Serie zum Osnabrücker Wissensforum Klimawandel, Religionskriege, Vermüllung der Meere. Wie geht's der Zukunft?

Von Wolfgang Schneider (Gastautor)

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Osnabrück. Um unsere Zukunft scheint es schlecht bestellt. Die Fokussierung von Prognosen auf negative Erwartungen erscheint symptomatisch für unsere Gegenwart. Zukunftspessimismus dominiert. Inwiefern das tatsächlich etwas über unsere Zukunft aussagt, ist naturgemäß noch unsicher.

Zuverlässigeres lässt sich daraus über unsere Gegenwart entnehmen. Ich will mich deshalb auf die Frage konzentrieren, welche Veränderungen im Bereich unserer Gegenwartserfahrungen zu dieser pessimistischen Umstimmung unserer Zukunftserwartungen geführt haben.

11. Osnabrücker Wissensforum
Beim 11. Osnabrücker Wissensforum im November 2018 haben 33 Professoren der Universität Osnabrück Fragen von Lesern der Neuen Osnabrücker Zeitung beantwortet. Heute als Beitrag: Klimawandel, Religionskriege, Vermüllung der Meere. Wie geht's der Zukunft?


Bis in die 1970er Jahre dominierten eher optimistisch gestimmte Zukunftserwartungen. Abzulesen ist dies etwa an der Konjunktur wissenschaftlich-technischer Utopien und der Überzeugung der grundsätzlichen Plan- und Steuerbarkeit gesellschaftlicher Entwicklung. Seitdem häuften sich Erfahrungen und Erwartungen, die in Richtung Zukunftspessimismus deuten. Wichtige Wegmarken waren hier unter anderem die Rückkehr von Arbeitslosigkeit nach dem Ende des Nachkriegsbooms und das Versagen der Politik der „Globalsteuerung“, die Ölkrise der 1970er Jahre und die Prognose definitiver „Grenzen des Wachstums“ durch den Club of Rome, das sogenannte Waldsterben in den 1980er Jahren, die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl und der Zusammenbruch der sozialistisch-kommunistischen Staaten.

Wolfgang Schneider ist Professor für Allgemeine Soziologie. Foto: André Havergo


Seit Beginn des 21. Jahrhunderts dann die sogenannten neuen Kriege, die Vermehrung gescheiterter Staaten, der transnationale Terrorismus, die Weltfinanzkrise von 2007/2008, der Klimawandel und die jüngsten Migrationsbewegungen. Zusammengenommen verweisen diese Erfahrungen auf die Grenzen von Machbarkeit und Planbarkeit in den Bereichen riskanter Großtechnologien, im Verhältnis der Gesellschaft zur natürlichen Umwelt sowie im Blick auf die innergesellschaftlichen Verhältnisse.

Hintergrund des sich so formierenden Erfahrungszusammenhangs, der zur Dominanz dystopisch gestimmter Zukunftserwartungen beigetragen hat, ist der Trend der Globalisierung: Ein weltumspannendes System massenmedialer Kommunikation informiert uns ständig über Entwicklungen in anderen Weltgegenden und hat so zu einer enormen Erweiterung unseres Erfahrungsraums geführt. Zugleich unterliegt die Auswahl dessen, worüber berichtet wird, spezifischen Selektionskriterien.

Weltweite Auswirkungen

Im Vordergrund medialer Berichterstattung stehen Krisen, Konflikte und Katastrophen. Globalisiert sind dabei nicht nur die Kommunikationsverhältnisse, sondern auch die Beziehungen realer Interdependenz. Und weil lokale Krisen in weit entfernten Regionen weltweite Auswirkungen haben können, werden sie in der Berichterstattung der Massenmedien ständig auf ihr globales Krisenpotenzial abgetastet und so in die Ankündigung potenzieller Bedrohungen für uns transformiert.

Die Funktion solcher Prognosen besteht freilich nicht in der möglichst korrekten Vorhersage der Zukunft. Sie zielen vielmehr auf die Alarmierung der Gesellschaft und die Mobilisierung entgegensteuernder Interventionen, die ihr Eintreten verhindern sollen. Insofern handelt es sich um Vorhersagen, die letztlich auf ihre eigene Widerlegung zielen. Für die zukünftige Entwicklung unserer Zukunftserwartungen lässt sich daraus die Vermutung ableiten, dass wir uns auf eine Situation des Daueralarms durch ständig neu erzeugte Negativprognosen einstellen müssen, von denen sich – so können wir nur hoffen – viele als unzutreffend erweisen werden.


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