Serie zum Osnabrücker Wissensforum Wahrheit oder Legende. Hat es einst eine Päpstin Johanna gegeben?

Thomas Vogtherr (Gastautor)

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Thomas Vogtherr ist Professor für die Geschichte des Mittelalters. Foto: André HavergoThomas Vogtherr ist Professor für die Geschichte des Mittelalters. Foto: André Havergo

Osnabrück. Wenn ich Filmproduzent wäre, würde ich auf jeden Fall eine Päpstin Johanna für zwingend nötig halten. Sex sells, könnte man sagen. Und was wäre Schlüpfrigeres denkbar, als eine junge Frau an der Spitze eines Machtapparates, der aus alten Männern mit – wie wir heute zu wissen glauben – womöglich problematischen Moralbegriffen besteht?

Aus solchen Überlegungen speiste sich 1996 der Bestseller „Die Päpstin“ der amerikanischen Autorin Donna Cross und 2009 dessen Verfilmung durch Sönke Wortmann mit der großartigen Johanna Wokalek in der Hauptrolle.

Elemente sind sexistisch und frauenfeindlich

Aber die Geschichte von der angeblichen Päpstin ist lang, und sie hat ihren Ort in einer Papstkritik, die weit in das Mittelalter zurückreicht. Die Elemente dieser Geschichte sind sexistisch und frauenfeindlich. Vor allem aber sind sie erstaunlich gleichbleibend. Das macht es einfach, die Geschichte zu erzählen:

1277 veröffentlicht der Dominikanermönch Martin von Troppau, damals Inhaber eines hohen Amtes am Papsthof in Rom, eine populär gewordene „Chronik der Kaiser und Päpste“. Es ist das vielleicht meistgelesene Geschichtsbuch des Mittelalters. Darin berichtet er von einer angeblichen Päpstin namens Johanna, die während einer Prozession durch das Rom des 9. Jahrhunderts eine Sturzgeburt erlebt und am Straßenrand entbunden habe. Martin von Troppau gibt dieser Geschichte zwei verschiedene Ausgänge: Entweder enden die Päpstin und ihr Neugeborenes durch Tod noch am Straßenrand, oder sie werden in ein Kloster verbannt.

Geschichte gilt als erfunden

Dass es ältere Erzählungen ähnlichen Inhalts gibt, sei nur erwähnt. In ihnen hatte die Päpstin noch keinen Namen, soll angeblich zwei Jahrhunderte später, also im 11. Jahrhundert, amtiert und kein Kind bekommen haben.

11. Osnabrücker Wissensforum
Beim 11. Osnabrücker Wissensforum im November 2018 haben 33 Professoren der Universität Osnabrück Fragen von Lesern der Neuen Osnabrücker Zeitung beantwortet. Heute als Beitrag: Wahrheit oder Legende. Hat es einst eine Päpstin Johanna gegeben?


Seit dem 17. Jahrhundert gilt die Geschichte als erfunden, vom ersten bis zum letzten Buchstaben. Vor allem ist in der durchweg bekannten Abfolge der Päpste seit dem 9. Jahrhundert an keiner einzigen Stelle ein zeitlicher Platz, in dem man das Pontifikat einer solchen Päpstin unterbringen könnte. Es gibt keinerlei Zeugnisse ihres Wirkens, keinen Hinweis in irgendwelchen Schriftstücken, die nicht auf Martins Chronik zurückgehen.

Zeitkritik an Papsttum

Dafür gibt es aber viele Anknüpfungspunkte, dass gerade im 13. Jahrhundert eine solche Geschichte geglaubt werden konnte: Gerade eben vor der Niederschrift von Martins Chronik war mit Papst Clemens IV. eine der widerlichsten Gestalten auf der Cathedra Petri gestorben. Zu dessen weniger herausragenden Äußerungen über missliebige Zeitgenossen gehörte der Ausspruch, dass die letzten Staufer als „stinkende Kadaver von Pestmenschen“ zu bezeichnen seien. Martin von Troppau war Stauferfreund, muss man dazu wissen. Seine Erfindung einer Päpstin war Zeitkritik an einem moralisch aus dem Ruder gelaufenen Papsttum.

Jüngst hat nun ein vermeintlicher Spezialist die Frage neu aufgegriffen. Kurz gesagt nur dies dazu: Ein Schweizer Ägyptologe, der als Privatgelehrter und Lehrbeauftragter an einer australischen Universität mindestens fragwürdige, wenn nicht unsinnige Bücher schreibt, hat sich der Sache angenommen. Aus einer falsch gelesenen Umschrift einer Münze des 9. Jahrhunderts hat er gefolgert, es habe eben doch einen Papst namens Johanna gegeben. Für die Lateiner unter Ihnen: Er bezeichnet den Genitiv „Johannis“ als zu „Johanna“ gehörig. So etwas richtet sich selber. Mit demselben Recht könnte man auch behaupten, unsere Bundeskanzlerin sei engelsgleich. Schließlich heißt sie Angela.


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