkstatt.

In einem Raum des Gebäudes an der Marie-Curie-Straße wird offensichtlich, wie sehr die Werkstätten gebraucht werden: Hier arbeiten die Menschen mit besonders hohem Hilfebedarf. Der Betreuungsschlüssel ist in dieser Gruppe höher, die Pausen länger. Mit viel Unterstützung packen die behinderten Menschen Gummiteile in Plastiktütchen. 

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Für Menschen, die einen noch höheren Behinderungsgrad aufweisen, gibt es sogenannte Tagesförderplätze. "Dort geht es weniger um Arbeit als um Tagesstruktur", erläutert Elke Sefen. 

Immer mehr psychisch Erkrankte in den Werkstätten

Dass die Werkstätten in den vergangenen Jahren so stark gewachsen sind, liegt jedoch nicht an einem Zuwachs von Menschen mit geistiger oder körperlicher Behinderung – es sind immer mehr Menschen mit psychischen oder seelischen Behinderungen, die in den Werkstätten tätig sind. "Das sind Menschen, die vom ersten Arbeitsmarkt kommen, womöglich an diesem gescheitert sind, und die keine Motivation haben, dorthin zurückzukehren", sagt Markus Rettig, Bereichsleiter der Osnabrücker Werkstätten. Hoch qualifiziert, und doch arbeitsunfähig seien diese Menschen. Für sie gibt es bei der HHO Arbeitsplätze in den Betrieben der "Osna-Technik": Im Bereich Elektrotechnik, in Tischlereien, Schlossereien oder in der Montage. 

Neue Beschäftigungsmodelle – neuer Markt?

Praktika, Außenarbeitsplätze, Inklusionsbetriebe – auf der Homepage der Heilpädagogischen Hilfe gibt es  zahlreiche Beschäftigungsmodelle. Der Verdacht, dass Menschen mit Behinderung über Jahre hinweg derselben automatisierten Tätigkeit nachgehen, soll gar nicht erst aufkommen. 

An der Kiebitzheide im Osnabrücker Stadtteil Fledder wurde im Juni 2017 das Metallzentrum der HHO eröffnet. 

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In der rund 6000 Quadratmeter großen ehemaligen Solarlux-Halle wird gehämmert und geschweißt. Männer und Frauen lernen an einer Werkbank, Metall zu filigranen Kunstwerken zu verarbeiten, die in einem Regal ausgestellt werden. 

Foto: Jörn Martens

Neben den metallbearbeitenden Bereichen der Werkstätten befindet sich im Metallzentrum auch ein Inklusionsbetrieb, der zu der "Osna-Integ" gGmbH gehört. In Inklusionsbetrieben arbeiten Menschen mit und ohne Behinderung, wobei der Teil der behinderten Menschen bei rund 40 Prozent liegen sollte. Die Stellen bei Osna-Integ sind sozialversicherungspflichtig und werden entsprechend den branchenüblichen Tarifverträgen vergütet.

Weitere Inklusionsbetriebe der HHO sind Supermärkte in Hasbergen und Bad Iburg oder ein Grünpflegeunternehmen. Insgesamt gibt es bei Osna-Integ derzeit 37 Arbeitnehmer, 16 von ihnen sind schwerbehindert.

"Wir sind im Grunde ein ganz normaler Wirtschaftsbetrieb", sagt Ilona Schewe von Osna-Integ. Man unterliege den gleichen Wettbewerbsbedingungen und den gleichen Anforderungen wie alle anderen Unternehmen. 

Ilona Schewe, Leiterin der OSNA-Integ GmbH. Foto: Jörn Martens

Nur einen Gewinn dürfte Osna-Integ als gemeinnützige GmbH nicht erwirtschaften – Überschüsse werden stattdessen in neue Maschinen und Technik investiert oder kommen in einen allgemeinen Finanztopf, so dass am Ende alle Mitarbeiter der Werkstätten ein etwas höheres monatliches Einkommen erhalten. 

Der Weg führt weg von der klassischen Werkstatt. "Wir bemerken bei unseren Anfragen gerade von Seiten der Familienangehörigen einen Generationswechsel", sagt Markus Rettig von der HHO. Immer häufiger werde gefragt: Was geht noch? Was ist alles möglich? "Da ist ein ganz neues Selbstbewusstsein entstanden", sagt Rettig. Und das finde er gut. 

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Beim Landkreis Osnabrück sieht man Inklusionsunternehmen und Außenarbeitsplätze allerdings kritisch: "Für uns ist das keine gute Lösung", sagt Achim Hohwieler von der Eingliederungshilfe. "Hier arbeiten Menschen mit Behinderung auf einem Arbeitsmarkt zu Bedingungen, die der erste Arbeitsmarkt erwartet", sagt er. Warum dann nicht direkt in einen regulären Job wechseln?

Jede Vermittlung ein Erfolg

Weil die Anforderungen dort eben doch andere sind, wie Hartmut Babis vom Landkreis zugibt. Weil sich ein Mensch mit Behinderung auf einem Arbeitsplatz umgeben von Menschen ohne Behinderung schnell isoliert fühlen könnte. Weil er vielleicht in einem Inklusionsbetrieb eine starke Arbeitskraft ist, in einer anderen Firma aber zu den langsameren Mitarbeitern gehören könnte. Und: Selbst wenn eine passende Stelle für einen Menschen mit Behinderung gefunden wird, wenn Arbeitsumfeld und Tätigkeit stimmen – dann kommt es am Ende auch darauf an, dass es mit den Kollegen klappt, dass sie ihn als gleichberechtigten Mitarbeiter wahrnehmen, damit Inklusion mehr bedeutet als: Menschen mit und ohne Behinderung befinden sich gleichzeitig in einem Raum. Und so bleibt es dabei: Im Landkreishaus werden 14 Vermittlungen pro Jahr gefeiert. "Jede Vermittlung für uns ein ganz individueller und großer Erfolg", sagt Achim Hohwieler. 




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