Deutsch-thailändisches Paar im Karneval Jeck, schwul und multikulti: Das sind die Adjutanten des Osnabrücker Stadtprinzen

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Thomas Wolf und Yut Punnuruk sind ein Paar und in diesem Jahr die Adjutanten des Osnabrücker Stadtprinzen. Foto: Gert WestdörpThomas Wolf und Yut Punnuruk sind ein Paar und in diesem Jahr die Adjutanten des Osnabrücker Stadtprinzen. Foto: Gert Westdörp

Osnabrück. Karneval steht nicht nur für ausgelassene Feierei, sondern auch für Integration und Toleranz. Das können die beiden Adjutanten des Osnabrücker Karnevalsprinzen bezeugen – es handelt sich bei ihnen um ein homosexuelles, deutsch-thailändisches Pärchen.

Es könnte ein ganz normales Urlaubsfoto sein: Das türkisfarbene Meer brandet sanft an ein makellosen, weißen Strand. Tropische Bäume werfen in der untergehenden Sonne lange Schatten, im Hintergrund spielen einige Kinder. Doch was dieses Bild zu etwas ganz besonderem macht, sind die beiden Männer im Vordergrund. Sie tragen Narrenkappe, Fliege und Schärpe, das Ornat des 1. Dodesheider Karnevals Clubs. Und das Mitten in Thailand.

Am Strand von Koh Samet haben Thomas Wolf (l.) und Yut Punnuruk 2018 Urlaub gemacht. Da durften die rot-weißen Narrenkappen vom 1. Dodesheider Karnevals Clubs nicht fehlen. Foto: Yut Punnuruk

Die beiden Männer sind Thomas Wolf und Yut Punnuruk. Wenn sie nicht gerade, wie auf besagtem Bild, im Urlaub sind, leben sie zusammen in Hasbergen und sie bezeichnen sich selbst als "etwas verrückt". Karnevals-verrückt. Diese Zuschreibung ist nicht nur erstaunlich, weil Punnuruk als gebürtiger Thailänder bis vor kurzem keinerlei Bezug zu dem – in seiner Heimat völlig unbekannten – Brauchtum hatte. "Thailänder interessieren sich nicht so für Farang, also für die Europäer", erklärt er. Auch sein Partner Thomas Wolf ist erst seit rund drei Jahren Mitglied im Karnevalsverein. Woher kommt also die plötzliche Begeisterung?

Wie Yut Punnuruk nach Osnabrück kam

Yut Punnuruk ist gelernter Koch und arbeitete bis zu seinem 35. Lebensjahr in verschiedenen Hotels in der thailändischen Hauptstadt Bangkok. Eines Tages wurde er dort zum Tisch eines deutschen Gastes gerufen, der sich erkundigen wollte, wer die Gerichte auf seinem Teller zubereitet hatte. "Ich hatte Angst, dass er sich beschweren will", erinnert sich Punnuruk heute. Doch das Gegenteil war der Fall.
Wie Punnuruk, der damals weder Deutsch noch Englisch sprach, über seinen Chef erfuhr, war der Mann Gastronom und suchte einen Koch für sein Restaurant in Bielefeld. "Das war ein Traum für mich, ich habe sofort ja gesagt", berichtet Punnuruk heute. Am 9. Januar 1992 nahm er einen turbulenten Flug nach Frankfurt und wunderte sich, kaum angekommen, zuerst über die kahlen Bäume, die Kälte und den Schnee.
Drei Jahre blieb er in Bielefeld und kam, nach Stationen in Nürnberg und Kiel, 1998 nach Osnabrück. Dort lernte er schließlich seinen jetzigen Partner kennen, "ganz klassisch, in einer Schwulenbar", berichtet Thomas Wolf. "Jetzt sind wir schon 13 Jahre zusammen."  

Die Einladung kam durch Zufall

In der Session 2018/19 tragen Yut Punnuruk und Thomas Wolf ein schwarz-weißes Ornat, denn sie sind die beiden Adjutanten des Osnabrücker Stadtprinzen. Foto: Gert Westdörp

Nun, so plötzlich war das alles gar nicht, erklärt Wolf: "Wir mussten uns immer schon den Ossensamstag frei nehmen und beim Umzug dabei sein." Und: "Wir wollten unbedingt mal auf einem Wagen mitfahren." Da musste er nicht lange überlegen, als er im Frühjahr 2016 von Ulrike Brinkmann, der Vizepräsidentin des Dodesheider Karnevals Clubs (DKC), angesprochen wurde. Zunächst wollte Brinkmann im Blumengeschäft von Thomas Wolf wohl nur nach Sponsorengeldern fragen. Doch dann lud sie ihn kurzerhand ein, beim Osnabrücker Karnevalsumzug auf dem Wagen des DKC dabei zu sein. Er könne auch gerne seine Frau mitbringen, habe Brinkmann ihm angeboten, erinnert sich Wolf. Da gab es nur ein Problem:

Ich habe keine Frau, ich habe einen Freund.Thomas Wolf

Wolf lebt seit 13 Jahren mit dem gebürtigen Thailänder Yut Punnuruk zusammen. Tatsächlich war das aber gar kein Problem für die Osnabrücker Karnevalisten. "Ob jemand homosexuell ist oder nicht, spielt bei uns keine Rolle", sagt Michael Milinski, der Präsident des DKC. "Wer das in Frage stellt, und das in der bunten Jahreszeit, der muss sich wirklich fragen lassen, in welchem Jahrhundert er lebt." Und so wurden Wolf und Punnuruk in einer einstimmigen Entscheidung des Präsidiums in den Verein aufgenommen und fügten sich hervorragend ein, wie Milinski betont. "Die beiden stehen voll hinter der Sache", erklärt er, "sie sind absolut zuverlässig und hilfsbereit."

