Serie zum Osnabrücker Wissensforum Masern, Meningokokken: Warum hat Deutschland keine Impfpflicht?

Von Henning Allmers (Gastautor)

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Osnabrück. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat aus Anlass des Welt-Polio-Tags am 28. Oktober 2017 dazu aufgerufen, sich gegen Infektionskrankheiten impfen zu lassen. „Wir wissen zum Beispiel bei Masern, dass wir zum Teil auch wieder steigende Fälle haben, und da kann das Impfen wirklich helfen“, so die Bundeskanzlerin.

Die Forderung nach einer Impfpflicht macht sich Frau Merkel nicht zu eigen. „Die Hürden für den Staat, so eine Verpflichtung auszusprechen, sind aus guten Gründen in Deutschland recht hoch“, erklärt sie mit Hinweis auf das Selbstbestimmungsrecht jedes Bürgers. Deshalb habe man sich für eine Impfberatung durch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung entschieden. „Als mündige, selbstständige Bürgerinnen und Bürger, die wir in Deutschland natürlich sind, sollte jeder diese Entscheidung abwägen“, so die Bundeskanzlerin.

11. Osnabrücker Wissensforum
Beim 11. Osnabrücker Wissensforum im November 2018 haben 33 Professoren der Universität Osnabrück Fragen von Lesern der Neuen Osnabrücker Zeitung beantwortet. Heute als Beitrag: Masern, Meningokokken. Warum hat Deutschland keine Impfpflicht?


Hier liegt Merkel nach Ansicht von Experten falsch. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte fordert seit Jahren eine Impfpflicht für Kinder, die eine Kita besuchen. Argumente von Impfgegnern lässt der Verbandspräsident Fischbach nicht gelten. „Ich habe keine Lust mehr, mich mit Verschwörungstheoretikern auseinanderzusetzen, Impfungen sind gut verträglich und bieten einen hohen Schutz vor gefährlichen Erkrankungen. Lässt man sie weg, führt das zu Todesfällen, die einfach nicht sein müssten.“ Vielleicht kann eine Änderung des falschen Ansatzes der Kanzlerin unter Minister Spahn erfolgen, da die Regierung nun in der Organspende eine Widerspruchslösung einführen will.

Henning Allmers ist Professor für Gesundheitswissenschaften. Foto: André Havergo


Im Mai 2017 starb eine 37-jährige Mutter von drei Kindern in Essen an den Masern. Sie hatte die zweite notwendige Schutzimpfung nie erhalten. Bei Kindern ab zwölf Monaten empfehlen die Mediziner der Ständigen Impfkommission (STIKO) die erste Impfdosis gegen Masern. Die zweite soll bis zu einem Alter von zwei Jahren gespritzt werden. Erst dann sind sie ausreichend gegen das Virus geschützt. Und hier beginnt das Problem. Kinder, die 2013 geboren wurden, bekamen bundesweit zu 95,9 Prozent ihre erste Masernimpfung. Doch mit zwei Jahren hatten erst 73,7 Prozent von ihnen die zweite Dosis erhalten.

"Ein beschämendes Ergebnis"

„Im Jahr 2015 stellte Deutschland über 60 Prozent der Masernfälle in der Europäischen Union. Ein beschämendes Ergebnis für ein Land mit so einem Gesundheitssystem und so einem Bruttoinlandsprodukt“, sagt Sabine Wicker. Sie ist Mitglied der STIKO am Robert Koch-Institut (RKI). Nur in Italien und Rumänien gibt es ähnlich gravierende Probleme mit den Masern. Aber beide Länder haben inzwischen reagiert: Italien hat eine Impfpflicht eingeführt, Rumänien plant ein Gesetz, um die Impfquoten zu verbessern.

Abschließend möchte ich Ihnen aus meiner eigenen Erfahrung berichten: Wer, wie meine Kommilitonen und ich während des Verlaufs eines Semesters das langsame Sterben der achtjährigen Nadine an einer Masern-Enzephalitis verfolgen musste, der wird kein Verständnis für die Theorie aufbringen, dass es für den menschlichen Organismus besser ist, eine Krankheit durchzumachen, als seine Kinder impfen zu lassen.

Impfpflicht nötig

Nietzsche schrieb: „Was mich nicht umbringt, macht mich stärker.“ Nadine und viele andere Patienten sind durch impfpräventable Krankheiten umgebracht und nicht gestärkt worden.

Impfungen können Todesfälle auch in unserem Land verhindern. Wir brauchen eine Impfpflicht in Deutschland, wie sie bereits in den sieben EU-Ländern Belgien, Frankreich, Italien, Kroatien, Tschechien, Ungarn und Lettland vorgeschrieben ist. 


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