Sanierung light funktioniert nicht Das Osnabrücker Theater braucht die Totaloperation

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Kabelgewirr: Niemand kann sagen, wohin welche Leitung läuft und woher sie kommt. Foto: Michael GründelKabelgewirr: Niemand kann sagen, wohin welche Leitung läuft und woher sie kommt. Foto: Michael Gründel 

Osnabrück. Kabelgewirr, veraltete technische Anlagen, unzulässige Fluchtwege: Beim Rundgang durchs Theater am Domhof wird deutlich, wie dringend die Sanierung des Hauses ansteht.

Ein bisschen sieht es aus, als wäre schon länger nicht mehr aufgeräumt worden. Unzählige Kabel laufen in den Untergeschossen des Theaters lang, manche in Schächten aus rostfreiem Stahl unterhalb der Decke. Andere Stränge haben die Techniker direkt an der Wand befestigt, und immer wieder gibt es Punkte, die aussehen, als hätten die Techniker die Reste ihrer Kabelrollen einfach liegen lassen. Manche Kabel scheinen im Nichts zu enden, andere bilden wirre Knäuel. 

Kabelgewirr ohne Plan

Tatsächlich weiß niemand, wo welche Leitung herkommt und wo sie hinläuft. „Hier wurden immer wieder Kabel neu gelegt“, sagt Matthias Köhn, kaufmännischer Direktor der Städtischen Bühnen. Und der Leiter des Gebäudemanagements, Jens M. Griese, ergänzt: „Ein Kabelplan wurde nie gemacht.“ Deshalb ist es sinnlos, einzelne Leitungen auszutauschen: Die Kabel müssen komplett neu verlegt werden. Und das geht nur im Zuge einer Totaloperation: wenn das Theater am Domhof entkernt wird.

Wer sich auf der Suche nach den neuralgischen Punkten macht, an denen der Sanierungsbedarf deutlich wird, muss ein bisschen Kondition mitbringen. „Aufzug oder sportlich?“ fragt Matthias Köhn im ersten Untergeschoss; die sportliche Variante bedeutet, ein Stockwerke ins Erdgeschoss zu gehen. Von da geht es weitere fünf Geschosse über enge Treppen nach oben. Die „Tosca“-Probe ist zuende; gleich richten die Beleuchter das Licht ein. Dazwischen bleiben fünf Minuten um sich auf dem Schnürboden umzusehen.

„Die Stahlkonstruktion ist aus dem Jahr 1909“, sagt Köhn. Damals wurde solide gebaut: „Wir müssen nicht in die Statik eingreifen.“ Aber hier oben stehen Stahlwinden für die Züge, an denen die Kulissen nach oben oder unten fahren. Elf der 34 Züge sind elektrifiziert; als Standard gilt: Die Hälfte läuft elektrisch. Kostet rund 50000 Euro, schätzt Köhn. Pro Zug.


Schwindelerregend: Blick von Schnürboden. Foto: Michael Gründel


Vom Dachgeschoss des Bühnenturms führt der Weg hinunter zur Unterbühne und durch das Stimmzimmer des Orchesters in den Dimmerraum. Hinter Stahlwänden schlägt hier das Herzstück für die Beleuchtungsanlage des Hauses: Große Stahlschränke mit jeder Menge Sicherungsleisten und Kontrollleuchten und, daher der Name, den Dimmern für das Licht auf der Bühne. „Wir reparieren die Anlage inzwischen selbst“, sagt Griese; Ersatzteile gibt es keine mehr und „ kaum noch Firmen, diese überhaupt etwas mit dieser Anlage machen“, sagt Griese. Die Anlage Schritt für Schritt auszutauschen, geht nicht – hier gilt die Devise ganz oder gar nicht.

Vintage? Nein, das Inspizientenpult ist so alt, wie es aussieht. Und die Technik dahinter ist schwer in die Jahre gekommen. Foto: Michael Gründel

Ähnlich verhält es sich mit dem Inspizientenpult links neben der Bühne. Von hier aus sorgt die Inspizientin oder der Inspizient dafür, dass Darsteller im richtigen Moment die Bühne betreten, Techniker wissen, wann sie welches Bühnenelement bewegen müssen, wann der Vorhang hoch oder runtergeht. Auch die Klingel, die das Publikum zu Beginn oder nach der Pause in den Zuschauerraum ruft, wird von hier aus bedient. Schon rein optisch wirkt dieses Pult mit seinen altertümlichen Knöpfen, den kleinen Röhrenbildschirmen, dem alten Wandtelefon wie aus der Zeit gefallen. Doch das sind nur Äußerlichkeiten. „Was hier hinter der Wand sitzt, verteilt sich in viele Räume“, sagt Köhn, und wie im Dimmerraum befindet sich hier „Uralttechnik“, sagt Köhn. Hier gilt ebenfalls: ganz oder gar nicht.

Dreh- oder Hubbühne?

Zu all den technischen Fragen kommt ein weiterer Aspekt: Unter der Bühne laufen Kabelschächte an der Decke von Fluchtwegen entlang – bei der letzten Sanierung des Hauses 1997 entsprach das noch den geltenden Vorschriften. Die wurden allerdings bald darauf geändert – nach dem verheerenden Brand am Düsseldorfer Flughafen gilt: Kabel und Fluchtwege müssen räumlich getrennt werden.

Schließlich wartet im Bereich der Unterbühne eine Herausforderung, von der Köhn nicht weiß, ob es dafür eine Lösung gibt. Bei der Sanierung 1996/97 war eine neue Drehbühne eingesetzt worden, obwohl diese Technik damals schon als veraltet galt. „Ein Fehler“, sagt Köhn. Wäre jetzt der Zeitpunkt, den zu korrigieren und die Drehbühne gegen eine moderne Hubbühne auszutauschen? Köhn reagiert auf die Frage zurückhaltend. „Der Ausbau wäre extrem teuer“, sagt er – wenn er denn überhaupt technisch machbar ist. 


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