Serie zum Osnabrücker Wissensforum Können wir den Welthunger mit Käfer-Ravioli lindern?

Von Florian Fiebelkorn (Gastautor)

Florian Fiebelkorn ist Dozent für Biologiedidaktik. Foto: André HavergoFlorian Fiebelkorn ist Dozent für Biologiedidaktik. Foto: André Havergo

Osnabrück. Können wir den Welthunger mit Käfer-Ravioli lindern? Die eindeutige Antwort lautet: Nein, weil viele Menschen auf unserem Planeten sich vor Ravioli ekeln! Die Antwort ist natürlich ironisch gemeint, weil die Frage im Titel eigentlich darauf abzielt, welches Potenzial Nahrungsmittel aus Insekten im Sinne einer gesunden und nachhaltigen Ernährung der Weltbevölkerung haben. Im Folgenden soll eine ernst gemeinte Antwort anhand von zwei Leitfragen gegeben werden.

Warum sollten wir überhaupt Insekten essen?

Im Jahr 2014 wurden allein in Deutschland tagtäglich mehr als 2.160.000 Millionen Tiere geschlachtet. Neben der moralischen Frage, ob wir Tiere für unsere Ernährung töten sollen, hat die Produktion von Fleisch schon jetzt verheerende Auswirkungen auf unsere Umwelt und unser Klima. Wenn der Fleischkonsum parallel zur Weltbevölkerung weiter ansteigt, werden sich auch unsere Umwelt- und Klimaprobleme immer weiter zuspitzen.

Diese Grafik stammt von Kunststudentin Christian Porat. Grafik: Porat


Insekten, wie zum Beispiel Buffalo-Würmer und Heuschrecken, können im Vergleich zu konventionellen Nutztieren wie Schweinen, Rindern und Hühnern, wesentlich umweltfreundlicher und nachhaltiger produziert werden. So wird für die Produktion der genannten Insekten wesentlich weniger Fläche und Wasser verbraucht als bei konventionellen Nutztieren. Im Vergleich zu Fleisch weisen Buffalo-Würmer und Heuschrecken einen höheren Protein- und Fettgehalt sowie eine bessere Mineralstoffzusammensetzung auf. Um es kurz zu machen: Viele Insektenarten sind gesünder und ihre Produktion ist nachhaltiger.

Warum essen wir noch keine Insekten?

Eine typische Antwort lautet: Weil wir noch nie Insekten gegessen haben! Diese Antwort ist aus vielen Gründen falsch. So essen derzeit in über 130 Ländern mehr als zwei Milliarden Menschen Insekten. Auch ein Blick in die Menschheitsgeschichte bestätigt, dass selbst die hoch zivilisierten Griechen und Römer ausgewählte Heuschrecken-Arten als Delikatessen gegessen haben. Selbst in Deutschland wurden noch bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts „Maikäfersuppen“ verzehrt. Zudem werden viele unserer heutigen Nahrungsmittel mithilfe von Insekten hergestellt, so zum Beispiel Honig oder viele Süßigkeiten und Marmeladen, die mit dem roten Lebensmittelfarbstoff Karmin (E 120) angefärbt werden, der mit Hilfe der Scharlach-Schildlaus gewonnen wird.

11. Osnabrücker Wissensforum
Beim 11. Osnabrücker Wissensforum im November 2018 haben 33 Professoren der Universität Osnabrück Fragen von Lesern der Neuen Osnabrücker Zeitung beantwortet. Heute als Beitrag: Bald neun Milliarden Menschen. Können wir den Welthunger mit Käfer-Ravioli lindern?


Die weitaus häufigere Antwort auf die zweite Leitfrage lautet: Weil Nahrungsmittel aus Insekten ekelig sind! Statt das Phänomen „Ekel vor Nahrungsmitteln“ aus ernährungspsychologischer und kulturhistorischer Sicht zu beleuchten, erfolgt hier eine biologische Beschreibung von zwei für uns typischerweise „nicht-ekeligen“ Nahrungsmitteln: Milch und Schinken. Bei Milch handelt es sich im Prinzip um das gefilterte Blut einer Milchkuh, das als Drüsensekret ausgeschieden und schließlich von uns getrunken wird. Schinken ist im Prinzip nichts anderes, als ein geräucherter und damit mumifizierter Leichenteil eines Schweins, der von uns gegessen wird.

Springen Sie also über Ihren Schatten, überwinden Sie Ihren Ekel und geben Sie Insekten als Nahrungsmittel eine Chance! Durch einen Umstieg von Fleisch auf Nahrungsmittel aus Insekten als Fleischersatzprodukte – oder noch besser auf eine rein pflanzliche Ernährungsweise – kann die zukünftige Ernährung der Weltbevölkerung sicherlich nachhaltiger gestaltet werden.


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