Chaostalk #4 Osnabrück und die Künstliche Intelligenz

Poetry Slammer Volker Strübing versucht sich in einem Vortrag. Foto: Thomas OsterfeldPoetry Slammer Volker Strübing versucht sich in einem Vortrag. Foto: Thomas Osterfeld

Osnabrück. Osnabrück. Osnabrück wird Standort des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz. Aber was hat es eigentlich mit den ganzen Vokabeln auf sich, die in diesem Zusammenhang rund um das Thema Künstliche Intelligenz (KI) herumschwirren? Der Verein „Chaostreff“ versucht sich in digitaler Aufklärung.

Freitagabend in einem Hörsaal der Uni Osnabrück. Die Reihen sind fast voll, weisen aber noch Lücken auf. Jochen Saalfeld, Vorsitzender des „Chaostreffs“, greift sich ein Mikro und fordert zum Defragmentieren auf. Nicht jeder versteht den Witz sofort, aber Saalfelds Armbewegung ist eindeutig: Zusammenrücken! Einige werden schließlich doch auf dem Boden sitzen müssen, was an der Uni allen Fotzeleien zum Trotz selten ist. Das Interesse am Thema KI ist groß. Zauselige Studenten sitzen neben ergrauten Herren in Cordhose. Auf den Tischen stehen Mate- und Bierflaschen, es herrscht fast andächtige Stille. Jemand strickt. Strickt? Ja, tatsächlich.

Gekommen, um zu bleiben

Auftritt Volker Strübing, Poetry Slammer, „begeisterter Amateur auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz und der natürlichen Dummheit“, wie es in der Ankündigung heißt. „Ich habe noch nie so was wie einen Fachvortrag gehalten“, bekennt er vorab: „Es wird einiges schief gehen.“ Dafür hält er ein launiges Referat, gelegentliche Verhaspler wirken sympathisch. „Die KI ist gekommen, um zu bleiben“, sagt er: „Sie wird unser Leben stark verändern.“

Neuronale Netze sollen Vorgänge im Gehirn imitieren, über maschinelles Lernen programmieren sich Computer quasi selbst – Strübing wirft ein Modell an die Wand, lustige Animationen lockern die trockene Materie auf. Vorne Input rein, hinten Output raus, drinnen ein Regler, fertig ist das Gate, wie Strübing es nennt; mehrere Gates ergeben ein tiefes Netz, Fehler sollen minimiert werden. Irgendwann blinkt und dudelt sein Modell nur noch, worunter die Übersichtlichkeit leidet. Fachbegriffe fallen, was Strübing eigentlich vermeiden wollte, er spricht von der „tollen neuen Godot-Engine“, die ihn an „Python erinnert“, und dann ist die Zeit auch schon um. Das Publikum, dem Strübing durch Schmankerl einige Lacher entlockt hat, schiebt sich in die Pause.

Kein neues Thema

Danach redet Professor Joachim Hertzberg, Leiter der Robotics Innovation Center, Außenstelle Osnabrück. Seine Folien sind wie eine Vorlesung aufgemacht, er spricht schnell, ein geübter Dozent. Die Luft im Saal ist stickig geworden. Einige Zuhörer tippen unkonzentriert auf ihren Smartphones herum.

„KI ist überhaupt kein neues Thema“, stellt Hertzberg klar. Nur seien jetzt erst die Daten in der nötigen Masse vorhanden und die Rechenleistung stark genug. Inzwischen sei das Neuronenmodell völlig veraltet: „Die biologische Analogie stimmt überhaupt nicht.“ Die Geschichte der KI sei eine Geschichte der Unterschätzung des Problems. Für die „Apo-KI-lyptiker“, wie Strübing zuvor kalauert hat, die die Unterjochung der Menschheit durch überlegene Maschinen prophezeien, hat Hertzberg eine tröstliche Erwiderung parat: „Die KI macht nicht den Menschen nach.“ Was der KI leichtfällt – Schachspielen etwa – fällt dem Menschen schwer und umgekehrt – Beispiel Autofahren.

Ein paar Jobs bleiben dem Jungvolk vor Hertzbergs Pult also erhalten. „Klempner und Bestatter“ empfiehlt er. Seine Zuhörer lachen unsicher. Rosige Aussichten.


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