Serie zum Osnabrücker Wissensforum Herpesviren. Auslöser für psychiatrische Störungen?

Henning Schöttke (Gastautor)

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Osnabrück. Viele von uns kennen die Infektionen mit dem Herpes simples Virus, Typ 1 (HSV-1), der eine bläschenartige entzündliche Infektion im Lippenbereich auslösen kann. Sollte so eine „einfache“ Infektion der Auslöser für so komplexe und ansonsten schwer zu behandelnde psychische Erkrankungen, wie die Schizophrenie, bipolare oder die depressive Störung sein? Die Familie der Herpesviren umfasst neun beim Menschen vorkommende sogenannte humane Virustypen.

Im Sommer 2018 fanden Würzburger Virologen in einem Kollektiv menschlicher Hirnbiopsien, also einer Sammlung konservierter und präparierter Hirnschnitte von verstorbenen Menschen, in den Hirnschnitten von ehemaligen Patienten mit bipolarer oder depressiver Störung eine höhere Infektionsrate mit dem humanen Herpesvirus 6 (HHV-6), als bei den Biopsien von nicht depressiv erkrankten Menschen. Obwohl vorherige wissenschaftlich bessere Untersuchungen keine entsprechenden Unterschiede nachweisen konnten, war die spekulative Hypothese zur Auslösung schwerer psychischer Erkrankungen durch einen Herpesvirus wieder in den Medien publik.

11. Osnabrücker Wissensforum
Beim 11. Osnabrücker Wissensforum im November 2018 haben 33 Professoren der Universität Osnabrück Fragen von Lesern der Neuen Osnabrücker Zeitung beantwortet. Heute als Beitrag: Herpesviren. Auslöser für psychiatrische Störungen? 


Trotz der vielfältigen wissenschaftlichen Mängel dieser Studie ist die Hypothese insofern attraktiv, da sie sehr gut mit dem aktuellen und empirisch gut bestätigten Vulnerabilitäts-Stress-Modell der Schizophrenie vereinbar ist. In diesem Modell führen dauerhafte biologische oder genetisch bedingte Vulnerabilitäten in Interaktion mit umweltbezogenen Stressereignissen zur Auslösung einer Krankheitsepisode. Danach könnten im menschlichen Gehirn vorhandene Herpesviren, durch eine erhebliche Stressbelastung aktiviert, akute oder chronische Entzündungen im Gehirn hervorrufen, die zu den empirisch gut belegten Hirnveränderungen zum Beispiel schizophren erkrankter Menschen führen und entsprechende kognitive und emotionale Symptome der oben genannten Erkrankungen hervorrufen.

28 Untersuchungen ausgewertet

Wie sieht die empirische Bewährung der Hypothese aus? Wang und Kollegen konnten in der angesehenen Zeitschrift Nature mit einer Metaanalyse, das heißt einem komplizierten statistischen Verfahren zur numerischen Zusammenfassung und Bewertung empirischer Studien, belegen, dass von potenziell 16 relevanten Mikroben fünf Mikroben, darunter drei Herpesviren, statistisch bedeutsam gehäuft bei depressiven Patienten nachzuweisen sind. Es wurden dazu die Ergebnisse von 28 relevanten wissenschaftlichen Untersuchungen ausgewertet.

Henning Schöttke ist Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapie. Foto: André Havergo


Für die Schizophrenie, die bipolare Störung und die Zwangserkrankung konnte ebenfalls in einer Metaanalyse ein erhöhter Befall von entsprechend erkrankten Menschen mit dem Parasiten Toxoplasma Gondii, der häufig von Katzen übertragen wird, gegenüber gesunden Kontrollen festgestellt werden. Dieser Parasit kann im Gehirn zu Entzündungen führen, die psychotische Symptome hervorrufen.

Wenn man die Forschung zu diesen Fragestellungen der letzten Jahre bewertet, dann bleiben viele Fragen offen. Wir können nicht eindeutig wissenschaftlich belegen, dass Herpesviren oder andere Mikroben schwere psychische Störungen auslösen können und schon gar nicht verursachen können. Es kann auch so sein, dass sich psychisch erkrankte Menschen gehäuft entsprechende Infektionen zuziehen. Für beide Interpretationen liegen wissenschaftliche Belege vor. So etwas wie einen Schizophrenievirus gibt es schon gar nicht.


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