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Probleme für Rettungsdienst Verkehrsbuckel auf dem Westerberg werden wieder abgebaut

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Berliner Kissen an der Gluckstraße.  Foto: Jörn MartensBerliner Kissen an der Gluckstraße. Foto: Jörn Martens

Osnabrück. Die Bremsbuckel auf einer wichtigen Zufahrt zum Klinikum Osnabrück verschwinden wieder. Der Grund: Rettungswagen werden beim Überfahren der Berliner Kissen so stark durchgeschüttelt, dass Patienten leiden. Es wurden nämlich andere Kissen als ursprünglich geplant aufgebracht.

Der Verwaltungsausschuss hat am Dienstagabend einstimmig beschlossen, neun Berliner Kissen auf der Händelstraße und Gluckstraße unverzüglich wieder abzubauen. Der Antrag war von der CDU/BOB-Gruppe gekommen. 

Die Initiative von CDU und BOB geht zurück auf eine Beschwerde von Klinikum-Geschäftsführer Martin Eversmeyer. Der hatte im November in einem Schreiben an Oberbürgermeister Wolfgang Griesert beklagt, dass die Berliner Kissen unzumutbare Erschütterungen in Rettungswagen auslösen, die den Patienten unnötige Schmerzen bereiten und zu unkalkulierbaren gesundheitlichen Risiken führen. 

Der Leiter des Notaufnahmezentrums im Klinikum, Mathias Denter, bestätigt das in einem Gespräch mit unserer Redaktion. Die Besatzungen von Rettungswagen aus Westerkappeln und dem Nordkreis beschwerten sich regelmäßig über die Behinderungen durch die Berliner Kissen, nähmen Umwege oder suchten gleich ein anderes Krankenhaus auf. Klinikum-Geschäftsführer Evemeyers weist in seinem Brief an die Stadt darauf hin, dass wegen der Buckel weniger Rettungswagen aus dem Nordkreis das Klinikum ansteuern. Das hat fürs Klinikum auch wirtschaftliche Folgen. 

Plan B nach dem Aus für die Westumgehung

Die Berliner Kissen sind Teil von Plan B zur Verkehrsberuhigung des Westerbergs, nachdem 2014 die Entlastungsstraße West in einer Bürgerbefragung gescheitert war. Anwohner, Verkehrsexperten, Interessenvertreter und Politiker hatten sich nach einem langen Diskussionsprozess darauf geeinigt, insgesamt 39 Bremsbuckel auf den Durchgangsstraßen des Westerberges aufzubringen. 

Die Kissen sind so beschaffen, dass Lastwagen und Busse weitgehend ungehindert darüber hinwegrollen können, Pkw-Fahrer aber zur behutsameren Fahrweise gezwungen werden. 2016 ließ die Stadt die Buckel von vier verschiedenen Lieferanten in der Praxis testen. Dazu befuhr auch die Berufsfeuerwehr die Kissen-Teststrecke mit einem Rettungswagen, einem Notarzteinsatzfahrzeug und einer Drehleiter. Die Fahrzeuge konnten die Kissen "annähernd erschütterungsfrei" passieren, wie es in einem Bericht der Verwaltung heißt. Dem Einsatz der Kissen stehe aus Sicht der Feuerwehr nichts entgegen, hieß es. 

Den Zuschlag erhielt eine Firma, deren Kissen sanft ansteigen, den geringsten Lärm machen und die Fahrzeuge nicht zu stark durchrütteln. Diese Kissen wurden im ersten Bauabschnitt auf der Mozartstraße aufgebracht.

Modell Mozartstraße. Das ist nach dem Test ausgewählt worden. Foto: Gert Westdörp


Lieferant ändere das Modell

Dann ändere die Lieferfirma das Modell. Das Material der neuen Generation ist härter, die Kante steiler, das Kissen selbst zehn Zentimeter breiter. Rettungsfahrzeuge mit Zwillingsreifen können diese Buckel nicht ohne Berührung überqueren. Im Oktober 2017 fragten CDU und BOB deshalb bei der Verwaltung nach. In der Antwort der Verwaltung heißt es, die Lieferfirma habe versichert, dass die neuen Modelle "im Wesentlichen die gleichen Eigenschaften besitzen wie sein Vorgänger".

Modell Gluckstraße. Der Hersteller änderte Material und Form. Foto: Gert Westdörp


Das stimmt aber nicht, wie die Verwaltung selbst einräumt. Die Geräuschentwicklung und der vom Autofahrer wahrgenommene Stoß seien "wesentlich stärker" als beim Vorgängermodell. Die Verwaltung stehe mit dem Lieferanten in Kontakt, um Abhilfe zu schaffen, hieß es in der Antwort auf die Anfrage von CDU/BOB. Weil seither nichts Konkretes passiert ist, stellte die Ratsgruppe jetzt den Eilantrag in der Sitzung des Verwaltungsausschusses.

Gesamtkosten von 270.000 Euro

Stadtbaurat Frank Otte versicherte, die Verwaltung wäre auch ohne Beschluss des Verwaltungsausschusses in naher Zukunft aktiv geworden. Die neun Doppelelemente würden "zeitnah" abgebaut. Es sei zu bedenken, dass die Stadt Regressforderungen gegen den Hersteller stellen könne. "Das muss jetzt das Rechtsamt prüfen, wir wollen ja das Geld wiederhaben", so Otte. Die neun Kissen auf der Gluckstraße/Händelstraße haben nach Angaben der Stadt 70.000 Euro gekostet. 2017 waren 25 Kissen aus Gummi verlegt worden. Die Kosten: 200.000 Euro. 

