Ohne Berliner Kissen Fängt die Raserei auf dem Westerberg wieder an?

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Foto: Jörn MartensFoto: Jörn Martens

Osnabrück. Bewohner des Westerberges in Osnabrück fürchten, dass nach dem Abbau der Berliner Kissen die Raser wieder aufs Gas drücken. Johannes Lohmöller fordert, ein Streckenradar einzurichten, wie es jetzt bei Hannover im Einsatz ist.

Lohmöller wohnt mit seiner Familie an der Gluckstraße, kämpfte für den Bau der Entlastungsstraße West und ist Mitglied des Rundes Tisches Westerberg, der das Verkehrsberuhigungskonzept erarbeitet hat. Es habe ihn wie ein Schlag ins Gesicht getroffen, als er vom geplanten Abbau der Buckel hörte, sagte Lohmöller am Donnerstag. "Ich bin erschüttert."

Lohmöller ist besorgt, dass die versprochene Verkehrsberuhigung nicht kommt. Die Berliner Kissen seien die bislang einzigen Maßnahmen gegen den hohen Verkehrsdruck – und das knapp fünf Jahre nach dem Nein zur Weststraße in der Bürgerbefragung und dem Versprechen der Politik, die Anwohner der heimlichen Westumgehung zu entlasten. Die Buckel hätten zwar die Zahl der Autos nicht gesenkt, aber immerhin die Raserei eingedämmt, sagt Lohmöller.

Wenn die Berliner Kissen weg sind, sollte die Stadt für eine durchgehende Geschwindigkeitskontrolle errichten. Lohmöller würde sich ein Streckenradar auf der Gluckstraße/Händelstraße wünschen. Seit Montag (14. Januar) ist eine solche Streckenüberwachung auf der B 6 bei Hannover scharf geschaltet. Das Radar misst nicht punktuell, sondern ermittelt die Durchschnittsgeschwindigkeit auf einem Streckenabschnitt. Alternativ, so Lohmöller, könnte die Stadt stationäre Blitzer aufstellen.

Demonstration in der Gluckstraße für die Westumgehung 2014. Foto: Jörn Martens

Eine Sperrung der Gluckstraße für den Durchgangsverkehr wäre die letzte Möglichkeit. "Eigentlich wollen wir das nicht, weil wir gesamtstädtisch denken." Aber wenn andere Steuerungsinstrumente nicht gewollt sind oder nicht wirken, müssten eben Schranken aufgestellt werden, die sich nur für Busse, Anlieger und Rettungsfahrzeuge öffnen.Langfristig würde sich Lohmöller eine "Netzerweiterung" wünschen, also den Bau der Entlastungsstraße, den Anschluss des Westerberges an eine Stadtbahn und Fahrradautobahn.

SPD: Pflaster statt Kissen

Die SPD sichert den Anwohnern zu: "Der Plan B für den Westerberg hat Bestand." So ist eine Stellungnahme  betitelt, in der der verkehrspolitische Sprecher, Heiko Panzer, den Rückbau als "konsequent" bezeichnet. Nach der Lieferung der neuen Kissen habe die SPD im Stadtentwicklungsausschuss kritische Fragen gestellt, weil die Kissen "höher, lauter und größer" waren. „Wenn es das ursprüngliche Model so nicht mehr gibt und aus dem Klinikum weiter Zweifel geäußert werden, dass die Kissen mit Ideallinie überfahren werden können, muss nach anderen Lösungen, wie beispielsweise Aufpflasterungen, gesucht werden“, sagte Panzer. Die SPD bekräftigte ihre Forderung nach einer "Krankenhausroute". Damit ist eine barrierefreie Erreichbarkeit des Klinikums während des Umbaus der Rheiner Landstraße gemeint.

Grüne: Runden Tisch einberufen

Die Grünen-Ratsfraktion fordert, den Runden Tisch Westerberg rasch einzuberufen. „Wir können die Kritik an den nördlichen Kissen gut nachvollziehen", wird Fraktionschef Volker Bajus in einer Mitteilung zitiert. "Wir müssen jetzt rasch mit den Beteiligten nach einer tragfähigen Lösung suchen.“ Dabei sollten auch andere Ideen erneut geprüft werden. „Wir haben stets für eine Verkehrsentlastung durch eine Begrenzung des Durchfahrtverkehrs plädiert, offen für Anlieger, Krankenwagen, Busse und Radler. Alle anderen bleiben draußen“, sagt Michael Kopatz, verkehrspolitischer Sprecher der Grünen. 

Ausdrücklich begrüßen die Grünen die Ansage der Verwaltung, die Firma für die mutmaßlich falschen Kissen in Regress zu nehmen. „Das ist schon eine Sauerei, was der Lieferant sich da erlaubt hat", so Bajus.

Lieferant sieht keine Anlass für Schadensersatz

Der Lieferant sieht keinen Anlass für eine Ersatzleistung. "Wir haben ein mängelfreies Produkt geliefert. Jetzt ist es Sache der Stadt, für Akzeptanz vor Ort zu sorgen", sagte der Geschäftsführer der Wiesbadener Firma Moravia, Wolfgang Grass, unserer Redaktion. 

Die alten Berliner Kissen (Mozartstraße) Foto: Gert Westdörp

Die Stadt hatte sich nach einem Test mit Kissen von vier verschiedenen Herstellern für das Modell von Moravia entschieden, das 2017 unter anderem auf der Mozartstraße aufgebracht wurde. Diese Kissen produzierte Moravia im eigenen Werk, stellte dann aber um auf ein Produkt aus polnischer Produktion. "Die neuen Kissen sind europäischer Standard", versichert Grass. "Die Norm hat sich durchgesetzt, sie finden sie in allen europäischen Ländern." Er könne sich auch nicht vorstellen, "dass ein Stadtteil von Osnabrück den europaweiten Standard in Frage stellen kann".

Die neuen Berliner Kissen (Gluckstraße). Foto: Gert Westdörp

Aus Ausgangsmaterial beider Modell ist Gummi, wie Grass erklärte. Bei den alten Kissen wurden Gummischnitzel verwandt, bei den neuen kommen Gummiplatten zum Einsatz, die härter verpresst werden. Das erhöht die Lebensdauer. Die alten Modelle seien dem hohen Verkehrsdruck auf dem Westerberg nicht gewachsen. Die Verschleißspuren seien schon jetzt deutlich zusehen. 

Berliner Kissen verschwinden

Neun Berliner Kissen auf der Gluckstraße/Händelstraße sollen auf einstimmigen Beschluss des Verwaltungsausschusses umgehend entfernt werden. Der Grund: Rettungswagen werden beim Überfahren so stark durchgeschüttelt, dass die Patienten leiden. Rettungsdienste aus dem Nordkreis meiden deshalb das Klinikum und steuern andere Krankenhäuser an. Die Kosten für die neun Doppelelemente: 70.000 Euro.


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