Serie zum Osnabrücker Wissensforum Mozart-Effekt. Macht Musik schlau?

Von Christoph Louven (Gastautor)

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Osnabrück. Lassen Sie mich mit einer Frage beginnen: Lieben Sie Mozart? Wenn Mozart Sie genau so bezaubert wie mich, dann sind Sie vielleicht nicht überrascht, welch wundersame Wirkungen gerade seiner Musik gelegentlich zugeschrieben werden. Da sollen Kühe mit Mozart bessere Milch geben, Zimmerpflanzen besser wachsen – und „schlau machen“ soll Mozarts Musik selbstverständlich auch.

Letzteres wird dann gerne als sogenannter Mozart-Effekt bezeichnet. Dieser Mozart-Effekt geht zurück auf das Jahr 1993, als amerikanische Neurobiologen in der renommierten Zeitschrift Nature eine kleine Studie veröffentlichten, in der die Versuchspersonen nach dem Hören einer Mozart-Klaviersonate in einem Intelligenztest kurzzeitig signifikant bessere Leistungen zeigten als Versuchspersonen, die keine Musik gehört hatten.

11. Osnabrücker Wissensforum
Beim 11. Osnabrücker Wissensforum im November 2018 haben 33 Professoren der Universität Osnabrück Fragen von Lesern der Neuen Osnabrücker Zeitung beantwortet. Heute als Beitrag: Mozart-Effekt. Macht Musik schlau? 


Das war ein sehr bemerkenswertes Ergebnis, das damals nicht nur in Fachkreisen, sondern auch in der breiten Öffentlichkeit enorme Wellen geschlagen hat. Es ist ja auch eine faszinierende Botschaft: Um die eigene kognitive Leistungsfähigkeit zu steigern, muss man nicht etwa trainieren, lernen, sich anstrengen, sondern man braucht nur regelmäßig klassische Musik zu hören, am besten Mozart.

Da erstaunt es dann nicht, dass in der Folge in Georgia jedes Neugeborene eine Klassik-CD geschenkt bekam, und in Florida gar gesetzlich verfügt wurde, dass in den Kindergärten eine Stunde täglich klassische Musik gehört werden sollte. Journalisten haben sich dann für das Ganze die griffige Bezeichnung Mozart-Effekt ausgedacht und alle Welt wusste fortan: Mozart macht schlau!

Diese Grafik zum Vortrag stammt von Kunststudentin Christina Porat. Grafik: Porat


Allerdings ist es auch hier wie überall: Wenn für komplexe Sachverhalte allzu einfach gestrickte Lösungen präsentiert werden, sollte man misstrauisch werden! Und tatsächlich hat die Sache einen großen Haken: Trotz vielfachen Bemühens konnten diese spektakulären Ergebnisse von anderen Forschergruppen nicht wiederholt werden. Auch in großen Nachuntersuchungen zeigte sich der Mozart-Effekt kein einziges Mal wieder. Auch wenn er immer wieder gerne in der Presse herumgeistert, ordnet man ihn daher in Fachkreisen inzwischen zweifelsfrei dem Reich pseudo-wissenschaftlicher Mythen zu.

Aber beinhaltet das Aus für den allzu simplen Mozart-Effekt auch eine Antwort für den zweiten Teil der Frage? Dahinter steckt ja letztlich die Frage, ob sich Musik vielleicht besonders positiv auf unser Gehirn und seine Leistungsfähigkeit auswirkt. Und hier kann man dann sagen: Ja, das tut sie!

Christoph Louven ist Professor für Systematische Musikwissenschaften. Foto: André Havergo


Unser Gehirn kann sich in jeder Lebensphase durch Anregungen aller Art weiter entwickeln – man nennt dies Neuroplastizität. Musik ist deshalb eine so einzigartige Form der Anregung, weil sie den ganzen Menschen anspricht: Geist, Seele und Körper. Wir vollbringen komplexe geistige Leistungen, wenn wir den Fluss der Töne nicht etwa als chaotisch, sondern als sinnvolle Abfolge von Motiven, Rhythmen und Harmonien erleben; wir werden von Musik emotional zu Tränen gerührt oder in den siebten Himmel gehoben; und Musik kann uns so in die Glieder fahren, dass uns nichts mehr auf dem Stuhl hält.

Von dieser einzigartigen, umfassenden Anregung profitieren auch alle Bereiche des Gehirns in besonders umfassender Weise. Dies gilt für das Hören, aber noch viel mehr für das aktive Machen von Musik; dies gilt auch für jede Form von Musik, nicht nur für Mozart. Daher kann man in einem etwas komplexeren Sinne doch sagen: Musik macht vielleicht nicht schlau, aber sie kann uns dabei helfen, schlau zu werden.


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