Michael Milinski ist Präsident des 1. DKC und der diesjährige Karnevalsprinz der Stadt Osnabrück. Foto: André Havergo

Das erste homosexuelle Prinzenpaar Osnabrücks

In der Session 2017/18 machte er Wolf und Punnuruk zu Prinz und Prinzgemahl des DKC. Das war nicht nur ein steiler Aufstieg für zwei, die erst so kurz zur närrischen Familie gehören, sondern auch ein echtes Novum: Wolf und Punnuruk waren das erste männliche Prinzenpaar in Stadt und Landkreis überhaupt. Beim Ossensamstag präsentierten sie sich dann stolz auf ihrem Wagen, geschmückt mit Regenbogenfahnen und unter dem Motto "Kunterbunt wie das Leben, jeder Jeck ist anders."

Wir wollten damit für Toleranz werben.Thomas Wolf
2018 repräsentieren Yut Punnuruk und Thomas Wolf beim Ossensamstag als Prinz und Prinzgemahl den 1. DKC, gemeinsam mit Michael Milinski (l.), dem Präsidenten Vereins. Foto: Yut Punnuruk

Von den Osnabrücker Karnevalisten wurde das durchweg positiv aufgenommen, sagen Wolf, Punnuruk und Milinski übereinstimmend. "Die beiden haben so einen Charme, dass sie ganz schnell die Herzen der Leute erreichen", sagt Milinski mit Blick auf die zahllosen Veranstaltungen, die er gemeinsam mit den beiden besucht hat. In diesem Frühjahr kommen noch einige dazu. Denn der 1. DKC stellt mit Michael Milinski in diesem Jahr den Karnevalsprinzen für die Stadt Osnabrück. Und Thomas Wolf und Yut Punnuruk sind seine beiden Adjutanten. 


Statt der roten Farben ihres Karnevalsvereins tragen die drei in diesem Jahr also die schwarz-weißen Kappen vom Bürgerausschuss Osnabrücker Karneval (BOK). Mehr als 30 offizielle Termine müssen Wolf und Punnuruk im Januar und Februar absolvieren, oft sind es gleich mehrere an einem Wochenende. Doch das straffe Programm absolvieren sie gerne – insbesondere die Prunksitzungen haben es den Karnevalsneulingen angetan. Sie erinnern sich noch gut an ihre erste gemeinsame bei der Haster Karnevalsgesellschaft. Die fröhliche Stimmung unter den Jecken, die Büttenreden, die Künstler – "Da waren wir infiziert", sagt Thomas Wolf. "Es war einfach schön, der Hammer", ergänzt Yut Punnuruk.

Als Prinz Thomas I und Prinzgemahl Yut repräsentierte das Paar in der Session 2017/18 den 1. Dodesheider Karnevals Club. Foto: Gert Westdörp

Karnevalsverrückt, das ganze Jahr

Ihre Liebe zum Karneval endet auch nicht am Aschermittwoch, der bekanntermaßen den kalendarischen Schlusspunkt der närrischen Zeit darstellt. Im Gegenteil: Am Ende der Session 2017/18 gönnte sich das Paar einen ausgiebigen Urlaub im Heimatland von Yut Punnuruk – und nahm die Narrenkappen einfach mit. 

Strandurlaub und Narrenkappe, das passt für Thomas Wolf und Yut Punnuruk gut zusammen. Foto: Yut Punnuruk

Besonderer Höhepunkt der Reise: Der 61. Geburtstag von Yut Punnuruk, der im vollen Ornat mit einem Abendessen am Sandstrand der Urlaubsinsel Koh Samet gefeiert wurde. Der Aufzug sorgte natürlich für viele Fragen vonseiten der Einheimischen. "Sie waren sehr interessiert an den Hüten und haben sich gefragt, woher wir kommen", erinnert sich Yut Punnuruk. Schließlich stieg er auf einen Stuhl, nahm ein Mikrofon in die Hand und erklärte Dutzenden Thais, was es mit dem Karneval in Deutschland auf sich hat. Das ganze mündete in einer ausgelassenen Party.

Wir wollten eigentlich zu zweit feiern, aber es kamen immer mehr Gäste dazu und haben getanzt.Yut Punnuruk

Ein Erlebnis, ganz nach dem Geschmack von Punnuruk und Wolf, die die verbindende Funktion des Karnevals auch in Deutschland schätzen. "Man lernt viele Leute kennen", sagt Yut Punnuruk, "und das ist ja auch ein Stück Integration", ergänzt Wolf. Punnuruk weiß von vielen seiner Landsleute, die zwar in Deutschland leben, aber lieber unter sich bleiben anstatt sich unter die Deutschen zu mischen. Punnuruk vertritt eine andere Philosophie: "Wenn ich in Deutschland leben will, muss ich auch etwas über die Kultur lernen." 

Karneval steht für das deutsch-thailändische Paar auch für Toleranz und Integration. Foto: Yut Punnuruk

Vielfältiges Engagement in Kirche und Verein

Und so engagiert er sich nicht nur im Karnevalsverein. Er besucht zusammen mit seinem Partner auch christliche Gottesdienste und feiert Weihnachten und Ostern – genau wie Wolf an buddhistischen Zeremonien teilnimmt und die Feiertage der Religion achtet. Im Schützenverein Gaste ist das Paar übrigens auch aktiv, sagt Thomas Wolf noch. "Karneval ist schließlich im Winter. Und die Schützensaison geht erst im April los." 


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