Die Kissen waren von Anfang an umstritten. Schon in der Testphase 2016 hatten 70 Anlieger ihren Protest schriftlich an die Stadt herangetragen. Im September 2018 nach Freigabe der umgebauten Gluckstraße, meldete sich Dierk Meyer-Pries, Osnabrücker Oberstadtdirektor von 1983 bis 1995, in einem ausführlichen Schreiben an die Redaktion kritisch zu Wort. Meyer-Pries, der auf dem Westerberg wohnt, bewertete das Verkehrskonzept als "unausgewogen" und "maßlos" und äußerte seine Befürchtungen, es könnte zu Schäden an Gesundheit und Sachwerten kommen. Die "stereotypen und abwiegelnden Hinweise der Stadt" bezeichnete er als "Veralberung der betroffenen Verkehrsteilnehmer". Auch Meyer-Pries wies auch auf die "körperlichen Erschütterungen" hin, denen die Autoinsassen beim Überfahren selbst bei sehr niedriger Geschwindigkeit ausgesetzt seien. Auch im Bürgerforum im November 2018 forderten Anwohner den Rückbau der Kissen.

Ohne Abstimmung mit der Politik

CDU-Fraktionschef Fritz Brickwedde kritisierte, dass die veränderten Kissen ohne Abstimmung mit den politischen Gremien und ohne Information der Anwohner aufgebracht worden sind. Viele Autofahrer bremsten beim Anfahren stark ab und beschleunigten anschließend wieder, was zusätzlichen Lärm verursache. Schwerwiegender aber seien aber die Gefahren für Patienten. "Die Erschütterungen sind ein erhebliches Risiko, das einer schwer verletzten oder kranken Person nicht zumutbar ist", so Brickwedde. 

Und die Verkehrsberuhigung?

Stadtbaurat Otte kündigte an, möglichst bald den Dialog mit dem Runden Tisch Westerberg zu suchen. Die Berliner Kissen seien ein wichtiger Bestandteil des Konzeptes zur Verkehrsberuhigung.

Dass die Rettungswagen Probleme haben, liege auch an Falschparkern in der Gluckstraße. Die Fahrer der Rettungsfahrzeuge müssten um die geparkten Autos einen kleinen Bogen machen und können deshalb nicht geradeaus und berührungsfrei die Buckel überfahren.

FDP sieht sich bestätigt

Die Freien Demokraten sehen sich in ihrer ablehnenden Haltung bestätigt.Fraktionschef Thomas Thiele wird in einer Mitteilung mit den Worten zitiert: „Für die Kranken in den Rettungswagen ist die Strecke zur Tortour geworden. Auch die Beschwerden von Anwohnern häufen sich. Die FDP war von Anfang an die einzige Fraktion, die sich gegen die Berliner Kissen ausgesprochen und alternative Verkehrsberuhigungsmaßnahmen aufgezeigt hat. Wir hatten vorgeschlagen, stattdessen die Straßenzüge für den Durchfahrtverkehr zu sperren und lediglich Anliegerverkehr, Rettungsfahrzeuge und ÖPNV zu erlauben. Nach einer Probephase hätten die Straßen dann mit automatischen Schranken ausgerüstet werden können." Die Verwaltung müsse endlich die Scheuklappen abnehmen, die Kissen entfernen und eine für alle Beteiligten akzeptable Alternative finden.


Berliner Kissen

Verursachen das Abbremsen und Anfahren zusätzlich Lärm? 

Der Abstand zwischen den Kissen ist nach Angaben der Verwaltung so gewählt, dass die Autofahrer zu gleichmäßiger Fahrt veranlasst werden. Mit Tempo 30 könnten die Kissen problemlos überfahren werden. Zusätzlicher Lärm entstehe nicht. Die Oberfläche der Kissen habe eine Lärm mindernde Beschaffenheit.

Fahren die Autofahrer langsamer?

Vor und während der Testphase im Winter 2016/2017 mit vier Kissen auf dem Lieneschweg ließ die Stadt die Geschwindigkeiten messen. Die sogenannte v85-Geschwindigkeit (die Geschwindigkeit, die von 85 Prozent der Autofahrer unterschritten wurde), betrug vor dem Aufbringen der Kissen 38 km/h. Mit Kissen sank die v85-Geschwindigkeit auf 36 km/h. "Es bleibt festzuhalten, dass die gleichmäßigen Abstände der Kissenpaare zu einem gleichmäßigen Geschwindigkeitsniveau führen", heißt es in der Bilanz der Verwaltung.

Wird der Verkehr weniger werden?

Vor und während der Testphase passierten 8300 Pkw binnen 24 Stunden den Lieneschweg. Die Testkissen hatten also keinen Einfluss auf die Verkehrsmenge. Allerdings war auch nur ein kurzer Abschnitt von etwa 500 Metern mit den Bremsbuckeln bestückt.

Beeinträchtigen die Kissen den Busverkehr? 

Die Stadtwerke haben Testfahrten mit einem Solobus (Länge 12 m) und einem Gelenkbus (18 m) unternommen. Störungsfrei ist die Überfahrt nicht, da die hinteren Zwillingsreifen die Kissen überfahren. Das Überholen von langsamen Radfahrern ist erschwert. Fazit der Stadtwerke: Die Kissen mindern die Beförderungsqualität.

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